Lenningen. „Das Wandern ist des Müllers Lust – oder ist es ein harter Schluss, weil er nun wandern muss – und keiner weiß vom andern?“ Die Volkslieder besingen das Schicksal der Gesellen auf der Walz. Ist der 18-jährige Oberlenninger Bäcker- und Müllerbursche Mathäus Sessle vor 170 Jahren trällernd, pfeifend und voller Lebenslust aus dem Lenninger Tal hinausgewandert? Oder war sein Beutel leicht und das Herz schwer an einem Frühjahrstag im Jahr 1841?
Der Sohn des „Oberlenninger Johann Gottlieb Sessle, Bauer und Beck, und seiner Frau Anna Maria, geborenen Schwarzin, ist dem 7. October 1823, Mittags vor 12 Uhr geboren, Taufhandlung durch Pfarrer M. Rösler. Die Taufzeugen der ledige Mathäus Schwarz und Christina, David Gumpers.“ So ist es im Oberlenninger Taufbuch eingetragen. Er ist in diesem Jahr der 32. kleine Erdenbürger der Gemeinde. Danach erblicken seine Schwestern Christina und Friederike das Licht der schwäbischen Welt. Bruder Gottlieb, 1832 geboren, hat wie Mathäus den gleichen Paten, der inzwischen Gemeinderat und später Schultheiß geworden ist. Der Vater kam aus Böhringen als Geselle zum Oberlenninger Bürger und Beck Johann Wilhelm Schwarz in diese hier angesehene Familie. Die Schreibweise von Sessle variiert mit Säßle, Saeßle, Seßle, ebenfalls liest man vom Mathäus, Matthäus, Mattheus und Matthew.
Zu Sankt Georg, traditionell der Tag des Dienstherrn-Wechsels, hat sich der Bäcker- und Müllergeselle auf die Walz gemacht: „Nun ade du mein lieb Heimatland“, könnte ihm in den Sinn gekommen sein. Eine Beschreibung seines Heimatorts Oberlenningen liegt von Finanzassessor Rudolf Moser, einem „Mitglied des königlichen statistisch-topographischen Büreaus“ vor. Im Jahr 1840 listet er 930 Einwohner und 198 Gebäude auf, davon 182 brandversichert. Der Viehbestand zählt 22 Pferde, 297 Ochsen, Stiere und Kühe, 14 Esel, 10 Schweine, 124 Schafe und 76 Bienenstöcke. „Die Oberlenninger Einwohner – mehr vermöglich als reich oder ganz arm – sind fleißig, ordnungsliebend und sittlich . . . Das Trinkwasser ist vorzüglich, die Felder ungemein fruchtbar. Die Kartoffeln gedeihen vortrefflich. Hauptsächlich die Obstbäume sind es, welche einen sehr großen Ertrag gewähren“, heißt es darin. Schon damals ist die Gemeinde schuldenfrei.
Mathäus Sessle sucht als Wanderbursche in der Umgebung Arbeit, in Jesingen, Göppingen, Esslingen, ist auch nach Gomadingen, Munderkingen gewandert, kommt durch Schelklingen, ist beim Uracher Mahlmüller in Arbeit gekommen und „hat sich derzeit gut betragen“. In seinem Sack hat er nicht nur einen Zehrpfennig, sondern auch sein Wanderbuch, das 27 Kreuzer gekostet und die Nummer 248 hat. Das ist kein Wandervogel-Liederbuch. So hieß damals der Reisepass und Personalausweis für die Reisenden. „Inhaber erhält derzeit bis zum 1. Januar 1844, wenn er sich zu Erfüllung seiner Militärzeit unverzüglich in seinem Heimatorte einzufinden hat, Wandererlaubnis für In- und Ausland. Kirchheim, den 7. September 1840 Königl. Oberamt.“
In diesem handgroßen Büchlein ist seine Person beschrieben: Fünf Fuß und zwei Zoll groß ist er und von mittlerer Statur, oval sein Gesicht und nieder die Stirn; unter den gebogenen Brauen bläuliche Augen, zart die Nase, klein der Mund und seine Zähne gut. Sein Kinn ist rund und gerade seine Beine. Keine besonderen Kennzeichen. Das hat er unterschrieben mit Buchstaben, so gerade wie seine Beine. Kurz ist diese Personenbeschreibung, lang sind die Sätze der obrigkeitsgewaltigen Wander-Bestimmungen, gestelzt, gedrechselt, verknotet: „Jeder Wandernde hat sich vor allem zweckwidrigem Umherlaufen, und besonders vor dem Betteln zu hüten, mit demjenigen, was er aus dem Handwerks-Laden oder Orts-Kassen als Zehrpfennig erhält, sich zu begnügen, seine Reise nur auf solche Städte und Ortschaften, wo Meister von seinem Handwerk sich befinden, zu richten; an Orten, wo er Arbeit sucht, sich, wenn er solche nicht erhält, nicht über einen Tag, an anderen Orten aber nicht über zwei Stunden des Tages, oder nicht länger als eine Nacht, ohne besondere obrigkeitliche Erlaubniß zu verweilen, und an jedem Ort, wo er einen Meister seines Handwerks antrifft, ohne in Arbeit zu treten durch den Orts-oder Handwerks-Vorsteher in dem Wanderbuch beurkunden zu lassen, ob er Arbeit gesucht, und keine gefunden, oder ob und warum er gar nicht nachgefragt und keine Arbeit angenommen habe . . . . . .“ – Der Satz ist noch nicht zu Ende.
