Esslingen. Wer zurzeit das Foyer der Volkshochschule betritt, würde am liebsten Platz nehmen in dieser „Rosenstraße 76“, einer ganz normalen Dreizimmerwohnung. In den benachbarten Räumen sind Küche, Kinder- und Schlafzimmer aufgebaut. Die fiktive Adresse steht stellvertretend für Wohnungen, in denen Gewalt zu Hause ist. „Die lässt sich in den Räumen entdecken“, sagt Gudrun Eichelmann vom Verein Frauen helfen Frauen gestern bei der Vorstellung des Projekts: zum Beispiel im Zettel, der im Blumenstrauß steckt mit den Worten, dass „das“ nie mehr vorkommen, er sich ändern werde. Oder in der Schublade, in der Utensilien für ein stark abdeckendes Make-up oder die Überweisung zu einem Chirurgen liegen. „Wir überlegen noch, ob wir offensichtlichere Dinge wie ein blutbeflecktes T-Shirt hinzulegen sollen“, sagt Eichelmann. Doch sie weiß auch: Weil sich viele Opfer schuldig fühlen, werden sichtbare Spuren häuslicher Gewalt oft rasch entfernt oder übertüncht.
Frauen helfen Frauen, die Polizeidirektion Esslingen und die Volkshochschule haben als Veranstalter die Projekttage „Häusliche Gewalt“ vor über einem Jahr aus der Taufe gehoben. Bestehend aus der Ausstellung, Führungen, Vorträgen und Workshops werden sie mittlerweile von einem breiten Bündnis aus Esslinger Vereinen, Organisationen und Einrichtungen getragen.
Der Stuttgarter Thomas Knödl hat die Ausstellung 2005 für den Evangelischen Kirchentag in Hannover im Auftrag des Diakonischen Werks und der Aktion „Brot für die Welt” konzipiert und mittlerweile für unterschiedlichste Veranstalter „mindestens 40 Mal auf- und wieder abgebaut“. Volkshochschulleiterin Susanne Deß freut sich, dass es „nach Hannover, Köln und Zürich“ gelungen sei, die Ausstellung nach Esslingen zu holen: „Häusliche Gewalt ist keine Privatsache. Sie zieht sich breit durch die gesamte Gesellschaft. Deshalb ist es für uns wichtig, dieses gesellschaftspolitisch relevante Thema mit zu bearbeiten und zu informieren.“
Dass Gewalttätigkeiten „strafbare Handlungen sind“, macht Paul Mejzlik von der Polizeidirektion Esslingen deutlich. Diesbezüglich hätten seine Kollegen im vergangenen Jahr 469 Einsätze absolviert, in 446 Fällen hätten die Einsätze Ermittlungen unter anderem wegen Bedrohung und Körperverletzung nach sich gezogen. 128 Mal seien Wohnungsverweise erteilt oder Täter vorübergehend in Gewahrsam oder festgenommen worden. Eichelmann: „Die Polizei informiert uns über einen Wohnungsverweis. Wir gehen auf die Frau zu und helfen ihr, in dieser Zeit weitere Schritte zu unternehmen.“
Seit 2008 gibt es die kreisweite Arbeitsgemeinschaft Hilfen bei häuslicher Gewalt. Doch trotz aller Sensibilisierung für das Thema geht die häusliche Gewalt nicht zurück. Die Zahl der Polizeieinsätze im Landkreis hat sich in den vergangenen vier Jahren bei rund 450 eingependelt. Die Ausstellung „Rosenstraße 76“ und die Projekttage werden morgen um 16 Uhr eröffnet. Professorin Birgit Meyer als Schirmherrin der Projekttage hält den Einführungsvortrag.
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