17.02.2016 - 02:17 Uhr

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Großer Bahnhof für Zukunfts-Bus

Wenn es um umweltfreundliche Mobilität geht, gehört Esslingen bundesweit zu den positiven Beispielen. Den Ruf einer Vorzeigestadt erwirbt sich die Kommune mit vier Elektrobussen, die nicht mehr ausschließlich auf die Oberleitung angewiesen sind. Eine neue Batterietechnik ermöglicht es den jeweils eine Million Euro teuren Fahrzeugen, bis zu 30 Kilometer ohne Netz zurückzulegen.

Hermann Dorn
Freude über den Quantensprung. Der neue Elektrobus. Foto: Stadt Esslingen
Freude über den Quantensprung. Der neue Elektrobus. Foto: Stadt Esslingen

Esslingen. Großer Bahnhof für die neue Hybridtechnik: Verkehrsminister Winfried Hermann und Thomas Bopp, Vorsitzender des Verbands Region Stuttgart, sind zusammen mit vielen Beteiligten des Projekts nach Esslingen geeilt, um mit ihrer Anwesenheit die große Tragweite des Termins zu unterstreichen. „Das ist ein vielversprechendes Kapitel in der Geschichte der Elektromobilität“, hob der Minister hervor. Er setzt darauf, dass die Esslinger Lösung in der Region und weit darüber hinaus Schule macht. Die neue Flexibilität der Hybridtechnik sieht er als Chance, die Lücke zwischen Schienen und herkömmlichem Busverkehr zu schließen. Bopp sprach von einem Pilotprojekt auf dem Weg zu einer nachhaltigen Mobilität.

Mehr als 70 Jahre setzt Essligen schon auf den Oberleitungsbus (Obus), der mit stangenähnlichen Abnehmern aus dem Netz mit Strom versorgt wird. Es war eine wechselvolle Geschichte. In den 80er-Jahren wurde das Netz mit großer Unterstützung des Bundes ausgebaut. Später aber wurde immer wieder bezweifelt, dass es sich um eine zukunftsweisende Lösung handelt. Im Rückblick hält Oberbürgermeister Jürgen Zieger die Entscheidung, am Obus festzuhalten, für „sehr weise“. Weil die Forschung die Leistungsfähigkeit der Batterien deutlich verbessert hat, habe sich die Geduld gelohnt.

Wenn die neuen Busse nach dem Probebetrieb im April auf die Strecke gehen, werden sie nicht mehr länger an das vorhandene Netz gebunden sein. Das gilt zunächst für die Linien 113 und 118, die zwischen Hauptbahnhof, Zollberg und Berkheim verlaufen. Im Stadtteil Zollberg, wo die Oberleitung endet, können die Fahrer auf Batteriebetrieb umschalten und Berkheim ansteuern. Zwischenstopps im Depot des Städtischen Verkehrsbetriebs sind überflüssig. „Die Batterien werden aufgeladen, wenn die Busse am Netz hängen“, erklärt Harald Boog von der Werkleitung.

Solche Vorzüge bedeuten Zieger zufolge für die neuen Elektrobusse einen Quantensprung. Er sieht Möglichkeiten, die Fahrzeuge künftig auf zusätzlichen Strecken einzusetzen. So laufen bereits Gespräche mit der Stadt Stuttgart, ob die Linie 101 zwischen Oberesslingen und Obertürkheim bis Untertürkheim verlängert wird. Auch eine Erweiterung in Richtung Zell wird erwogen. Boog kann sich außerdem vorstellen, Elektrobusse auf der Linie 111 bis Hohenkreuz und Neckarhalde zu schicken. Voraussetzung wäre allerdings, dass die Mülbergerstraße zwischen Neckar Forum und Klinikum mit einer Oberleitung ausgestattet wird.

Minister Hermann sieht in der neuen Flotte die passende Antwort auf die Probleme, mit denen nicht nur Stuttgart kämpft, wenn es um die Luftqualität und den Lärm geht. Das Augenmerk gilt vor allem den Hanglagen, wo der Elektroantrieb den größten Effekt verspricht.

Hohe Zuschüsse

Hermann ist von der Lösung so überzeugt, dass sein Ministerium die maximale Förderung bewilligt hat. Insgesamt 600 000 Euro übernimmt das Land. Auch die Region gibt sich großzügig und steuert 400 000 Euro bei. An der Stadt bleiben drei Millionen Euro hängen – ein Aufwand, der spätestens 2018 ohnehin angestanden hätte, wenn die nächste Ersatzanschaffung notwendig gewesen wäre. Dass die Investition etwas vorgezogen wurde, erklärt Boog mit dem aktuellen Förderprogramm des Landes, das inzwischen ausgelaufen ist.

Vom Auslaufmodell zum Pilotprojekt

Die ersten Anlagen für Obusse wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts eröffnet. Weltweit existieren derzeit 300 Oberleitungsbus-Betriebe in 47 Staaten. Überwiegend sind sie in Mittelosteuropa, den Nachfolgestaaten der Sowjetunion, der Volksrepublik China, Nordkorea, Italien und der Schweiz anzutreffen. Um die 550 Netze wurden wieder stillgelegt, vor allem in der westlichen Welt. In Deutschland gibt es nur noch drei Obus-Betriebe: einen mittelgroßen in Solingen sowie zwei kleinere in Eberswalde und in Esslingen (neun Fahrzeuge, zwei Linien).

Vorschusslorbeeren: Die Hoffnung, dass der Obus einen neuen Aufschwung erlebt, stützen sich auf eine größere Flexibilität. Es reicht, wenn 30 bis 40 Prozent der Linien mit Oberleitungen ausgerüstet sind. Auf dieser Strecke können die Batterien geladen werden. Der Schwerpunkt der Oberleitungen kann damit in Gewerbegebiete verlegt werden. Damit wird es möglich, Rücksicht auf Bereiche zu nehmen, die städtebaulich sensibel sind.

Technische Details: Mit 18,75 Meter haben die neuen Elektrobusse des Städtischen Verkehrsbetriebs (SVE) eine leichte Überlänge. Sie bieten mit ihrer futuristisch anmutenden Gestaltung ausreichend Platz für 110 Fahrgäste. Es gibt 44  Sitzplätze. Hersteller ist die Firma Solaris. Hybridtechnik heißt, dass zwei Technologien kombiniert werden. Der SVE fährt mit Ökostrom.

Der SVE (Städtischer Verkehrsbetrieb) ist ein kommunaler Eigenbetrieb der Stadt Esslingen. Er betreibt die Linien 101 und 118 sowie die fünf Omnibus-Linien 102, 103, 105, 113 und 115. Neben den neun Obussen waren Anfang 2016 insgesamt 17 Omnibusse im Einsatz, die alle niederflurig sind. Die übrigen Buslinien werden von den privaten Verkehrsunternehmen Fischle, Schefenacker und Schlienz betrieben. Für Fahrplan und Tarife ist der Verkehrsverbund Stuttgart (VVS) zuständig. do

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