05.09.2015 - 02:17 Uhr

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Windräder bedrohen den Segelflug

In Kirchheim gibt es Widerstand gegen ein mögliches Vorranggebiet für Windkraftanlagen. Das scheint nichts Neues zu sein, ist es aber doch: Es geht um das Gebiet ES-08 südlich der Hahnweide. Sollten sich dort jemals Windräder drehen, würde das für den Segelflugsport das Aus bedeuten. Vor allem der lautlose Seilwindenstart wäre praktisch nicht mehr möglich.

Andreas Volz
Segelflieger zeigen Mitgliedern der CDU-Regionalfraktion auf der Hahnweide, welche Folgen eine Windkraftanlage für ihren Sport hätte.Foto: Deniz Calagan
Segelflieger zeigen Mitgliedern der CDU-Regionalfraktion auf der Hahnweide, welche Folgen eine Windkraftanlage für ihren Sport hätte.Foto: Deniz Calagan

Kirchheim. Die Hahnweide ist ein ebenso traditioneller wie stark eingeschränkter Standort für den Segelflug. Darauf verwiesen hochrangige Mitglieder des Baden-Württembergischen Luftfahrtverbands (BWLV), als sich die CDU-Fraktion im Verband Region Stuttgart über das mögliche Windkraftvorranggebiet ES-08 ein Bild vor Ort machen wollte. Etwa 1 000 von 11 000 aktiven Luftsportlern des BWLV nutzen die Hahn­weide als Basis für ihren Sport, rechnete Verbandspräsident Eberhard Laur vor. Außer der Hahnweide gebe es im Verbandsgebiet nur ein weiteres vergleichbares Zentrum: das Klippen­eck bei Spaichingen.

Wichtig sei die Hahnweide auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten, und zwar für den größten Segelflugzeugbauer der Welt, die Kirchheimer Firma Schempp-Hirth. Sämtliche Test- und Erprobungsflüge erfolgen auf der Hahnweide. Das bestätigte Geschäftsführer Ralf Holig­haus: „Für uns ist die Hahnweide ein wesentlicher Standortfaktor. Wir können nicht für jeden Flug zig Kilometer fahren.“

Einschränkungen für die Hahn­weide gibt es vor allem durch die luftrechtliche Situation: Der Norden und der Westen sind tabu, wegen der Nähe zum Flughafen in Echterdingen. Auch sonst gibt es viele Beschränkungen der Flugrouten rund um die Hahnweide, um die Lärmbelästigung durch Motorflüge für die Anwohner so gering wie möglich zu halten. Nur 80 von 360 Grad auf der Windrose stehen von der Hahn­weide aus als Startrichtung zur Verfügung.

Für den motorlosen Segelflug gibt es dabei noch weitere Schwierigkeiten: Die Segler sind beim Seilwindenstart nach dem Ausklinken darauf angewiesen, Aufwinde zu suchen. Häufig finden sie diese genau über dem möglichen Windkraftvorranggebiet ES-08. Aber auch wenn sie anderswo fündig würden, stünden ihnen die Windräder als unüberwindbares Hindernis im Weg, wie BWLV-Geschäftsführer Klaus Michael Hallmayer den CDU-Regionalräten kom­petent und detailliert erläuterte.

Bei Windrädern müssen die Luftsportler schon beim Vorbeiflug große Mindestabstände beachten, und den Höhenabstand könnten Segelflieger hier kaum einhalten: Die Mindesthöhe wäre bei ES-08 nahezu gleich wie die höchste erlaubte Höhe in diesem Luftraum. Es bräuchte also für jeden Flug Ausnahmegenehmigungen von der Luftaufsicht – abgesehen davon, dass die Höhe thermikbedingt gar nicht so leicht zu erreichen ist.

Präsident Laur zog gestern folgendes Fazit: „Der Windenstart wäre unter diesen Bedingungen gar nicht mehr möglich. Wir müssten dann also gerade den lautlosen Segelflug wahrscheinlich komplett einstellen.“

Die CDU-Regionalpolitiker zeigten großes Verständnis für die Nöte der Luftsportler. Jürgen Lenz, der CDU-Sprecher im Planungsausschuss, betonte: „Hier geht es nicht um Polemik oder um Verhinderungspolitik gegen Windräder, sondern um Sachargumente.“ Und genau diese Sachargumente haben gestern offensichtlich den Vorsitzenden des Verbands Region Stuttgart, Thomas S. Bopp, überzeugt: „Ich zweifle jetzt daran, dass man hier ein Vorranggebiet für Windkraftanlagen ausweisen kann.“ Wie allerdings die Mehrheiten Ende des Monats in der Regionalversammlung aussehen werden, dazu konnte auch Thomas Bopp noch keine verbindliche Aussage treffen. – Das Thema bleibt also spannend.

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