24.05.2011 - 02:15 Uhr

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Bilder ohne Horizont und Himmel

Wolf-Dieter Truppat
Ausstellungseröffnung Erdgeschoss im Kornhaus: Johanna Helbling-Felix (links), Fotografie und Zeichnung "Sicht_Flug"
Ausstellungseröffnung Erdgeschoss im Kornhaus: Johanna Helbling-Felix (links), Fotografie und Zeichnung "Sicht_Flug"

Kirchheim. Distanz, alternative Wahrnehmungen und – daraus resultierend – alternative Perspektiven, nannte Gerhard Gertischtke bei
 seiner Begrüßung als die entscheidenden Elemente der aktuellen Ausstellung „Sicht_Flug“, die noch bis Sonntag, 3. Juli, in der Städtischen Galerie im Kornhaus zu sehen ist.

Besonders wichtig war dem Leiter des Amtes für Bildung, Kultur und Sport die durch die Ausstellung der Fotografien, Zeichnungen und Collagen von Johanna Helbling-Felix hergestellte Verbindung zu Kirchheim als Fliegerstadt. Durch diese Verknüpfung einer Ausstellung in der Städtischen Galerie und dem Hahnweide-Segelflug-Wettbewerb, der in der Zeit vom 27. Mai bis 4. Juli in Kirchheim ausgetragen wird, sei es dem Kunstbeirat der Stadt einmal mehr gelungen, „herausragende städtische Kirchheimer Merkmale und Faktoren aufzugreifen und zu thematisieren“.

Gezeigt werde dabei den Besuchern, wie angenehm es sein könne, Dinge ganz bewusst aus einer Distanz zu betrachten. Zugleich erhielten die Ausstellungsbesucher mit den Arbeiten von Johanna Helbling-Felix aber auch Gelegenheit, die eigene Position zu verändern und aus einem anderen Blickwinkel auf die Dinge zu schauen, um dann eventuell zu neuen Perspektiven zu kommen.

Auf die Bedeutung der neuen künstlerischen Aspekte, die sich aus der von Johanna Helbling-Felix gewählten Vogelperspektive ergeben, ging die Kunsthistorikerin und Kulturwissenschaftlerin Marjetta Hölz aus Stuttgart in ihrer Einführung in die Ausstellung näher ein. Auch wenn die Landschaft das erklärte Thema von Johanna Helbling-Felix sei, „werden wir bei ihr keine Komposition mit Horizont und Himmel finden“, sensibilisierte Marjetta Hölz die Ausstellungsbesucher für das zu erwartende Besondere in den Arbeiten der Künstlerin. An die Stelle der gewohnten Bildelemente trete eine Komposition, der die Erfahrung des Fliegens immer innewohnt. Dabei gehe es nicht nur um die Gestalt der Erdoberfläche, sondern auch um dazwischen liegende Schichten.

Dass die von Johanna Helbling-Felix eingesetzten Techniken nicht immer sofort bestimmbar sind, machte die Kunsthistorikerin Marjetta Hölz an einem Motiv aus dem Nord-Elsass mit durch Wege und Büsche geteilten Äckern deutlich. Beim ersten Blick wirke die Darstellung „wie eine schraffierte Bleistiftzeichnung auf bräunlichem Papier“, obwohl es sich tatsächlich um eine Luftaufnahme handle.

Seit 1989 beschäftigt sich Johanna Helbling-Felix, die Mitglied im Künstlerbund Baden-Württemberg ist, schon mit dem Thema Luftfotografie. Als aktive Segelfliegerin von 1969 bis 1983 an den immer wieder neu faszinierenden Blick aus dem Cockpit gewöhnt, geht die ausgebildete Pilotin für Motor- und Segelflugzeuge inzwischen lieber als Co-Pilotin ihres Mannes Werner Felix im Oldtimer-Sportflugzeug in Deutschland, Österreich, Dänemark, Schweden und England auf Motivsuche.

2004 war Johanna Helbling-Felix, die von 1984 bis 1989 an der Europäischen Akademie für Bildende Kunst in Trier Freies Zeichnen studierte und 1996 mit dem Kunstpreis der Stadt Brühl ausgezeichnet wurde, als „Artist in Residence“ des Sydney College of the Arts im Luftraum Australiens unterwegs. Mit den Techniken der Zeichnung, der Fotografie und Collage, bei denen sie oft auch Teile von Wetterkarten verarbeitet, widmet sie sich den im Flug spontan ausgewählten Motiven, die zeigen, „wie die Natur selbst oder der Mensch geometrische oder mäandernde Linien gezeichnet hat“. Eine wichtige Rolle spielen dabei immer wieder Flussläufe und andere Gewässer, Weinbergterrassen und Äcker, Wälder und Straßen oder auch Parkplätze und Industriegebiete.

Wenn man bei dieser Motivsuche weit genug in die Höhe steigt – und damit die bereits erwähnte Distanz sucht und vergrößert – zeige sich, dass intakte „Naturschutzgebiete und zerstörte unwirtliche Industriegebiete, die man sicherlich nicht aus touristischem Interesse bereisen würde, erstaunlicherweise strukturelle und ästhetische Ähnlichkeiten haben können“, machte Marjetta Hölz den Besuchern der Ausstellungseröffnung deutlich.

Der Blick von oben auf die Erde produziere Bilder, die kein Oben und kein Unten mehr haben und so werde aus einem Baum, der mit seinem Stamm in der Erde wurzelt und mit seinem Blattwerk weit in den Himmel hineinragt, eine sich von anderen Naturelementen mehr oder weniger stark abgrenzende Fläche, die sich dem gewählten Blick aus der Vogelperspektive in einer „enthierarchisierten Wahrnehmung und Wertgleichheit“ präsentiert.

Auch Größenverhältnisse verlieren schnell ihre Bedeutung, wenn der distanzierte Blick ohne klare Bezugsgrößen auf fotografierten Luftbildern Strukturen erahnen lässt, wie sie beispielsweise von mikroskopischen Aufnahmen her bekannt sind. Die Kreativität des Betrachters entscheidet allein darüber, ob er ein Boot auf einem Fluss sieht und erkennt oder ob das Boot genauso gut eine Samenkapsel und der abgebildete Fluss ein Blutgefäß sein könnte.

Um dem Ausstellungspublikum die durch eine geänderte Perspektive auch gleichzeitig völlig anderen Regeln unterworfene Sicht bekannt scheinender Dinge zu vermitteln, sind die Luftbildfotografien als umschreitbare Bodeninstallationen angeordnet, obwohl die Künstlerin keinesfalls begeistert war von dem einen sehr schwierigen Bildhintergrund bildenden Fliesenboden in der Städtischen Galerie im Kornhaus.

Bei den traditionell gehängten und mit der weißen Grundierung wie Malerei wirkenden, aber als Zeichnungen angelegten Exponaten arbeitet die Künstlerin Johanna Helbling-Felix vorwiegend mit Kreide und Graphit, Kohle-, Blei- und Buntstiften, setzt aber immer wieder auch gerne Gouache- und Aquarelltechniken ein, um in ihren Exponaten Landschaften mit vielfältigen Strukturen mit gesteigerter Tiefenwirkung neu entstehen zu lassen.

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