19.02.2016 - 02:17 Uhr

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Politik spielend erklärt

Zuschauer nicht nur auf den Rängen, sondern auch auf der Tribüne, und die Kandidaten mitten drin im Geschehen – das ist „Wahlopoly“. In der Kirchheimer Bastion stellten sich fünf Bewerber aus dem Wahlkreis Kirchheim dieser spielerischen Art der Podiumsdiskussion.

Andreas Volz
Moderatorin Gesa von Leesen erklärt die Spielregeln von „Wahlopoly“, während die fünf Kandidaten am Spielfeld gebannt lauschen (von links): Andreas Schwarz (Grüne), Karl Zimmermann (CDU), Andreas Kenner (SPD), Ulrich Kuhn (FDP) und Heinrich Brinker (Linke).Foto: Jean-Luc Jacques
Moderatorin Gesa von Leesen erklärt die Spielregeln von „Wahlopoly“, während die fünf Kandidaten am Spielfeld gebannt lauschen (von links): Andreas Schwarz (Grüne), Karl Zimmermann (CDU), Andreas Kenner (SPD), Ulrich Kuhn (FDP) und Heinrich Brinker (Linke).Foto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. Die Regeln sind angelehnt an das Brettspiel „Monopoly“. Aber eigentlich sind sie nicht so wichtig. Beim „Wahlopoly“-Abend, den DGB und Bastion gemeinsam veranstaltet haben, gibt es ja nichts zu gewinnen. Der einzige Gewinn, den Moderatorin Gesa von Leesen in Aussicht stellt, ist ein möglicher Erkenntnisgewinn. Den aber haben dann weniger die Kandidaten als vielmehr das Publikum, das sich fragt, wer am 13. März ein Kreuzchen bekommen sollen.

Mithilfe eines großen Schaumstoffwürfels bewegen sich die Kandidaten abwechselnd über das Spielfeld. Sie müssen Fragen beantworten oder dürfen selbst einem Mitkandidaten Fragen stellen. Wie bei Monopoly, kann man auch im Gefängnis landen, was beim CDU-Kandidaten Karl Zimmermann für besondere Freude sorgt. Immerhin ist er im wirklichen Leben häufig im Gefängnis anzutreffen: als Strafvollzugsbeauftragter der CDU-Landtagsfraktion.

Bei Wahlopoly bringt ihn schon der zweite Zug ins Gefängnis – zunächst noch als Besucher. Detailliert klärt er die Zuschauer in der Bastion über den Urlaubsanspruch von Gefangenen auf, die im Gefängnis einer Arbeit nachgehen. Vom Mindestlohn für Gefangene hält er indessen nichts. Ihre Arbeit sei nicht zu vergleichen mit der Arbeit „draußen“. Es sei mehr als Therapie und Vorbereitung zu sehen. Und: „Mit der Arbeit der Gefangenen verdient das Land Baden-Württemberg nichts. Es zahlt drauf.“

Auch anderen beschert das Würfelglück mitunter die Möglichkeit, über ihre ureigenen Themen sprechen zu können. Der Grünen-Abgeordnete Andreas Schwarz kann beispielsweise seine Forderungen zum öffentlichen Nahverkehr aufstellen: Halbstundentakt als Mindestfrequenz, ordentliche Qualität – wozu für ihn vor allem Barrierefreiheit und Pünktlichkeit gehören – und schließlich noch „Bezahlbarkeit“.

An dieser Stelle macht wieder einmal der Linken-Kandidat Heinrich Brinker vom Veto-Recht Gebrauch, das jeden Mitspieler sofort zu Wort kommen lässt – auch wenn er eigentlich nicht an der Reihe wäre. Er ist dafür, zumindest ein Sozialticket beim VVS einzuführen. Andreas Schwarz legt seinerseits ein Veto ein und erklärt kraft seiner Sachkompetenz: „Ein Sozialticket ist in einem Flächenlandkreis gar nicht so leicht umzusetzen.“ Außerdem benachteilige es Arbeitnehmer im Niedriglohnsektor, die vielleicht nur eine Halbtagsstelle haben.

SPD-Kandidat Andreas Kenner verknüpft geschickt ein aktuelles Kirchheimer Thema mit dem öffentlichen Nahverkehr: „Man kann von Herrenberg bis Kirchheim mit der S-Bahn fahren. Es gibt aber keine Toilette im Zug.“ Anschließend erhält er Zustimmung von Andreas Schwarz, wenn er eine direkte S-Bahn-Verbindung von Kirchheim über Wendlingen zum Flughafen und zur Messe fordert.

Diese Einigkeit bestätigt Kenners Aussage, die Fortsetzung der derzeitigen Regierung sei im am liebsten. Koalitionsgespräche mit der Linken – sollten sie nötig werden – lehnt er zwar nicht grundsätzlich ab. Aus seiner Aussage dazu kann man aber alles Mögliche heraushören: „Koalitionsverhandlungen hängen von den Personen und von den Programmen ab – aber auch von der Aussicht, ob man wirklich fünf Jahre lang gemeinsam eine vernünftige Politik machen kann.“

An einem Punkt ist sich Andreas Kenner durchaus mit dem Linken-Bewerber Brinker einig. Brinker spricht von „massiven Investitionen“ für die Unterbringung von Flüchtlingen. Andreas Kenner ergänzt: „Junge Menschen, die hierher kommen, müssen Deutsch lernen, sonst haben sie keine Chance.“ Die Herausforderung sei groß. Bei der Bildung der Flüchtlinge ließe sich deshalb nichts einsparen.

Was die Bildung betrifft, so widerspricht FDP-Mann Ulrich Kuhn dem Kandidaten der Linken, der beim Thema „Inklusion“ langfristig die Abschaffung aller Sonderschulen anstrebt. „Inklusion ist wichtig“, setzt Kuhn dagegen, „aber mit Maß und Ziel. Selbstverständlich muss es auch weiterhin Sonderschulen geben, weil die Regelschule nicht für jedes Kind die richtige ist.“ Ähnlich sieht Ulrich Kuhn das bei der Gemeinschaftsschule: „Eine Schule für alle ist nicht so wichtig wie die richtige Schule für jeden.“

Auch Andreas Schwarz geht davon aus, dass es langfristig zwei Schularten geben werde: außer dem Gymnasium noch eine zweite Säule, die sich zwischen Gemeinschaftsschule und Realschule herausbilden werde.

Karl Zimmermann verteidigt indessen – so schnell ergeben sich eben bei Wahlopoly die Themenwechsel – die Polizei: Man dürfe aus der Tatsache, dass zwei Polizisten mit dem Ku-Klux-Klan zu tu hatten, nicht schließen, dass deshalb die gesamte Polizei im Land unterwandert sei. Und wo er schon am Verteidigen ist, verteidigt er auch gleich das Wahlsystem. Eine Stimme pro Wähler sei eine klare Sache. Eine Zweitstimme wie beim Bundestag hält er im Land nicht für nötig.

Kompliziert ist die Wahl also eher nicht. Umso komplizierter könnte dafür nach der Wahl die Regierungsbildung werden. Das dürfte deutlich länger dauern als die zwei Stunden Wahlopoly in der Bastion.

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