09.02.2012 - 02:02 Uhr

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Strapaziöse Wanderung auf Hölderlins Spuren

Ulrich Staehle

Kirchheim. In weiser Voraussicht hatte der Literaturbeirat die Veranstaltung vom Max-Eyth-Haus ins Kornhaus verlegt. Dort hatte sich 
eine große Hölderlin-Gemeinde eingefunden. Es gibt sie offensichtlich noch, die verschworene Gemeinschaft der Hölderlin-Fans, für die „Diotima“ ein Zauberwort ist. Doch die Fangemeinde ist trotz des noch vorhandenen Zulaufs insgesamt vom Aussterben bedroht. Deshalb treten immer wieder Verehrer auf den Plan, um seine Person und sein Werk wachzuhalten. In erster Linie ist hier Peter Härtling zu nennen, der seit seinem Hölderlin-Roman die Wirkungsgeschichte Hölderlins prägt.

Einen anderen Weg, Hölderlin wachzuhalten, hat 2007 Thomas Knubben gewählt. Er ist promovierter Germanist und lehrt an der Päda­gogischen Hochschule Ludwigsburg Kulturwissenschaften und Kulturmanagement. Im heimeligen Ausstellungsraum des Kornhauses berichtete er von Schnee, Kälte und körperlicher Erschöpfung. Er ist mitten im Winter dreiundfünfzig Tage von Nürtingen nach Bordeaux gewandert. Wie kommt ein Mensch auf diese Idee?

Knubben folgte den Spuren Hölderlins, der Anfang Dezember 1801 diese Strecke weitgehend zu Fuß zurückgelegt hat. Der Referent betonte einleitend, dass diese Wanderung deshalb so bedeutend ist, weil sie Hölderlins Leben „in zwei Hälften geteilt“ habe.

Obwohl Hölderlin als Hauslehrer in Bordeaux von der gastgebenden Familie freundlich aufgenommen wurde und diese ihm komfortable Bedingungen bot, nahm er nach nur drei Wochen Abschied. Nach seiner Rückkehr erschien er seinen Freunden erschöpft und erregt, „leichenblass, abgemagert, von hohlem wildem Auge, langem Haar und Bart, und gekleidet wie ein Bettler“. Trotzdem schuf er noch bedeutende Werke.

Die Geisteskrankheit setzte erst Jahre später ein. Die Hölderlin-Forschung rätselt bis heute über die Gründe seiner abrupten Rückkehr und seinen schlechten Zustand. Um der Lösung des Rätsels näher zu kommen, nahm Knubben die Strecke unter die Beine. Er berichtet in seinem kürzlich erschienenen Buch „Hölderlin. Eine Winterreise“ von seiner Spurensuche per pedes. In vierundzwanzig Kapiteln geht die Wanderung über die Alb, den Schwarzwald, nach Straßburg, und schließlich über Mömpelgard, Lyon und die Auvergne nach Bordeaux. Das ist schnell aufgezählt, aber mühsam und unter Entbehrungen erwandert. Jeden Abend galt es, ein Quartier zu suchen. Die Zuhörer staunten über die körperliche und mentale Kondition des einsamen Wanderers Knubben.

Das Wandern als Mittel, Hölderlin nahezukommen, gewinnt seinen Sinn aus der Tatsache, dass Hölderlin selbst ein passionierter Wanderer war. Das entsprach auch dem Zeitgeist. Nach eigenem Bekunden hat er bevorzugt beim Wandern gedichtet. Das hat sich auch in seinem Werk niedergeschlagen. Also lohnt es sich, die Strapazen auf sich zu nehmen.

Der Referent stellte aber bei seinen Textproben nicht die Mühsale des Wanderns in den Mittelpunkt, sondern Hölderlin, der auf der gesamten Route präsent ist. In Stuttgart hat Knubben das Urerlebnis, im Hölderlin-Archiv der Württembergischen Landesbibliothek („Dort liegt der Gral“) die Handschrift des Gedichtes „Andenken“ mit der viel zitierten Schlusszeile „Was bleibet aber, stiften die Dichter“ besichtigen zu dürfen. Dies ist das einzige Werk, in dem Hölderlin Bezug auf seinen Bordeaux-Aufenthalt nimmt.

Thomas Knubben wurde dabei bewusst, dass Hölderlin nie zufrieden war mit seinen Produkten. Selbst wenn sie gedruckt waren, brachte er noch Korrekturen an. Dichten ist ein nicht enden wollendes Ringen mit der Sprache. Anschaulich dokumentiert wird das in einer aufwendig ausgestalteten zweiten Ausgabe von Knubbens Unternehmung aus dem gleichen Verlag, die mit vielen Bilddokumenten aus der Zeit Hölderlins und künstlerisch verfremdeten aus der Gegenwart angereichert ist.

Beim Endziel Bordeaux hielt sich der Referent nicht etwa mit lokalen Gegebenheiten und persönlichen Erinnerungen an seine eigene Studienzeit dortselbst auf, sondern konzentrierte sich bei der Textauswahl ganz auf die ausgesprochen brisante Frage: Warum hat Hölderlin Bordeaux nur so fluchtartig verlassen und ist in solch einem verheerenden Zustand heimgekehrt? Seine Erklärung: Höchstwahrscheinlich hat Hölderlin über Mittelsmänner von der Krankheit und dem Tod der Susette Gontard, von Diotima, seiner vergöttlichten Geliebten, erfahren.

Knubben schafft einen bequemen Weg für jemanden, der einen Weg zu Hölderlin sucht. Der sorgfältige Nachweis der Zitate hilft weiter. Der vielschichtige Reisebericht erleichtert den Zugang, indem er sich dem Dichter nicht von oben herab nähert, sondern sich ihn bodenständig körperlich erkämpft. Was dem Wanderer beschwerlich ist, unterhält den Leser, zumal der Kulturmanager über einen leichtfüßigen Stil verfügt. Unterhaltsam sind natürlich eingestreute Anekdoten wie die von verlorenen Handschuhen und Rottweiler Hunden.

Doch auch der Hölderlin-Kenner kann zweifellos neue Einsichten gewinnen. Der Dichter war keineswegs ein körperloses vergeistigtes Wesen, sondern groß und robust gebaut. Und was besonders bitter ist: Seine Mutter, geprägt von pietistischer Enthaltsamkeitsethik, geizte mit dem Familienvermögen. Sie hätte ihm die würdelosen Hauslehrerstellen ersparen und stattdessen das ersehnte Leben eines freien Schriftstellers ermöglichen können.

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