31.05.2014 - 02:02 Uhr

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„Segelfliegen ist Schule des Lebens“

Erneut kein Flugbetrieb auf der Hahnweide beim 48. internationalen Kirchheimer Segelflug-Wettbewerb: Gestern blieben alle Starterklassen mangels Thermik am Boden. Es war der fünfte Tag in Folge, an dem neutralisiert werden musste.

Claus M. Zeumer
Hahnweide Wettbewerb , Segelfliegen
Hahnweide Wettbewerb , Segelfliegen

Kirchheim. Wer am Donnerstag über die Hahnweide schlenderte, konnte aus den Gesichtern von Piloten und Helfern ablesen, dass dies ein weiterer Tag ohne Wertungsflüge war. Dabei hatte der Tag verheißungsvoll begonnen: Pünktlich um halb zwölf war die 15-m-Klasse unter die dunklen Kumuluswolken geschleppt worden. Doch alle Mühen waren schließlich umsonst – sämtliche Piloten blieben am Boden.

Die Tristesse setzte sich gestern fort. Feuchte Luftmassen mit fast flächendeckender Abschirmung sorgten erneut dafür, dass flugsportliches Kräftemessen unmöglich blieb.

U-Bootfahren sei derzeit vielleicht die bessere Alternative, bekannte ein Segelflieger sinngemäß – Galgenhumor. Doch viele Piloten sind leiderprobt. Wer seinen Karbonrenner ins Starterfeld schiebt, weiß schließlich, worauf er sich eingelassen hat. Mitunter auf einen Wettergott, der anstatt Thermik Regenwolken schickt.

Doch was ist es, das die Piloten dazu bewegt, viele Tage kostbaren Urlaubs einzureichen, ohne danach die Garantie zu haben, auch regelmäßig in die Luft zu kommen? Die Beweggründe für den Sport sind vielfältig, wie eine kleine Hahnweide-Umfrage belegt. „Im Cockpit erlebt man während eines Wettbewerbes die höchsten Emotionen – positiv wie negativ“, nennt der amtierende Europameister der Doppelsitzerklasse Andreas Lutz (Fliegergruppe Wolf Hirth) als sein Segelflug-Motiv. Und fügt hinzu: „Dazu lernt man viel über sich und den richtigen Umgang mit Situationen.“ Ähnlich sieht es Lutz‘ Vereinskollege Eberhard Schott. Die Möglichkeiten, durch Beobachtung Anderer hinzuzulernen und das eigene Wissen über die Kräfte der Natur zu testen, bewegten den Flugzeugingenieur seit 1969, stolze 31 Mal für den Hahnweide-Wettbewerb zu melden. Damit ist er zu einem der Rekordpiloten avanciert.

„Mir macht Segelfliegen einfach Spaß“, bekennt Tilo Holighaus, Geschäftsführer der Kirchheimer Segelflugzeugschmiede Schempp-Hirth, aus deren Produktionshallen 76 von 119 am Wettbewerb teilnehmenden Segelflugzeuge rollten. Außerdem fliege man in Wettbewerben unter Wetterbedingungen, die man außerhalb eines Wettbewerbes als eher für terrestrische Aktivitäten geeignet einstufen würde.

„Die richtige, zum Segelfliegen passende Musik sind nicht sphärische Klänge, sondern es ist Hard Rock“, beschreibt Markus Frank die Faszination, die Segelfliegen auf ihn ausübt – und er muss es wissen: 2011 wurde der Pilot des LSV Aalen Europameister in der Offenen Klasse. Sein schnellster Flug damals: 130 km/h im Stundenmittel über eine Entfernung von 684,6 KIlometern. Vorfluggeschwindigkeiten von über 220 km/h und 270 km/h im Endanflug und die Notwendigkeit, „ständig Entscheidungen treffen zu müssen“, erklären gewissermaßen seinen Musikvergleich. „Manchmal geht es in der Luft schon richtig zur Sache“, pflichtet ihm Holger Back bei, der die deutsche Segelflugnationalmannschaft bei den anstehenden Weltmeisterschaften als Coach begleiten wird. Back, Vizeweltmeister von 1987 und 1991, weiter: „Segelfliegen ist auch Schule des Lebens. Man lernt Entscheidungen zu treffen, die Alternativen offen lassen. Das ist auf den Beruf und andere Lebensbereiche gleichermaßen übertragbar.“

Markus Frank und Holger Back sind sich noch in einem weiteren Punkt einig: So freundschaftlich es unter den Piloten und Helfern am Boden auch zugeht, in der Luft will man im sportlichen Wettkampf „zeigen, was man kann“. Die letzte Chance hierzu haben die Teilnehmer heute: Da hat der 48. Wettbewerb seinen Schlusstag.

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