Die Zahl der Volkslaufteilnehmer ist in Württemberg unverändert hoch
Breite statt Spitze

Seit der Jahrtausendwende hat sich der Zahl der Volksläufer in Württemberg nahezu verzweieinhalbfacht. Trotz dieses Booms sieht man beim württembergischen Leichtathletikverband (WLV) noch Potenzial, vor allem bei Betriebssportgruppen und im Nordic Walking. Kehrseite des Booms ist die immer kleiner werdende Leistungsspitze.

Stuttgart. Das Ländle läuft und läuft und läuft – Württembergs Hobbyjogger wandeln auf den Spuren des VW Käfer und sorgen seit Jahren für steigende Teilnehmerzahlen. Verzeichnete der WLV im Jahr 2000 noch knapp 80 000 Teilnehmer bei den unter seiner Hoheit stehenden Laufevents, waren es bei der jüngsten Datenerhebung vor zwei Jahren rund 200 000. „Wir sind auf der Fitnesswelle der vergangenen Jahre nach oben geschwommen“, freut sich der Breitensportvorsitzende des WLV, Dieter Schneider, der eine relativ simple Erklärung für den Laufboom hat. „Die Leute investieren immer mehr Geld in ihre Fitness und die Teilnahme an Volksläufen ist im Vergleich zum Fitness-Studio günstiger.“ Darüber hinaus sieht der 57-Jährige, selbst passionierter Läufer bei der von ihm mitgegründeten LG Steinlach, den familiären Charakter in der Szene als Grund für die stetig steigende Beliebtheit. „Man kennt sich, schätzt sich und tauscht sich aus. Da entwickeln sich regelrechte Gruppengefühle.“

Gemeinsam etwas erreichen – dieses Credo will der WLV in Zukunft noch stärker nutzen. Betriebssportgruppen bieten nach Meinung von Dieter Schneider und seinen Gremiumskollegen noch ausbaufähiges Potenzial in Sachen Teilnehmerzahlen. „Fitte und gesunde Mitarbeiter stellen für jede Firma intern und extern einen Mehrwert dar“, so Schneider, „daher wird es dieses Jahr erstmals eine Firmenwertung bei den Volkslaufmannschaftsmeisterschaften geben.“ Anmeldungen für die aus vier Läufen bestehende Wertung, an der fünfköpfige Teams teilnehmen können, sind bis 23. März möglich.

Luft nach oben gibt es auch bei den Teilnehmerzahlen im Bereich Nordic Walking, den viele Veranstalter parallel zum regulären Lauf anbieten. So waren beispielsweise bei der vergangenes Jahr mit 15 000 Teilnehmern größten Veranstaltung in Württemberg, dem Stuttgart-Lauf, gerade mal 581 Walker dabei. „Dieses Feld müssen wir noch attraktiver gestalten“, betont Schneider.

Der Boom im Volkslauf zeigt sich übrigens nicht nur anhand der Teilnehmerfelder. Auch die Zahl der Veranstaltungen hat württembergweit seit Jahren kontinuierlich zugenommen, von 241 im Jahr 2000 auf 356 vor zwei Jahren – ist der Organisationsstress für Ausrichtervereine finanziell derart lukrativ? Dieter Schneider hat eine andere Erklärung: „Viele Vereine reagieren auf den demografischen Wandel, indem sie versuchen, Mitglieder durch das Organisieren von Veranstaltungen an sich zu binden.“

Immer mehr Veranstaltungen mit immer mehr Teilnehmern – die Kehrseite des Laufbooms liegt dabei auf der Hand. Die Teilnehmerfelder nehmen zwar in der Breite zu, werden in der Spitze deshalb nicht besser, im Gegenteil. Landete man vor 20 Jahren mit einer Halbmarathonzeit um die zwei Stunden noch unter „ferner liefen“, zählt man damit heute schon zum vorderen Mittelfeld. Eine Entwicklung, die durch Aktionen wie „Von 0 auf 42 Kilometer“ und allerlei Volkshochschulangeboten für Bewegungsmuffel beschleunigt wird. Dass der Trend vom Wettkampf- zum Spaßläufer geht, wird vom WLV dabei durchaus begrüßt und unterstützt. „Unser Ansatz ist der Breitensport, der Spitzenbereich ist nachrangig“, betont Dieter Schneider, „das Wichtigste ist doch, dass Laufen den Menschen Spaß macht und sie sich überhaupt bewegen.“