Kirchheim. Eine ungewöhnlich bleihaltige Atmosphäre herrschte im Saal der Waldorfschule Ötlingen, als dort Literatur und Gangstertum gemeinsam das Hohelied jenes Stoffes sangen, aus dem sowohl die Buchstaben für den (Buch-)Druck als auch die „blauen Bohnen“ für das Handwerkszeug der Unterweltler gefertigt werden beziehungsweise wurden.
Schüler der Klasse zwölf der Waldorfschule unter der Leitung von Stefanie Kuznik und Christian Klöcker begeisterten drei Mal vor vollem Haus mit ihrer Theateradaption von Woody Allens Gangster-Komödie „Bullets over Broadway“. Schmissige Sprüche, witzige Regietricks und ein effektvoller Einsatz von Ton- und Bühnentechnik addierten sich zu einer bemerkenswert ausgeprägten Bühnenpräsenz der Darsteller.
New York in der Zeit der Prohibition: Gangsterbanden kämpfen um jedes Viertel der City, „die niemals schläft“, und dabei pflastern etliche Leichen auch den Weg des Gangsterbosses Nick Valenti und seiner Leute. Valentis Vorliebe für ein Stiletto-staksendes Showgirl und deren Ehrgeiz, ein Broadway-Star zu werden, veranlassen den Gangster, sein Geld in ein Business zu investieren, mit dem er sonst nichts am Hut hat: ins Theater.
David Shayne hat ein neues Stück geschrieben und ist von seiner eigenen Arbeit völlig hingerissen. Nicht ganz so sehr sein Kumpel und Produzent Julian Marx, der einen Flop befürchtet. Da kommt Valentis Angebot, die Produktion zu finanzieren, gerade recht. Mit Bauchgrimmen nimmt Shayne in Kauf, dafür Valentis Freundin Olive, einem völlig talentfreien Dummchen, eine Schlüsselrolle zu übertragen. Das bringt etliche Probleme mit sich und hat zur Folge, dass sich der Finanzier über den Bodyguard Cheech in künstlerische Belange einmischt. Von nun an wird die Geschichte mehr als doppelbödig.
Der Künstler ist zunächst empört, wie man das von einem Woody-Allen-Protagonisten nicht anders erwartet. Doch dieser Cheech erweist sich als echtes Talent. Seine Ideen bringen das Stück auf Erfolgskurs. Doch nun ändern sich die Blickwinkel der Beteiligten: Autor David verteidigt Cheech gegenüber die Zugeständnisse, die man dem Finanzier gegenüber nun mal machen müsse, während der Gauner für die künstlerischen Aspekte bis zum Äußersten geht und Olive („Sie macht das Stück kaputt!“) kurzerhand abknallt.
Trotz intensiver Vorbereitung herrschte vor der Premiere natürlich Nervosität, und nicht alles lief bei der ersten Aufführung wie geplant. Doch trotz der kleinen Patzer bereiteten die jungen Mimen mit ihrer Interpretation der beißenden System- und ironischen Selbstkritik des dem intellektuellen Bildungsbürgertum entstammenden Filmemachers und Autors Woody Allen sich und ihren Zuschauern Vergnügen. Dafür lief es beim zweiten Anlauf, wie der die Aufführung betreuende Lehrer Christian Klöcker nicht ohne Stolz betonte, „nahezu perfekt“. Einen Riesenbeifall bekamen Lena Götz, die in der Rolle der dem Alkohol zugeneigten Schauspielerin Helen Sinclair überzeugen konnte, und der Darsteller des Stückeschreibers Shayne, Sebastian Flad. Geradezu hinreißend gab Mirjam Bogner die ebenso dämliche wie zickige Möchtegern-Actrice Olive, die schwarze Perlen für die Produkte verdorbener Austern hält. Ach ja, auch so etwas wie ein Happy End hat das Stück, an dessen Schluss der geläuterte Nun-nicht-mehr-Schriftsteller David seine Ellen mit dem Versprechen kriegt: „Ich schreibe nichts mehr. Ich werde Waldorf-Lehrer und unterrichte.“
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