Lokale Kultur

Zwischen zappelnden Apfelschnitzen und einstürzenden ...

KIRCHHEIM Die Freude darüber, den neu gewählten Ortsvorsteher schon einen Tag nach seiner Wahl in der Naberner Zehntscheuer begrüßen zu können, war dem Vereinsvorsitzenden Klaus Neuhäuser deutlich anzumerken. Clemens Moll und seine Partnerin mussten nach

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der erneuten Fahrt von Saulgau nach Nabern "scherzhaft" erkennen, dass sie hier ab sofort nicht nur unter Beobachtung stehen, sondern zwangsläufig auch in der ersten Reihe sitzen, was bei aus der Kabarettszene kommenden Künstlern nicht immer nur eine dankbare Aufgabe sein muss.

Ohne es zu wollen, rückte der neue Mann immer wieder in den Brennpunkt begierlichen Interesses von Tina Häussermann und Fabian Schläper, die in der gut besuchten Naberner Zehntscheuer Spieltrieb und libidinösen Gedanken freien Lauf ließen und den neuen Ortsvorsteher gleich einem ersten öffentlichen Praxistest unterzogen. Humor hat er, das steht nach der nicht allzu ernsthaften Prüfung vor Publikum und laufenden Video-Kameras fest. Den wird er auch brauchen bei künftigen Kabarettabenden im Naberner Bürgerhaus und wenn er in Sitzungssaal und Verwaltungsgebäude in die bunten Fußstapfen von Nicolas Fink tritt.

Dass Tina Häussermann und Fabian Schläper eine Zugabe zuletzt nicht werden vermeiden können, war schon von Beginn an klar. Schließlich sind sie ausgezeichnete Künstler Tina Häussermann beispielsweise mit dem "Kleinkunstförderpreis Baden-Württemberg 2004" und der "Böblinger Mechthild 2004". Der in Kirchheim aufgewachsene Fabian Schläper, der seine Karriere im zarten Alter von sechzehn Jahren als Go-Go-Boy neben und hinter dem Stuttgarter Travestiestar "Frl. Wommy Wonder" begann, wurde ebenfalls 2004 zum Stipendiaten des GEMA-Förderseminars Celle für Textschaffende gewählt und für sein Soloprogramm "ich dich auch nicht" mit dem "Kleinkunstpreis des Landes Baden-Württemberg 2006" ausgezeichnet. Mit einem 1. Platz bei der "Krefelder Krähe 2006" und einem 1. Platz beim Wettbewerb "Die Krönung 2007" im schweizerischen Burgdorf sind sie inzwischen "zu zweit" als "DuoChansonKabarett" auf der Erfolgsstraße unterwegs.

Gegen Ende des Abends markierte ein kaum mehr zu überbietender Ohrwurm den eigentlichen Höhepunkt des Abends. Da zu begeistert geforderte Zugaben eine mühevoll erarbeitete Dramaturgie auch "zerklatschen" können, gab es statt eines gelungenen Schlusses ein applausträchtiges, aber langes Ende.

Wer mutwillig geht, wo "stehen" steht, um dann zu stehen, wo "gehen" steht und dann auch zugibt, "ganz kurz vorm letzten Stück, dreh' ich um und renn zurück", hat zweifellos den Spieltrieb im Blut und lässt sich vielleicht zu leicht zu immer neuen "Schandtaten" hinreißen. Auch wenn sie anfangs noch ostentativ darunter litten, einfach immer nur "viel zu nett" zu sein, verschärfte das "DuoChansonKabarett" rasch die Pointendichte und das Gefahrenpotenzial der im kabarettistischen Kleinkunstkrieg eingesetzten Waffen. Suboptimalen Coiffeuren ins Haar zu greifen, sie durch den Laden zu schleifen, im Farbenbottich zu schwenken und schließlich im Waschbecken zu ertränken, war der Einstieg in schrille Tagträume. Ernsthaft bedroht ist zeitweilig auch das Leben eines Schnitzel servierenden Kellners, den sie am liebsten filettieren, sieden und blanchieren wollen, sich dann aber doch artig für die "zwischen leichenblassen Pommes" und Salatlappen liegenden verkohlten "Schlappen" bedanken.

