Nach der zweiten schallenden Ohrfeige machen sich die Knights an die Wundversorgung
„Dann halt ihm auch die andere hin“

Die Schmerzen nach dem Aufprall - das weiß jedes Kind - stehen in Relation zur Fallhöhe. Insofern hätte Teil eins der zweiwöchigen Passionsspiele als Buße für begangene Sünden durchaus gereicht. Doch es kam schlimmer. Der Auftritt der Knights in Würzburg war die bisher schwärzeste Stunde im Kirchheimer Basketball.

Ryan DeMichael (VfL Kirchheim Knights), Ivan Elliott (s.Oliver Baskets)Sport, Basketball, 2. Bundesliga, Pro A, s.Oliver Baskets
Ryan DeMichael (VfL Kirchheim Knights), Ivan Elliott (s.Oliver Baskets)Sport, Basketball, 2. Bundesliga, Pro A, s.Oliver Baskets, VfL Kirchheim Knights, Saison 2010/2011Foto: Patrick Beuchert

Kirchheim. Es gibt wenig Basketballer, die in der Geschichte dieser Sportart durch ausgeprägte Bibel­treue auffällig geworden wären. Dennoch hat kaum ein Kombinat den wohl berühmtesten Satz aus dem Matthäus-Evangelium mehr verinnerlicht, als das Kirchheimer in den zurückliegenden beiden Wochen: „Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt“, steht dort geschrieben, „dann halt‘ ihm auch die andere hin.“ In die neue Trainingswoche starten Kirchheims Korbjäger nun ungewohnt ratlos und mit sprießendem Veilchen auf jeder Gesichtshälfte.

Zugegeben - noch ist wenig passiert. Zwei Niederlagen gegen zwei der besten drei Teams der Liga. Zwei, die sich offenbar verabredet hatten, dem Gegner aus Kirchheim Freikarten für den jährlichen Gala-Abend zuzuschanzen.

Dank neuer Punkteregelung macht das unterm Strich nicht mehr als zwei verlorene Zähler. Und auch Platz vier klingt unverändert passabel, manche sagen überraschend. So viel zum Gesamtbild. Die Details freilich erspart sich jeder gern, der sich zur Gefolgschaft der Kirchheimer Rittersleut‘ zählt: Minus 61 Punkte aus zwei Spielen, 41 Zähler als klägliche Gesamtausbeute am vergangenen Sonntag. So sehen in Kirchheim für gewöhnlich Halbzeitergebnisse aus.

„Das waren die bittersten zwei Wochen seit ich in Kirchheim bin“, gesteht Frenkie Ignjatovic deshalb auch ohne Umschweife ein. Dabei kann maßlos enttäuscht eigentlich nur sein, wer vorher allzu große Erwartungen hegte. Zu denen zählt Kirchheims Trainer definitiv nicht. Er sieht sich vielmehr bestätigt in seiner Meinung, „dass wir in dieser Liga nicht zu den Spitzenteams zählen.“ Die Rede von der besten Kirchheimer Mannschaft aller Zeiten, hat der Chef stets mit Unbehagen zu ignorieren versucht. Er weiß: „Wenn nicht alle unsere Leistungsträger am Limit spielen, haben wir in dieser Klasse ein Problem.“

Jetzt muss er schauen, dass aus dem Signalfeuer kein Flächenbrand wird und seine Jungs bis zum Sonntag den Kopf wieder freibekommen. Vor allem die, für die es - auch das haben die vergangenen Wochen gezeigt - keine Alternative gibt. Die Totalausfälle von Ryan DeMichael, Radi Tomasevic und Gordon Scott machten zumindest am Sonntag die Katastrophe unausweichlich. Dabei gibt zumindest Scott dem Betrachter Hilfestellung bei der Suche nach Erklärungen. Der Amerikaner ist nach fast zweimonatiger Verletzungspause weiterhin Galaxien von seiner Normalform entfernt. Mangelnden Willen konnte ihm selbst am Sonntag keiner unterstellen. Bei anderen dagegen scheinen die Nerven blank zu liegen: Radi Tomasevic, ohnehin nicht gerade als Kaltblüter bekannt, erwies seiner Mannschaft mit seinem brutalen Foul in der ersten Spielminute einen Bärendienst. Das ansonsten als objektiv geltende Pub­likum in der Würzburger Arena quittierte von da an jeden Ballkontakt der Gäste mit einem gellenden Pfeifkonzert. „Wir hatten von Beginn an einen Mann mehr gegen uns“, sagt Ignjatovic. „Das hat uns nicht dabei geholfen, die Nerven in den Griff zu bekommen.“

Genau darum wird es nun in dieser Woche gehen. Draufhauen bringt jetzt nichts, darüber sind sich Trainer und Clubführung einig. „Das Ganze kann dennoch nicht ohne Konsequenzen bleiben“, meint der sportliche Leiter Michael Schmauder, der den Untergang seiner Mannschaft erkältungsgeplagt daheim via Internet verfolgen musste und dem es hinterher bestimmt nicht besser ging. Am Donnerstag oder Freitag ist eine außerordentliche Mannschaftssitzung anberaumt. Wann genau weiß derzeit noch niemand, aber möglichst nah am Wochenende. Um der Mannschaft Zeit zu geben, aber auch, damit die Worte bis zum Essen-Spiel am Sonntag nicht verraucht sind. „Davor werden wir Einzelgespräche führen und hoffentlich noch ein Trainingsspiel ansetzen können“, meint Frenkie Ignjatovic. „Jetzt geht es darum, zerstörtes Selbstvertrauen wieder aufzubauen.“ Da möchte man dem Trainer vor allem eines wünschen: eine glückliche Hand bei der Wahl des Gegners.

Rekordverdächtige Niederlagen

Mit den beiden jüngsten Pleiten gegen Chemnitz und Würzburg haben Kirchheims Basketballer unfreiwillig für zwei neue Minusrekorde gesorgt: Das 72:98 gegen die Sachsen und das 41:76 gegen den Tabellenzweiten aus Unterfranken sind die bisher höchs­ten Niederlagen der Knights in der Pro A.

Ähnlich schlimm lief es nur am 20. März vergangenen Jahres: Gegen die Giro Live Ballers aus Osnabrück mussten die Knights eine 62:87-Auswärtsniederlage einstecken. 

Lediglich 41 Punkte über die Gesamtdistanz haben die Kirchheimer seit ihrem Einstieg ins Profigeschäft überhaupt noch nie in einem Pflichtspiel erzielt. Der bisherige Minusrekord stammt vom 26. Januar 2008. Damals unterlagen die Knights in eigener Halle im Pro-B-Duell dem TuS Lichterfelde mit 55:61. Erfolgreichster Kirchheimer war damals Tim Burnette, der mit 24 Punkten fast die Hälfte der Punktzahl seines Teams beisteuerte.

Trostreich ist immerhin, dass Kirchheims Fans auch spektakuläre Siege bejubeln durften: der bisher höchste gelang am 6. Dezember 2008, als Adam Baumann die Knights mit 38 Punkten zum 106:84-Heimerfolg gegen Chemnitz führte.bk