20.09.2011 - 02:15 Uhr

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„Die Menschlichkeit wird siegen“

Contergan war ein Beruhigungsmittel, das Ende der 1950er-Jahre als besonders verträglich für Schwangere galt. 5 000 Kinder kamen als Folge der Einnahme missgebildet auf die Welt. Am Samstag veranstaltete das Contergan-Netzwerk in der Nürtinger Stadthalle das erste Contergan-Symposium. Stargast war Nina Hagen.

SYLVIA GIERLICHS
Bunt, stimmgewaltig und sehr sympathisch: Nina Hagen begeisterte mit ihrem Auftritt beim Contergan-Symposium in der Nürtinger Stadthalle. Foto: Jürgen Holzwarth
Bunt, stimmgewaltig und sehr sympathisch: Nina Hagen begeisterte mit ihrem Auftritt beim Contergan-Symposium in der Nürtinger Stadthalle. Foto: Jürgen Holzwarth

Nürtingen. Frau M. hat kurze Arme. Sie ist contergangeschädigt. Zum Flaschenöffnen und anderen Aktivitäten benutzt sie häufig die Zähne, was dazu führt, dass diese stark abgenützt sind. Eigentlich bräuchte Frau M. Implantate. Indes, die Krankenkasse sieht es anders. Eine Prothese sei ausreichend. Auch das Gericht, vor dem Frau M. klagte, schloss sich dieser Ansicht an. Wegen der verkürzten Arme ist Frau M. allerdings gar nicht in der Lage, die Prothese herauszunehmen, um sie zu reinigen. Hätte Frau M. ihre Zähne bei einem Unfall eingebüßt, hätte sie Anspruch auf Implantate gehabt, als Contergan-Opfer allerdings nicht.

Diese Geschichte, die der Rechtsanwalt Michael Ashcroft, selbst contergangeschädigt, beim ersten Contergan-Symposium über eine Klientin erzählte, macht deutlich, mit welchen Problemen die Opfer des Arzneimittelskandals bei Behörden oder anderen Institutionen kämpfen müssen.

„2007 hat mich die Vergangenheit eingeholt“, begann Dr. Harald Mückter seinen Vortrag. Die Produzenten des Fernsehfilms „Eine einzige Tablette“ hatten ihn angerufen, um ihn zum Leben und der Rolle seines Vaters Dr. Heinrich Mückter zu befragen. Heinrich Mückter entwickelte bei der Pharmafirma Grünenthal das Beruhigungsmittel mit dem Wirkstoff Thalidomid. Eine bewegte Zeit begann für Harald Mückter. Auch das Echo auf den Film berührte den Toxikologen nach eigener Aussage sehr. Doch nicht alle brachten Mückter Sympathie entgegen. „Manche Reaktionen waren gemein und verletzend“, sagt er rückblickend und man hört an seiner Stimme, wie auch ihn das Thema „Contergan“ emotional berührt. Als das Mittel 1957 auf den Markt kam, war Mückter fünf Jahre alt. Später habe ihm sein Vater auf seine Fragen geantwortet, Tierversuche beim Hund hätten ergeben, dass sechs Gramm pro Kilogramm Körpergewicht notwendig gewesen seien, um den Hund in Schwierigkeiten zu bringen. „Mein Vater hat auch Selbstversuche gemacht. Die Verträglichkeit bezeichnete er als hervorragend“, erzählt Mückter.

Seit Februar 2009 könne der Wirkstoff Thalidomid wieder verschrieben werden, allerdings nur mit einem Spezialformular, das nur sechs Tage gültig sei. Und nicht jeder darf ihn verschreiben. Der Wirkstoff werde heute zur Behandlung bei Tumorerkrankungen eingesetzt, da er das Wachstum von Gefäßen hemme. Was sich also bei Embryonen fatal ausgewirkt habe, sei für den Wachstumsstopp bei Tumoren ideal.

Mückter ging auch auf die umstrittene These ein, die Nationalsozialisten hätten Thalidomid bereits an KZ-Häftlingen ausprobiert. Verwicklungen der IG Farben oder der Firma Rhone-Poulenc? „Die vorgelegten Beweise überzeugen mich noch nicht richtig. Hier gibt es sicher mehr Fragen als Antworten. Doch auch ich möchte gerne wissen, welche Rolle mein Vater damals gespielt hat“, sagt Mückter, der hier auf die Arbeit der Historiker hofft.

Bei der sich an das Symposium anschließenden Open-House-Party traten der Zauberkünstler und Comedian Topas und der blinde Saxofonspieler Feri Nemeth auf. Der conterganbetroffene Schlagzeuger Tilmann Kleinau sorgte mit seiner Band „Crosslane“ für Superstimmung. Unbestritten war aber Superstar Nina Hagen der Höhepunkt der Party. Mit dem Woody-Guthrie-Song „This train is bound for glory“ legte sie los, wechselte in den deutschen Text „Dieser Zug fährt Richtung Freiheit“, womit sie gleich die Marschrichtung für das dreiviertelstündige Konzert vorgab. Mit pinkfarbenen Stiefelchen, Blumengesteck im Haar und rollenden Augen war sie ganz die Nina, die sie immer war: authentisch, ein bisschen schrill und sehr sympathisch. „Wie lange seid ihr denn von Berlin hierher gefahren, hat uns eine Dame vorhin gefragt, und ich sagte 2011 Jahre“, erzählte sie verschmitzt.

Von „Ermutigung“, einem Lied ihres Stiefvaters Wolf Biermann, über Bert Brecht bis hin zu „We shall overcome“ und „Amazing grace“ reichte das Repertoire der kleinen Sängerin mit der großen Stimme. Mit dem Woody-Guthrie-Titel „All you Fascists are bound to loose“ machte die erklärte Antifaschistin ein klares Statement gegen Rechts. Zwischendurch improvisierte sie. „Die Menschlichkeit wird siegen“, ist sich Nina Hagen sicher.

Eine ambivalente Beziehung hatte sie zu ihrer Gitarre, „sie frisst schon wieder Teile. Was da schon alles drin ist, das ganze Atlantis ist da drin“, schimpfte sie. Nach dem Konzert blieb sie, gab Autogramme, ließ sich mit den Fans ablichten und plauderte mit vielen. Eine gute Botschafterin für das Contergan-Netzwerk.

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