Für poetische Chansons für immer verlorenes, Techno-Kram hörendes "Pubertäts-Gesocks" binden die beiden gnadenlos "mit dem Ohr an die Box" und drehen zwischen Mordgefühlen und Lauschangriff wankend die Anlage so lange bis zum Anschlag auf, bis der Leichtmatrose im Oberstock wieder in See sticht. Ob das angesichts des zurückkehrenden Ehemannes gut gehen kann, wird am Schluss mit einem Schuss geklärt, von den für Rettungsversuche und Zeugenaussagen gleichermaßen "viel zu netten" Ohrenzeugen aber geflissentlich überhört.

Fabian Schläper und Tina Häussermann, die wahlweise Bücher bekleckern oder sie bei der "blauen Stunde im Bad" so lange untertauchen lassen, dass sie sich beim Trocknen auf der Heizung vom schmalen Reclam-Heftchen zum voluminösen "Zauberberg" aufblähen, haben unendlich viele andere drückende Sorgen.

Voller Entsetzen müssen sie erkennen, dass sie in einer Welt leben, in der Kinder "Iduna" getauft werden und das, wo es doch so viele schöne Namen gibt.

"Donato" zum Beispiel, aber der bereitet den Eltern auch nur bedingt Freude, wenn er im Supermarkt ein Wunderwerk des Dosenbaus zerstört und fast von herunterrasselnden Ravioli-Behältnisssen erschlagen wird. "Haldor", "Vanda" und "Urs" haben es namenstechnisch auch kaum besser. Besonders bemitleidenswert steht "Friedtjof" da, denn seinen Namen kann man einfach nicht stöhnen.

Überhaupt kein Mitleid haben Tina Häussermann und Fabian Schläper dagegen mit der Politesse, die die Kerle gleich reihenweise abschleppt. Als "Teufelsweib" und "dunkelblaues Grauen" wird die nach BAT bezahlte Domina diskreditiert, dass es schon Züge des Unkorrekten in sich trägt. Um Nerven und Portemonnaie zu schonen, wird sie mit Sekundenkleber so gut am Wischblatt festgeleimt, dass sie Stadtverkehr und Bundesstraße noch gut übersteht. Erst auf der A 7 zeigt sie bei Tempo hundertachtzig plötzlich Ablösungserscheinungen und flattert bei guter Thermik noch eine Weile im Wind.

In der zweiten Halbzeit brachten die lästerlastigen Liedermacher noch lustbetonter Liebesthemen und Lebenslust auf die Bühne und spielten prickelnde Erotik und Emotionen erbarmungslos aus. Wie der von Tina Häussermann "mit diesem einen tiefen Ton" gnadenlos angemachte Fabian Schläper schließlich auf dem Klavierdeckel vor sich hinschmachtet, musste auch all denjenigen Freude bereiten, die die "noch" laszivere und vor allem auch in umgekehrter Besetzung gespielte Szene aus "Die fabelhaften Baker Boys" nicht kennen. Michelle Pfeiffer räkelt sich dort vor Erotik geradezu knisternd im geschlitzten roten Kleid auf Jeff Bridges schwarzglänzendem Flügel.

Echte Gefühle konnten während des Chansonabends eigentlich nie übersehen werden, denn "Hetero Klaus in der Technik" dimmte in solchen sinnlichen Momenten immer rechtzeitig das Licht, das er sofort wieder aufblendete, wenn die wahren Fragen des Lebens knallhart gestellt und kabarettistisch verzerrt zum Teil auch beantwortet wurden. Statt noch lange für Tina Häussermanns "mit ohne alles" oder Fabian Schläpers "ich dich auch nicht" zu werben, wäre der Abend nach einem wahren Paukenschlag von Schluss allen Beteiligten vielleicht doch besser in Erinnerung geblieben.

Mit dem Lied "Da ist der Wurm drin" hätte das Publikum pointierter als durch die späteren Zugaben und vor allem mit einem absoluten Hochgenuss aus der Zehntscheuer entlassen werden können. Schließlich hatte sich das tinitusbewegte Lied über den gemeinen Wurm, der einen Apfelschnitz den man ja eher vegetarisch genießen möchte zum Zappeln bringen kann, als wahrer Ohrwurm erwiesen.

Eine noch größere Gefahr für Leib und auch künftiges Leben stellt ein anderer Wurm dar. Mit seiner unstillbaren Lust auf "Kiefer massiv" bereitet der dem ambitionierten Liebeswerben einer Hochzeitsnacht einen jähen, aber keineswegs amourösen Höhepunkt genau in dem Moment, als die wurmunterwanderte Statik der sich steigernden Ekstase nicht mehr standhalten kann.