Das Kirchheimer Krankenhaus muss zurzeit mit rund 50 Betten weniger auskommen
Wohin mit den Patienten?

Das Kirchheimer Krankenhaus platzt aus allen Nähten. Wegen eines Baustopps und weiterer Baumaßnahmen sind viele Betten nicht in Betrieb. Bevor nicht entschieden ist, wie es mit den Kliniken im Landkreis weitergehen soll, wird sich daran nichts ändern.

Kirchheim. Auf der Charlottenstraße reißen Bagger den Belag auf, aber nebenan auf der Baustelle des Kirch­heimer Krankenhauses tut sich rein gar nichts. Das Gebäude der psychiatrischen Tagesklinik und der neue Bettentrakt existieren nur im Rohbau. „Als die Strukturdiskussion aufkam, haben wir den Bau gestoppt“, erklärt Thorsten Lukaschewski, ärztlicher Direktor der Klinik Kirchheim. Das war im Oktober. Seitdem ist viel über die Schließung des Plochinger Krankenhauses und die Zukunft der Kreiskliniken diskutiert worden. Für das Kirchheimer Krankenhaus hat diese Strukturdebatte ganz praktische Auswirkungen. „Wegen des Baustopps und anderer Baumaßnahmen sind von 250 Betten nur 203 in Betrieb“, sagt Thorsten Lukaschewski. Das Krankenhaus platzt also aus allen Nähten.

Den Bau der psychiatrischen Tagesklinik in Kirchheim hat der Kreistag 2003 beschlossen, als Teil eines Maßnahmenpakets, das unter anderem den Neubau der Klinik Nürtingen beinhaltete. Der Nürtinger Neubau ist längst eingeweiht, aber ob die Klinik Kirchheim eine Psychiatrie bekommt, steht in den Sternen. Noch vor drei Wochen sah es so aus, als würde sich der temporäre Baustopp der psychiatrischen Tagesklinik in einen dauerhaften verwandeln. Hätte sich der Kreistag nämlich für das sogenannte Szenario 4plus entschieden, also für die Schließung des Plochinger Krankenhauses, hätte Kirchheim dauerhaft die Chirurgie und die Rheumatologie geerbt. Die Psychia­trie jedoch würde in Nürtingen angesiedelt. Nun ist wieder alles offen, weil der Kreistag mehrheitlich beschlossen hat, Gespräche mit dem Städtischen Klinikum Esslingen über eine gemeinsame Klinikgesellschaft anzustreben. Szenario 4plus ist jedoch noch nicht vom Tisch.

Wie voll das Kirchheimer Krankenhaus ist, ist an vielen Stellen zu beobachten. Als Oberarzt Ingo Holler beim Rundgang durch das Krankenhaus die Schwestern nach einem leeren Zimmer fragt, das er vorzeigen kann, erntet er Gelächter. Weil die Stationen aufgrund der reduzierten Bettenzahl nicht mehr aufnahmefähig sind, gibt es in der zentralen Notaufnahme häufig einen Rückstau. Im Gipsraum, in den Fluren, überall liegen dann Patienten, umgeben von Pflegern, die schon lange nicht mehr wissen, wohin mit ihnen. „Das ist eine Güterabwägung. Das Personal muss entscheiden, ob es den Patienten auf den Flur legt, in ein ohnehin schon volles Zimmer oder ob es ihm anbietet, sich in ein anderes Haus verlegen zu lassen“, schildert der Chirurg Ingo Holler das Dilemma der Mitarbeiter. Thorsten Lukaschweski ergänzt: „Die Betten auf den Flur zu stellen, ist der letzte Notnagel.“ Das sei für den Patienten entwürdigend, weil er keine Privatsphäre habe und auch keine Klingel, mit der er um Hilfe rufen könne. Letztlich sei keine dieser Notlösungen befriedigend für die Patienten.

Doch nicht nur für die Patienten bedeutet das überfüllte Krankenhaus Stress. „Die Nerven der Mitarbeiter sind sehr gespannt, weil kein Ende in Sicht ist“, sagt Thorsten Lukaschews­ki in Anspielung auf die schwebende Strukturdiskussion. „Und je mehr die Mitarbeiter unter Stress kommen, desto mehr geben sie das an die Patienten weiter.“ Für den ärztlichen Direktor ist deshalb klar: „Wir brauchen eine klare Strategie, und zwar schnell.“ Er selbst war Teil der Arbeitsgruppe, die die Szenarien erarbeitet hat, und outet sich als Fan von 4plus. „Wenn die Psychiatrie nach Kirchheim kommt, wird die Wahrnehmung der Klinik Kirchheim als Akutkrankenhaus geschwächt“, glaubt er. Hingegen werde der Standort gestärkt, wenn die Rheumatologie und die Chirurgie, die schon vor einigen Monaten in Teilen nach Kirchheim umgezogen ist und bis auf Weiteres dort bleiben soll, dauerhaft in Kirchheim angesiedelt würden. Käme die Psy­chiatrie nach Kirchheim, würde sich im operativen Bereich, der die Chi­rurgie, die Gynäkologie und die HNO beinhaltet, die Zahl der Betten von aktuell 102 auf 52 reduzieren. „Und das, obwohl wir mit der heutigen Bettenzahl schon überbelegt sind“, kritisiert Lukaschewski.