Wie sehen die Schulen der Zukunft aus? Schulleiter, Lehrer und Eltern, aber auch Wendlingens neuer Bürgermeister Steffen Weigel waren mit sehr vielen Fragen in die FamilienBildungsstätte gekommen. Die grünen Landtagsabgeordneten Sandra Boser und Andreas Schwarz stellten sich ihren Fragen auf Augenhöhe.
Kirchheim. Ein wenig war es dem stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Andreas Schwarz und der bildungspolitischen Sprecherin der Grünen Sandra Boser anzumerken: Da saßen keine eiskalten Politprofis vor den 60 Zuhörern, die das Geschäft schon seit Jahrzehnten betreiben. Sie kamen nicht mit dem Anspruch, für jedes Problem schon die fertige Lösung zu haben, tasteten sich mit großer Ernsthaftigkeit noch an manches Detail heran, nahmen Kritik und Anfragen sehr ernst. Auffallend war auch, dass Schwarz mindestens die Hälfte der Besucher mit Namen kannte. Dass die grün-rote Regierung mit der Neuordnung des Schulwesens eine große Aufgabe angegangen hat, fand bei vielen Zuhörern Anerkennung. Manche warnten jedoch, nichts zu überstürzen, etwa bei der Abschaffung der verbindlichen Grundschulempfehlung. Eltern könnten die Fähigkeiten ihrer Kinder in der Regel sehr gut einschätzen, sagte Boser. Von den Zuhörern kamen Bedenken: Bildungsferne Familien könnten sich die Anforderungen auf dem Gymnasium nicht vorstellen, Eltern wählten die Schulart nicht des Abschlusses, sondern der „guten Gesellschaft“ wegen aus.
Wichtig, so ein Fazit der Diskussion, ist das Vertrauen der Eltern in die Durchlässigkeit des Schulsystems. Eine geplante Änderung könnte dieses stärken: In der Werkrealschule wird die Notenhürde nach der neunten Klasse fallen, der Weg zum mittleren Abschluss für alle frei sein. Auf den beruflichen Gymnasien tun sich ehemalige Schüler der Werkrealschule bisher sehr schwer. Deshalb, so Boser, falle die verpflichtende Kooperation der Werkrealschulen mit den beruflichen Schulen weg. „Wir wollen Deutsch und Mathe nicht gefährden.“
„Baden-Württemberg hat gute Schulabgänger“, befand Boser. Doch hänge der Schulabschluss noch zu sehr von der sozialen Herkunft ab. Die Gemeinschaftsschule sei nicht neu, sondern schon länger Thema. Bisher seien die Anträge von Schulen abgelehnt worden, oder die Schulen seien den Weg zur Verbund- oder Privatschule gegangen. Die 30 Gemeinschaftsschulen, die im Herbst 2012 starten sollen, seien schon länger auf dem Weg. „Die Gemeinschaftsschule hat mehr mit einer Montessorischule zu tun als mit der früheren Gesamtschule“, klärte Boser auf.
Lehrer, die an einer Gemeinschaftsschule unterrichten, behalten vorläufig ihre bisherige Besoldung und ihr bisheriges Deputat. Eine Angleichung soll es erst langfristig geben. Bei der völlig unterschiedlichen Lehrerausstattung der Ganztagsschulen, deren „Chaos“ ein Zuhörer beklagte, soll es schneller gehen. Boser versprach eine Vereinheitlichung, orientiert am Alterlass mit seinen sieben Stunden pro Klasse.
Doch warum eine neue Schulart einführen, während andere Bundesländer auf die Zweigliedrigkeit zugehen? So fragte ein Zuhörer. „Die Gemeinschaftsschule bietet keine neuen Abschlüsse an, sondern alle drei Schularten unter einem Dach.“ Und bei einem Umzug? „Durch die Arbeit mit den Bildungsplänen der Werkrealschule, Realschule und Gymnasium ist ein Wechsel zwischen den Schularten möglich.“ Strittig blieb die Frage, ob die Schulentwicklung nur den Kommunen überlassen werden soll, wie es unter anderem Weigel befürwortet, oder ob eine überregionale Koordination nötig ist. Zur Gemeinschaftsschule gezwungen wird laut Boser niemand: „Wer keine Veränderungen will, kann sein bestehendes Schulsystem fortführen.“
Das völlig andere individualisierte Lernen, das in den Gemeinschaftsschulen geplant ist, kann laut Boser nicht plötzlich in irgendeiner Klasse eingeführt werden. Es soll in Klasse 5 beginnen und dann Jahr für Jahr aufgebaut werden. Es solle die Heterogenität der Schüler auffangen. Maßstab sei nicht mehr das schwächste Fach des Kindes: „Bei einem Schüler, der in einem Fach den Kompetenzrahmen der Hauptschule ausfüllt, kann es in einem anderen Fach der Kompetenzrahmen des Gymnasiums sein.“ Den 28er-Klassenteiler der Gemeinschaftsschule, so Boser, sollten auch die anderen Schulen erhalten. Doch noch fehlten dafür die Mittel.
Apropos Haushalt: Über die erwarteten 330 Millionen Euro aus der Grunderwerbssteuer ist Schwarz sehr froh. „Es ist eine große Baustelle“, schloss er nach gut zwei Stunden die kritische, aber polemikfreie Diskussion. Wie groß die Baustelle ist, zeigte sich auch daran, dass Schwarz trotz straffer Moderation die Themen G 8 und Inklusion vertagen musste. Eines ist für Boser klar: „Es funktioniert nur, wenn die Eltern mitmachen.“ Mit der Abschaffung der verbindlichen Grundschulempfehlung geht jedenfalls eine alte Forderung des Landeselternbeirats in Erfüllung.
