Kulturprogramm der Kirchheimer Vesperkirche: Kaffeehausabend mit dem Studentischen Salonorchester Tübingen
Der Mensch lebt nicht vom Brot allein

Kirchheim. Als im Jahr 1918 die Militärkapellen aufgelöst wurden, waren viele Musiker arbeitslos. Sie spielten fortan im Kaffeehaus, und


Peter Dietrich

es bildeten sich Salonorchester. Schon bald wurden diese wieder von neuen Geräten wie der Musikbox vertrieben. Mit dem Studentischen Salonorchester Tübingen lebt die Tradition indes weiter.

Weil der Mensch nicht vom Brot allein lebt, gehört zur Kirchheimer Vesperkirche auch ein Kulturprogramm. Zum vierten und letzten Kulturabend kam das Studentische Salonorchester Tübingen ins Alte Gemeindehaus. An den Tischen ließ es sich gemütlich sitzen und nebenbei etwas trinken und knabbern. In der Pause konnten sich alle mit Nachschub versorgen.

Bis das Ensemble zu Beginn des Konzerts komplett war, ließ der Mann am Klavier gelungene Variationen von Gershwins „Summertime“ erklingen. Weil der echte Sommer noch auf sich warten lässt, mussten die acht Musikerinnen und zwei Musiker ihre aus der frostigen Kälte gekommenen Instrumente anfangs einige Mal nachstimmen. Dem vergnüglichen Konzert vor vollem Haus tat das aber keinen Abbruch.

Die Studenten und Doktoranden des Tübinger Salonorchesters studieren keineswegs Musik – sondern unter anderem Geschichte, Englisch, Medizin und Volkskunde. Sie üben einmal wöchentlich und an zwei Wochenenden im Jahr. Einen „richtigen“ Dirigenten gibt es nicht, aber einen musikalischen Leiter: Joachim Jehn, der dem Ensemble seit zehn Jahren angehört und heute die erste Geige spielt. Er übernahm auch die Aufgabe, die einzelnen Titel – leider manchmal etwas nuschelnd – anzukündigen. Schwerpunkt waren Stücke aus den 1920er- und 1930er-Jahren. In ihrer Leichtigkeit bilden sie einen starken Gegensatz zu den dramatischen politischen und wirtschaftlichen Ereignissen der damaligen Weimarer Republik. Ablenkung war eben gefragt und ist wohl auch heute wieder bitter nötig.

Los ging es mit Max Oscheits Beduinenmarsch, gefolgt von einem Foxtrott. Ein Raunen ging durch die Zuhörer, als Joachim Jehn als nächstes Franz Lehárs „Gold und Silber“ ankündigte. Auf einen Tango folgte ein Ausflug in die Moderne, zum beliebten „Vois sur ton chemin“ aus dem Film „Die Kinder des Monsieur Mathieu“. Beim Stück über einen persischen Markt malten die Musiker den Zuhörern die Händler und die weiterziehende Karawane mit Tönen vor die Augen.

Damit alle mitsingen konnten, wurden die Texte vom „Jäger aus Kurpfalz“, von „Die Gedanken sind frei“ und „Marmor, Stein und Eisen bricht“ mit dem Beamer auf eine Leinwand geworfen. Es lohnte sich, und die Begeisterung war groß.

Musikalisch wieder zurück zur Salonmusik ging es dann unter anderem mit dem „Cigarettenmädel“ und „Das muss ein Stück vom Himmel sein“. Mit „Mariposa“ erklang nochmals ein Foxtrott. Mit dem Reitermarsch wurde der kurzweilige, amüsante und unterhaltsame Abend mit dem Komponisten beschlossen, dessen Musik ihn auch eröffnet hatte: Max Oscheit.

Jeder Musiker erhielt eine Rose und eine Kirchheimer Vespertüte

Selten habe das Ensemble ein so aufmerksames Publikum, lobte Joachim Jehn am Ende der Veranstaltung. Die Zuhörer entließen die Musiker nach knapp zweieinhalb Stunden mit viel Applaus und nach einer Zugabe: der Wiederholung des Beduinenmarsches. Und weil der Mensch neben Kultur das Brot braucht, gab es für den Heimweg mit Zug und Auto für die Musiker jeweils eine Rose und eine Kirchheimer Vespertüte.

Zu karitativen Zwecken spielt das Ensemble ohne Gage. Deshalb kommen die Spenden des Kaffeehausabends in voller Höhe der Vesperkirche zugute. Wer knapp bei Kasse war, konnte das Konzert bei freiem Eintritt genießen – und das, ohne dabei dursten zu müssen: Denn das Mineralwasser war ebenfalls gratis.