10.01.2017 - 02:02 Uhr

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Was Baden mit Württemberg verkuppelt

Löschtechnik Das Kirchheimer Feuerwehrmuseum lädt zu Streifzügen in die Geschichte ein. Unter anderem lässt sich einiges über Gemeinsamkeiten und Unterschiede im heutigen Baden-Württemberg lernen. Von Andreas Volz

Was Baden mit Württemberg verkuppelt
Was Baden mit Württemberg verkuppelt

Hundertsechzig Jahre 
Geschichte lassen sich in Kirchheim auf zwei Stockwerken erfassen – und zwar im Feuerwehrmuseum. Zunächst klingt das etwas speziell, weil es „nur“ um die Geschichte der Feuerwehr und des Löschwesens geht. Tatsächlich aber kann man im Kirchheimer Feuerwehrmuseum auf diverse historische Streifzüge gehen. Alltagsgeschichte kommt ebenso vor die Entwicklung von Ausrüstung und Uniformen, von Fahrzeugen oder auch die technische Geschichte der Alarmierungssysteme.

In Reih und Glied präsentieren sich im Kirchheimer Feuerwehrmuseum die historischen Löschfahrzeuge (großes Bild oben). Im ersten Stock ist unter anderem Atemschutzgerät zu sehen.Fotos: Andreas Volz
In Reih und Glied präsentieren sich im Kirchheimer Feuerwehrmuseum die historischen Löschfahrzeuge (großes Bild oben). Im ersten Stock ist unter anderem Atemschutzgerät zu sehen.Fotos: Andreas Volz

Helmut Eiting, Erster Vorsitzender des Vereins der Freunde und Förderer der historischen Feuerwehrtechnik, führt die Ursprünge des Kirchheimer Museums auf den 28. Februar 1847 zurück: Im badischen Ausland, in Karlsruhe, brannte damals das Hoftheater. 63 Menschenleben waren zu beklagen. Es gab allerdings auch großes Lob: für das Pompier-Corps aus Durlach, das einerseits in Manövern auf den Ernstfall vorbereitet worden war und das andererseits über mordernstes Gerät zur Brandbekämpfung verfügte.

Was das nun mit Kirchheim zu tun hat? Man hat auch damals schon Erfahrungen ausgetauscht: Wenige Monate später, am 8. August 1848, brannte es in der Kirchheimer Heidenschaft, wie die Stadtgeschichte berichtet. Herzogin Henriette hatte gerade markgräflichen Besuch aus Baden, und so kam es, dass sie auf dessen Empfehlung eine Delegation der Stadt Kirchheim nach Karlsruhe schickte. Diese Reise wiederum führte Ende 1848 / Anfang 1849 zur Gründung der Kirchheimer Feuerwehr.

Die Geschichte des Feuerlöschwesens reicht freilich noch viel weiter zurück als nur bis zum Karlsruher Theaterbrand vor 160 Jahren. Helmut Eiting erzählt bei einer Museumsführung von der Zuständigkeit der Zünfte: Die mussten einst dafür sorgen, dass ihre Mitglieder Leitern und Einreißhaken bereitstellten. Das Einreißen von Häusern war damals ein wirkungsvollerer Schutz gegen die Ausbreitung eines Feuers in der Stadt als das Löschen, das mühsam mit Eimerketten erfolgte. Gleichwohl war jeder Haushalt verpflichtet, für den Ernstfall einen Ledereimer zur Verfügung zu stellen. Mit moderner Löschtechnik hatte das ungefähr so viel zu tun wie Rauchzeichen mit E-Mails.

Neuester Stand der Technik zu Anfang des 19. Jahrhunderts war eine Dampfspritze, über die Helmut Eiting nicht ohne Stolz zu sagen weiß: „Kirchheim hat sich damals die dritte Dampfspritze in ganz Württemberg geleistet.“ Das war ein enormer Fortschritt im Vergleich zur Handdruckspritze: „Da waren sechs Leute gleichzeitig am Pumpen, und nach zehn Minuten mussten sie abgelöst werden.“

Einen großen Anteil am Feuerlöschwesen in Kirchheim hatten auch die großen Unternehmen mit ihren Werksfeuerwehren. Sie waren es, die die ersten Löschfahrzeuge anschafften. In diesem Zusammenhang erwähnt Helmut Eiting eine große Streitfrage, über die man heutzutage gar nicht mehr nachdenkt: „Es gab lange eine große Scheu vor Benzinmotoren, weil man sagte, Benzin und Feuer, das passt nicht zusammen.“

Auch über die moderne Feuerwehr wollen die Besucher der privaten Führung jetzt plötzlich mehr wissen. Helmut Eiting hat auch hierzu die wesentlichen Fakten parat: „Innerhalb von acht Minuten nach der Alarmierung muss die Feuerwehr in Kirchheim ausrücken.“ Rund 300 Einsätze habe allein die Abteilung Kirchheim jedes Jahr. In 50 Prozent aller Fälle handle es sich aber inzwischen um technische Hilfeleistungen.

Dann geht es schon wieder zurück zur Geschichte: Wieder gab es eine Brandkatastrophe, die entscheidende Folgen hatte, dieses Mal 1933 in Öschelbronn. Die Kupplungen der badischen und der württembergischen Feuerwehren passten nicht zusammen. Drei Jahre später begann die deutschlandweite Umstellung auf die bis heute gebräuchliche Storz-Kupp­lung.

Nicht mehr in Gebrauch ist hingegen das Alarmierungssystem der 1920er-Jahre: die Weckerlinie. Elektrisch waren die Häuser der Wehrmitglieder im Notfall zu erreichen. Für andere Kirchheimer war das ein enormer Vorteil, wurden sie doch nicht mehr von den Kirchenglocken aus dem Schlaf gerissen.

Noch eine weitere Katastrophe brachte das Löschwesen voran: die „Urkatastrophe“ des Ersten Weltkriegs. Erfahrungen mit Giftgasangriffen an der Front verbesserten in der Folge den Atemschutz bei der Feuerwehr.

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