Kirchheim. Die einen haben die erfolgreichste Spielzeit der Vereinsgeschichte hinter sich, und schon seit Wochen nichts mehr zu verlieren. Die anderen nach einer turbulenten Saison die letzte Chance vor Augen, dorthin zurück zu kehren, wo sie hergekommen sind: in die erste Liga. Kirchheimer Kampfgeist oder rheinische Professionalität, was wiegt schwerer? Spätestens am 1. Mai wird es darauf eine Antwort geben, sollte die Halbfinal-Serie tatsächlich über die volle Distanz von fünf Spielen gehen.
Ruhe bewahren, Kräfte sammeln, darauf lag diese Woche der Fokus im Lager der Knights. Regenerative Belastung heißt das im Fachjargon. Dazu gab es Anschauungsunterricht am Bildschirm. Wer es bis dahin noch nicht glaubte, die Video-Analyse des entscheidenden Viertelfinalduells der Düsseldorfer gegen Chemnitz dürfte alle Zweifel beseitigt haben: Der morgige Gegner füllt inzwischen die Rolle aus, die man ihm bereits vor Saisonbeginn zugeschrieben hatte. Die Giants sind in der Spur und gelten neben dem MBC als Kandidat für den Aufstieg, auch wenn die BBL die Erstliga-Lizenz derzeit noch verweigert (siehe Extra-Artikel).
Spielmacher Aubrey Reese, im vergangenen Jahr in der BBL noch einer der Besten seines Fachs, oder Center Patrick Flomo, der vor Saisonbeginn von den Telekom Baskets Bonn zu den Giants wechselte, werfen Qualität und Erfahrung in die Waagschale, wie es sie vergleichbar auf Kirchheimer Seite schon aus finanziellen Gründen nicht geben kann. Dasselbe gilt für Keerles, Petric und Pfeil oder den im Dezember an den Rhein gewechselten Lollis, der schon bei den Albatrossen in Berlin, in Ludwigsburg und bei AEK Athen unter Vertrag stand.
Große Namen allein machen freilich noch keinen Erfolg. Auch diesen Beweis haben die Giants in der laufenden Saison geführt. Wochenlanges Mittelmaß war die Quittung für Verletzungen, dauernde Personal-Rochaden und Turbulenzen im Umfeld. Die selbst ernannten Giganten und ihr übermächtiger Trainer Murat Didin, der als Geschäftsführer, Gesellschafter, Teammanager und Coach alle Fäden in der Hand hält, wurden zur größten Enttäuschung der Hinserie. Mit Erreichen der Play-offs scheint man dies alles abgeschüttelt zu haben. Vor allem Reese wird von Spiel zu Spiel stärker. Knights-Coach Frenkie Ignjatovic ist deshalb überzeugt: „Wir haben nur eine Chance, wenn wir in allen Spielen kämpferisch an unsere Grenze gehen.“ Das erhofft sich der Coach auch von den Fans. Bis gestern gab es fürs morgige Spiel sogar noch Sitzplatzkarten.
Trotzdem glauben alle im Team fest an den Heimvorteil und die eigene Stärke vor heimischer Kulisse. Mit einem Sieg ins zweite Spiel am Sonntag in Düsseldorf zu gehen, wäre wichtig fürs Selbstvertrauen. „Wir haben Respekt aber keine Angst“, meint Dominik Schneider, der wie viele andere überzeugt ist, dass der Kampf in der Defensive entschieden wird. „Das ist die Basis für alles, vor allem an Tagen, wenn du vorne nicht triffst.“ Für ihn ist es die Chance, seine gute Leistung gegen Essen zu bestätigen. Das gewachsene Vertrauen des Trainers scheint endlich Wirkung zu zeigen. „Klar gibt das Sicherheit“, sagt Schneider. „Wenn du von der Bank kommst, sind eben die ersten Aktionen entscheidend. Das lief nicht immer optimal für mich.“ Die Kampfansage von Giants-Center Patrick Flomo, der als Einziger in den vergangenen Tagen Öl ins Feuer goss und den eigenen Fans in der Serie kurzen Prozess versprach, wirkt unter der Teck als zusätzliche Motivationsspritze. „So etwas spornt natürlich an“, meint Dominik Schneider. „Alle in der Mannschaft sind richtig heiß.“
Naturgemäß heiß auf Freitag ist auch Giants-Coach Murat Didin. Er weiß, dass seine Mannschaft inzwischen eine ganz andere ist. „Wir hatten viele Verletzungen, schwere Verletzungen, und wir arbeiten in Düsseldorf an ganz neuen Strukturen“, sagt er. „Das alles braucht seine Zeit.“ Dennoch ist Didins Glaube an den Aufstieg so unerschütterlich wie der ans Weiterkommen gegen Kirchheim. „Die größere Erfahrung und der tiefere Kader werden sich am Ende wohl durchsetzen“, sagt der Mann, der einer der mächtigsten Befürworter des Play-off-Modus „Best of five“ war. Ein Spaziergang wird das Halbfinale nicht. „Wir spielen gegen den Tabellenzweiten, das sollte als Warnung genügen“, sagt er. „Je mehr Respekt wir Kirchheim entgegen bringen, desto größer sind unsere Chancen.“