Mathäus ist wohl kein allzu kräftiger Wanderbursche, eher ein Bürschle, wenn man die Württemberger Fuß mit 30 Zentimeter umrechnet.
Stempeleinträge in seinem Wanderbuch von Pforzheim, Ziegelhausen, Heidelberg, Mannheim, Speyer, Dürkheim und wieder von Pforzheim und Kirchheim, dazu verwischte Stempel und kaum lesbare Notizen zeichnen die vierjährige Wanderroute des Bäcker- und Müllergesellen nach. Auch verweist ihn einmal ein Bürgermeister wegen Krankheit in seinen Heimatort. Besonders im Hungerjahr 1845 kommt er viel herum: Das Wandern ist des Müllers Last, und bekommt doch stets vom Pfarramt oder Polizeibureau ein gutes Betragen bestätigt. Nie muss er ins „Narrenhäusle“.
Er wandert durch die Jahreszeiten, durch regennasses Gehölz, über sonnenhelle Felder, durch Flusstäler, Dörfer und Städte auf der Suche nach einer klappernden Mühle oder einer geheizten Backstube. Er wandert in der Nähe, in der Ferne, frischweg oder müde, auf Postkutschenwegen, sitzt bei Fuhrwerken auf, hört Gewittergrollen, wandert durch dampfendes Morgenlicht: „Der geht der Sonn‘ entgegen“.
Wenn wenig Korn wächst, haben die Müller wenig zum Mahlen und die Bäcker kaum Mehl fürs Brot. In Schlattstall hat er vom 31. März bis 1. August 1845 eine Bleibe bei der mütterlichen Verwandtschaft, ist zwischenzeitlich gereist, findet da und dort für zehn Tage Arbeit, ist immer wieder in Oberlenningen. Welchen Rat gibt ihm sein Vater und sein Pate, kann er nicht in der Heimat bleiben? Was hört er von seinen Geschwistern und den Leuten im Flecken? In nur zwölf Tagen reist Mathäus Sessle durch ganz Deutschland und Holland, zieht auf unbekanntem Weg in seine Zukunft. Reist er mit Auswanderern aus dem Dorf? In diesen Misserntejahren und Zeiten sozialer Unruhen von 1840 bis 1859 wandern sage und schreibe 112 Oberlenninger aus, eine Dekade zuvor sind es nur sieben Personen gewesen.
Der letzte Stempeleintrag in Mathäus’ Wanderbuch ist vom 16. August 1845 durch die „Directie van Police te Amsterdam“. Danach sind die Seiten im Büchlein leer. Kein Eintrag einer Militärzeit. Kein Brief von ihm ist archiviert. In Oberlenningen ist sein weiterer Lebensweg 40 Jahre lang unbekannt – “. . . drum schlag ich Deutschland aus dem Sinn und wende mich Gott weiß wohin“ heißt es in einem weiteren Wanderlied. In den württembergischen Auswandererlisten taucht sein Name nicht auf. Doch der Todestag seines Vaters Gottlieb Saeßle im Jahr 1862 steht im pfarramtlichen Totenbuch Oberlenningen. Der Gemeinderat verpflichtet den Bauern Johannes Georg Fuchs zum Pfleger „des seit 16 Jahren als Bäckergesellen in der Fremde abwesenden Sohnes in dem Erbfall des Vaters, der hälftigen Teilung mit der hinterbliebenen Wittib“. Das sind 432 Gulden und 5 Kreuzer, dazu die Liegenschaften im Kugelgässle, Baumwiesen im Schmaltal, Laubwald am Würstlesberg und am Schlattstaller Berg. Warum hälftig? Leben seine Geschwister nicht mehr?
Ein dickes Bündel von Schriftstücken belegt, wie sorgfältig in seinem Heimatort bis zum Jahr 1889 sein Erbe verwaltet und vermehrt wird, sicher unter der Schirmherrschaft seines „Dötle“, des Schultheißen Matthias Schwarz. Der Pfleger kauft vom Erlös der Grundstücke, deren Bewirtschaftung er nicht leisten kann, mehrere Württembergische Hypothekenpfandbriefe mit guter Verzinsung. Jahr um Jahr rechnet er Kapital und Zins, Pflegschaftskosten und Steuern ab für den „in Amerika Verschollenen, den ledigen Bäcker M.S.“ Seine Zahlen stimmen auf Heller und Pfennig, die Angaben zur Person freilich nicht.
