Kirchheim. Geistreicher Witz und klangsinnlicher Genuss fanden in Bernhard Moosbauers literarisch-musikalischer Soirée aufs Glücklichste zusammen. Seine diesjährige Veranstaltung im Kirchheimer Kornhaus hatte er unter das Motto „An der Nordseeküste“ gestellt.
Warum Moosbauer, ebenso wie Jens Wollenschläger – seinem musikalischen Partner am Cembalo – der
Florian Stegmaier
Ruf eines Barockspezialisten vorauseilt, machte schon der Einstieg mit einer Violinsonate aus der Feder des Hamburger Universalgenies Johann Mattheson klar: ein stilkundiger und geschmacksicherer Umgang mit barocker Verzierungskunst und Affektenlehre in Verbund mit einem historischen, angenehm transparenten Klangbild ließen die vermeintlich „alte“ Musik in zeitloser Frische auferstehen.
Literarisch kreiste Moosbauer die Nordseeregion zunächst von den britischen Inseln herkommend ein. Oscar Wildes von feiner Ironie und skurrilem Witz gezeichnetes Märchen
Oscar Wildes feine Ironie und skurriler Witz
„The Remarkable Rocket“ („Die besondere Rakete“) erzählt von einem selbstverliebten Feuerwerkskörper, der zur Demonstration seiner Sensibilität in Tränen ausbricht, dabei aber so nass wird, dass er nicht mehr zündet und schließlich weggeworfen wird.
Anlässlich der Hochzeit eines märchenhaften Prinzen mit einer zauberhaften Prinzessin soll ein festliches Feuerwerk veranstaltet werden. Kurz vor ihrem großen Auftritt führen die versammelten Feuerwerkskörper eine aberwitzige Konversation über das Leben, die Liebe, Gott und die Welt. Am meisten zu erzählen hat eine schlanke, hochgewachsene Rakete. Ihr einziges Thema: sie selbst, die besondere Rakete.
Worauf sich die bedeutsame Rakete besonders viel einbildet, ist ihr vermeintlich hoch entwickeltes Gefühlsleben. So gelingt es ihr, sich in Tränen hineinzusteigern, indem sie sich vorstellt, der Prinz und die Prinzessin hätten einen einzigen Sohn, der durch einen Unfall ums Leben gekommen sei. Die anderen Feuerwerkskörper geben ihr zu bedenken, dass es nun, vor dem großen Feuer
Fantasielose und schlichte, gewöhnliche Knaller
werk, jedoch vor allem darauf ankomme, trocken zu bleiben. Was der bedeutsamen Rakete freilich nur beweist, wie fantasielos und schlicht die gewöhnlichen Knaller sind. Schließlich steigt eine nach der anderen zum Himmel auf und wird von der Hochzeitsgesellschaft bestaunt. Nur der besonderen, leider auch recht nassen Rakete, gelingt dies nicht. Als am nächsten Morgen der königliche Garten aufgeräumt wird, fliegt sie in hohem Bogen über die Mauer und landet in einem Graben. Dort trifft sie einen Frosch und eine Ente, die sich ihr Geschwätz anhören müssen, sich aber bald wieder davonmachen. Schließlich finden zwei Jungen die Rakete, die sie aber nur für einen gewöhnlichen Stock halten und in ihr Feuer werfen. Ungehört und ungesehen, am helllichten Tag, steigt die Rakete nun doch noch in die Luft, bis zuletzt am tragisch-selbstverliebten Irrglauben festhaltend, sie stünde im Mittelpunkt eines bedeutenden Spektakels.
Musikalischen Ausdruck verschafften Moosbauer und Wollenschläger dem Tränenmotiv mit ihrer Darbietung der „Pavane lachrimae“ von Johann Schop, der in seiner Geburtsstadt Hamburg städtischer Kapellmeister und Organist an der Kirche Sankt Jacobi war. Wie auch das gleichnamige Stück des Niederländers Jan Pieterszon Sweelinck, das Jens Wollenschläger am Cembalo zum Besten gab, basierte die Komposition auf einer Liedvorlage John Dowlands. Dowlands „Flow my Tears“ war seinerzeit ein europaweit geschätzter „Gassenhauer“, wenn auch mit einer künstlerischen Subtilität versehen, der die heutige Popularmusik nur noch selten nahekommt.
Profitierte schon der Vortrag des Wilde-Märchens von Bernhard Moosbauers parodistischem Talent, so lief der Rezitator im turbulenten Treiben der durch die Gebrüder
Furioses Finale für Violine und basso continuo
Grimm aufgezeichneten „Bremer Stadtmusikanten“ zur Hochform auf. Ein furioses Finale kredenzten beide Musiker mit der Sonate für Violine und basso continuo aus dem zweiten Teil der berühmten „Tafelmusik“ von Georg Philipp Telemann, der ebenfalls das Musikleben der Hansestadt Hamburg nachhaltig geprägt hat. Moosbauer und Wollenschläger zündeten hier ein Feuerwerk barocken Virtuosentums, das der stimmungsvollen Soirée zu einem prächtigen Abschluss verhalf.
