Kirchheim. Nicht Karlsruhe, nicht Jena – Essen steht auf der ersten Hürde, die den Weg der Knights ins Play-off-Halbfinale versperrt. Drei Siege aus maximal fünf Spielen braucht, wer eine Runde weiterkommen will. Es hätte wahrlich schlimmer kommen können, so die landläufige Meinung zum Gegner. „Eigentlich nicht“, behauptet hingegen Kirchheims Trainer, der am Gründonnerstag zum Auftakt viel lieber das Team aus Jena begrüßt hätte. In den Köpfen der Fans blieb er auf jeden Fall haften, in denen seiner Spieler womöglich auch: Der 23. März. Der Tag an dem die Knights im Essener Sportpark dem Gegner beim 101:57 eine kostenlose Basketball-Lehrstunde erteilten. Ein Muster ohne Wert – Das ist es, was Ignjatovic der Mannschaft bis Donnerstag glaubhaft vermitteln will. „Anders als Jena ist Essen keine Mannschaft, die uns liegt“, sagt er. „Ich bin mir nicht sicher, auf welcher Seite das Spiel vor zwei Wochen die größeren Spuren in den Köpfen hinterlassen hat.“
Daraus spricht die Skepsis des Favoriten, der keiner sein will. Wer immer noch zu Übermut neigt, dem kommt der Trainer mit der Zahlenkeule: Zweimal hintereinander habe man in der Pro A bis zu diesem Jahr noch nie gegen die Essener gewonnen. Tatsache ist: Für diese Saison gilt dies nicht. Sieht man vom Schaulaufen vor zwei Wochen einmal ab, waren die Vergleiche mit der Ruhrpott-Truppe allerdings stets hart umkämpft, meistens äußerst knapp und mitunter auch kurios. Zudem erinnere man sich: Die Baskets waren im Februar die einzigen, denen es in dieser Saison gelungen ist, zwei Zähler aus der Höhle der Wölfe in Weißenfels zu entführen.
„Essen ist ein Top-Team“, sagt auch Knights-Spielmacher Ahmad Smith, der eine harte Gangart der Gäste erwartet. Er ist überzeugt: „Wir werden am Donnerstag einen ganz anderen Gegner erleben, als vor zwei Wochen.“ Trotzdem ist er keiner, der drum herum redet: „Wir haben Heimrecht, deshalb ist ein Sieg für uns absolute Pflicht.“ Wie er hoffen alle in der Mannschaft, dass es trotz langer und harter Saison keinen vorgezogenen Urlaubsbeginn geben wird. Bis zu den möglichen Finalspielen am 4. und 6. Mai ist nochmals volle Konzentration gefordert. Danach geht der Flieger in die Heimat. Zumindest für Ahmad Smith bedeutet dies: Zukunft völlig offen. Er liebe Basketball über alles, sagt er. Trotzdem könnte er sich vorstellen, dem Sport im Sommer ganz Lebewohl zu sagen und berufliche Pläne zu verfolgen. Mit der Familie in den USA will er sich in aller Ruhe beraten. Er sagt aber auch: „Kirchheim bleibt immer eine Option.“ Smith gilt als eher nachdenklicher, verschlossener Typ, einer, der das Herz nicht auf der Zunge trägt und wie sein Trainer behauptet bisweilen divenhafte Züge aufweist. Dennoch haben ihn die Fans ins Herz geschlossen, wohl auch deshalb, weil keiner mehr leidet, wenn‘s mal nicht so läuft.
Solche Probleme hat Brandon Griffin derzeit nicht. Kirchheims Neuzugang im Winter scheint nach längerer Warmlauf-Phase endlich auf Touren zu kommen. Gerade rechtzeitig für die Play-offs. Zweimal in Folge Topscorer, dazu mit neun Rebounds am Samstag nur knapp am Double-Double vorbeigeschrammt. „Endlich zeigt er, was er kann,“ freut sich der Trainer, der im Gegensatz zu vielen anderen nie an den Qualitäten des 29-Jährigen gezweifelt hat. Das verpatzte Saisonfinale gegen Paderborn konnte freilich auch Griffin, trotz seiner 24 Punkte und einer hunterprozentigen Trefferquote an diesem Tag, nicht verhindern. Unerklärliche Fehler in der Defensive gegen sieben spielerisch wie taktisch klar überlegene Westfalen machten auch den Trainer ratlos. „Alles, was wir uns vorgenommen hatten, haben wir nicht umgesetzt“, sagt Ignjatovic, der dafür nur eine Erklärung hat: „Mancher war mit dem Kopf wohl schon in den Play-offs.“
Das mit den Fehlern soll am Donnerstag nun anders werden, auch wenn sich der Trainer weigert, ein klares Ziel zu formulieren. „Natürlich wollen wir ins Finale, und sollten wir das erreichen wollen wir natürlich auch Meister werden.“ Doch wer genau hinhört, vernimmt den Unterton: Mit jedem weiteren Schritt auf der Erfolgsleiter wächst auch die Enttäuschung über den nicht möglichen Aufstieg. „Für die Spieler ist diese Situation nicht einfach,“ sagt Ignjatovic. Die Mannschaft habe ihr Ziel erreicht, indem sie eine herausragende Saison mit Platz zwei beendet hat. „Was jetzt kommt ist die Belohnung.“ Immerhin: Der guten Stimmung im Team scheint dies nicht zu schaden. Dazu beigetragen hat auch Sebastian Adeberg, der seine mündliche Zusage für die kommende Saison am Wochenende erneuert hat.
Bei der traditionellen Grillparty zum Saisonende mit allen Helfern im Garten des Asklepia-Seniorenzentrums sorgte lediglich der Coach für eine Schrecksekunde. Es täte ihm leid, mitteilen zu müssen, dass er den Verein zum Saisonende aus familiären Gründen verlassen werde, verkündete Frenkie Ignjatovic mit versteinerter Miene. Quälende Sekunden ungläubigen Schweigens verstrichen, ehe sich der erste Zuhörer des Datums erinnerte und die Schockmeldung als Aprilscherz enttarnte. Für Ignjatovic hatte die Finte auch eine spannende Seite: „Ich wollte nur sehen, ob sich nicht doch einer klammheimlich freut.“