Wohin ist Mathäus ausgewandert? Ein Puzzle und Namenwechselspiel bieten verblichene Briefe, zerfranste Zeitungsausschnitte ohne Datum, aus dem Englischen übersetzte und beglaubigte Abschriften aus Ehe-, Tauf- und Totenbüchern, alle Dokumente eidesstattlich beschworen. Es sind biografische Spuren eines jungen Schwaben, der die Überfahrt in ein unbekanntes Land gewagt hat: Ein Trauschein in Forest Hill in der englischen Grafschaft Kent vom 22. Juni 1846 dokumentiert die Heirat eines Junggesellen und Kutschers Frederick Sessle mit Maria geborener Justin. Ein Jahr später ist im Taufbuch desselben Orts die Geburt eines James Matthew vermerkt. Die Eltern heißen auf dem Taufschein Matthew und Maria. Ein zweiter Sohn wird auf den Namen Frederick getauft. Drei Mädchen Maria, Caroline und Mary werden geboren. Der Beruf des Vaters Matthew ist Kutscher, Bäcker, Kutscher. Dem Totenbuch zufolge stirbt der Kutscher Frederick M. Sessle in Forest Hill am 16. September 1874, 51-jährig, an chronischer Bronchitis und Krankheit der Nieren.
Seine Wittib kämpft sich durch, die Töchter mit ihren Kindern leben nicht bei ihr. Im Alter nehmen Maria Sessles Arbeitskräfte ab und ihre Erinnerungen zu. Sie besinnt sich auf die Erzählungen ihres Mannes, den sie als Portier am deutschen Hospital in Dalston, London, kennengelernt hat. Ein kleines großväterliches Erbe habe er in Oberlenningen hinterlassen, sei wegen seiner Stiefmutter im Streit mit der Familie ausgewandert. „Nie mehr höret ihr von mir“, soll er geschworen haben und habe mit dem Namen Frederick ein neues Leben begonnen. So sei er daheim genannt worden. Die Witwe versichert „that he was never married before he married me“. Seinen Kindern zuliebe habe er sich reumütig zu seinem richtigen Taufnamen bekannt. Die Söhne seien in sehr jungen Jahren als Söldner und Schiffszimmermann in die Welt gezogen. Ihr Mann habe in einem Brief die Nachricht bekommen, dass der 17-jährige Matthew in Montevideo und Rio gesehen worden sei. Spiegelt sich da das Schicksal des Oberlenninger Auswanderers? Der jüngere Bruder Frederick galt als verschollen. Er lebte einer Zeitungsnotiz zufolge in Sydney, wo dessen Frau bei einem Schiffsunglück ums Leben gekommen sei.
Maria Sessle sammelt die aufgezählten Dokumente, lässt ihr Papierbündel überprüfen: So ist es gewesen. Sie fügt auch das handschriftlich unterzeichnete Wanderbüchlein Nummer 248 zu den Akten. Das ist’s. Carl Sigel, der neue Oberlenninger Schultheiß, macht nach einem Jahr Korrespondierens mit dem „Kaiserlich Deutschen General Consulate zu London“ einen Knoten an diese Papierkriegsgeschichte: Am 20. Dezember 1889 wird die Pflegschaft für beendet erklärt und Maria Sessle erhält 2205 Goldmark überwiesen.
Ein paar Daten aus den Oberlenninger Archiven bestätigen: Mutter Anna Maria ist nach drei Totgeburten im Jahr 1838, als in Oberlenningen viele Kinder das „Scharlachfieber“ nicht überlebten, mit 48 Jahren im Wochenbett an Brustentzündung gestorben. Mathäus’ Stiefmutter Gottliebin, kinderlos wegen lauter Totgeburten, ruht seit 1886 auf dem Kirchhof. „Wir wandern, und keiner weiß vom andern“: Die Geschwister Friederike und Gottlieb sind später ebenfalls ausgewandert, nach Pennsylvania, dort 1862 und 1866 verstorben.
Ein Kilo Gold war in jenen Jahren 2 700 Mark wert. Im Märchen zog Hans im Glück nach langen Arbeitsjahren mit einem Klumpen Gold im Sack heimwärts und kam frohgemut und ledig aller Güter zurück. Der Bäcker- und Müllergeselle Mathäus Sessle zog mit seinem Wanderbuch und ein paar Hellern in die Ferne, kam nie mehr in die Heimat und hinterließ einen Batzen Geld seinen Erben. Den Namen Sessle gibt es heute in der Neuen Welt. Die Akte Säßle ruht im Lenninger Gemeindearchiv. Sie ist der Stoff für eine Auswanderergeschichte des 19. Jahrhunderts, einer vergessenen Lebensgeschichte voller Irrungen und Wirrungen, Lücken, Lügen, Leid und Märchenglück, sodass sie nur wahr sein kann.
Info
Auswanderer aus Lenningen Mitte des 19. Jahrhunderts:
Unterlenningen mit Brucken hatte 50 Auswanderer in den Jahren 1842 bis 1852, was rund 5 Prozent der Einwohner waren.
Oberlenningen hatte 112 Auswanderer in den Jahren 1840 bis 1859, was etwa 12 Prozent der Einwohner entsprach.
Schlattstall zählte 68 Auswanderer in den Jahren 1847 bis 1852, was 30 Prozent der Einwohner bei sieben Familien entsprach.
Nach Schwenkel Band 2; Würzburg 1953
