26.07.2011 - 02:15 Uhr

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Blaue schreiben rote Zahlen

Die Finanzen der VfL-Fußballer sind in bedrohliche Schieflage geraten. Wie die Gesamtvereinsvorsitzende Doris Imrich gestern bestätigte, klafft im Oberliga-Etat eine Lücke von mindestens 100 000 Euro. Sollte diese nicht geschlossen werden, droht der Rückzug aus der Oberliga. Hintergrund sind offenbar weggebrochene Sponsoreneinnahmen, die der Verein nicht kompensieren kann.

Peter Eidemüller
VFL - Fu§ball - Fussball - KirchheimLogo
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Kirchheim. An der Jesinger Allee muss ab sofort kräftig der Rotstift angesetzt werden. Die Lücke zwischen steigenden Kosten und wegbrechenden Einnahmen hat die Abteilungsoberen zu einem dramatischen Schritt veranlasst. Trainer Rainer Kraft, Geschäftsführer Walter Rau und der stellvertretende Abteilungsleiter Kurt Dangel haben den Oberligaspielern der „Blauen“ freigestellt, sich bis 31. August einen neuen Verein zu suchen.

Wie die Gesamtvorsitzende des VfL Kirchheim, Doris Imrich, gestern auf Anfrage bestätigte, fehlen im Etat der Abteilung 100 000 Euro. Hinter vorgehaltener Hand wird der Fehlbetrag sogar noch höher eingeschätzt. Für die VfL-Chefin ist die Marschrichtung klar: „So können wir es uns nicht leisten, in der Oberliga zu spielen.“ Sprich: Wird die Lücke nicht geschlossen, gibt‘s keinen fünftklassigen Fußball mehr in Kirchheim.

Wie aber konnte es so weit kommen? Abteilungsleiter Jörg Mosolf muss einräumen, dass bereits der Etat für die abgelaufene Saison auf (zu) vagen Zusagen wichtiger Sponsoren gebaut war. Diese haben den VfL-Fußballern mittlerweile den Rücken gekehrt oder ihr finanzielles Engagement deutlich reduziert. Der Grund liegt auf der Hand: Zu geringer Mehrwert aufgrund sinkender Zuschauerzahlen. Negativer Höhepunkt in diesem Zusammenhang waren die 54 zahlenden Zaungäste beim Mittwochabendspiel gegen Neckarelz Mitte Mai. „Das Produkt Oberliga wird in Kirchheim offensichtlich nicht mehr gewünscht“, schließt VfL-Chefin Doris Imrich.

Dazu kommen steigende Kosten. Allein die Versicherungsbeiträge für Vertragsspieler belaufen sich auf 30 000 Euro pro Saison. Darüber hinaus gilt der aktuelle Kirchheimer Oberligakader als der teuerste in der Vereinsgeschichte, was nicht zuletzt an den gestiegenen Gehältern liegt. Innerhalb der vergangenen fünf Jahre haben sich die monatlichen Bezüge verdreifacht, liegen zwischen 800 und 1 000 Euro für Spitzenspieler.

Bleibt die Frage, warum man sich auf solche Gehaltsforderungen eingelassen hat, wenn man weiß, dass das dafür nötige Kleingeld fehlt. „Zum Zeitpunkt der Vertragsverhandlungen war die Etatlücke in dem Maße noch nicht erkennbar“, betont Geschäftsführer Walter Rau, der den Vorwurf des Missmanagements nicht gelten lassen will. „Es ist alles nach bestem Wissen und Gewissen abgelaufen.“ Den einzigen Vorwurf, den sich der Geschäftsführer selbst macht, ist der einer zu knapp kalkulierten Planung. „Auf den Sponsorenrückzug waren wir nicht vorbereitet.“

Ohne Netz und doppelten Boden gearbeitet zu haben, scheint sich nun bitter zu rächen, im schlimmsten Fall muss der VfL die erste Mannschaft vom Spielbetrieb zurückziehen. „In dem Fall stünde Kirchheim als erster Absteiger fest und müsste in der Saison 2012/13 in der Verbandsliga antreten, sofern sie eine Mannschaft melden können“, sagt der beim württembergischen Fußballverband für den Spielbetrieb zuständige Mann, Thomas Proksch. Optional könnte der VfL die Oberligasaison jedoch außer Konkurrenz bestreiten, wie es der SSV Ulm in der abgelaufenen Regionalligasaison getan hat. So oder so steht fest, dass sich der VfL bereits mit der Rechtsabteilung des Verbands in Verbindung gesetzt hat.

Was muss nun aber geschehen, damit der „worst case“ Oberligarückzug nicht eintritt? VfL-Geschäftsführer Walter Rau erteilt Auskunft, ohne jedoch konkret zu werden. „Wir haben einen Maßnahmenkatalog erstellt, mit dem wir die notwendigen Einsparungen erreichen wollen.“ Bis wann dies geschehen sein muss und wie genau die Maßnahmen aussehen, wollte Rau nicht erläutern, verriet nur so viel: „Wir müssen sparen, wo‘s nur geht und stellen alles auf den Prüfstand.“

Dass in diesem Zusammenhang das Personal die lockerste Kostenschraube darstellt, liegt nahe. Doch selbst, wenn genug Spieler den Verein verlassen und der Rest Gehaltskürzungen hinnehmen sollte, dürfte eine sechsstellige Finanzlücke kaum zu überbrücken sein. Nichtsdestotrotz sind Führungsspieler offenbar bereit, sich in den Dienst des Vereins zu stellen. „Wir müssen einen gemeinsamen Nenner finden, um den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten“, sagt Mannschaftskapitän Christopher Eisenhardt, „und so lange ich auf dem Platz stehe, werde ich dafür alles tun.“

Unabhängig vom Ausgang der aktuellen Finanzkrise ist die Austragung des Teckbotenpokals, der am kommenden Samstag beim VfL beginnt, nach offizieller Aussage nicht gefährdet. Und auch die Zahlungsfähigkeit der Abteilung steht aktuell (noch) nicht zur Debatte. „Wir müssen uns momentan kein Geld leihen“, betont Walter Rau.

Unter dem Strich bleiben aktuell trotzdem mehr Fragen als Antworten. Immerhin: Abteilungsleiter Jörg Mosolf hat am Montagabend telefonisch seine Zusage für ein Gespräch am heutigen Dienstag gegeben. Seine Einschätzung der Lage wird in der Mittwochsausgabe des Teckboten erscheinen.

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