21.02.2011 - 19:15 Uhr

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Graupner muss sich neu aufstellen

Das Kirchheimer Traditionsunternehmen Graupner steht vor einem gewaltigen Umbruch: Erstmals in der Firmengeschichte kommt es zu betriebsbedingten Kündigungen. Das Familienunternehmen will sich durch diesen harten Schnitt für die Zukunft rüsten.

Andreas Volz
Modellflugtag auf der Hahnweide zum Jubil¿um der Firma Graupner
Modellflugtag auf der Hahnweide zum Jubil¿um der Firma Graupner

Kirchheim. Bei einer Betriebsversammlung wurden die 165 Mitarbeiter gestern Nachmittag über die anstehenden Veränderungen informiert. Bis zum Monatsende wird die Zahl der Mitarbeiter auf 120 sinken. Kündigungen gibt es in allen Abteilungen. Überproportional werde allerdings die Fertigung betroffen sein, wie Geschäftsführer Stefan Graupner gestern in einem persönlichen Gespräch dem Teckboten gegenüber erklärte. Gerade bei der Fertigung handle es sich um ein Problem, das mit der Globalisierung zusammenhängt: „Der Wettbewerb wird immer schwieriger, weil Produkte, die aus China importiert werden, viel billiger sind als hier hergestellte.“

Ein spezifisches Problem, das beim Modellbau hinzukommt, ist die Veränderung in der Gesellschaft. Das Basteln als Hobby wird immer mehr in den Hintergrund gedrängt. Die Folgen für das Kirchheimer Familienunternehmen sind gravierend, wie Stefan Graupner ausführt: „Das Freizeitverhalten geht immer mehr von kreativen Beschäftigungen weg und in Richtung virtuelle Welten. Der Vorfertigungsgrad unserer Modelle wird deswegen auch immer höher. Aber fertige Modelle können wir kaum mehr im eigenen Land produzieren.“

Natürlich will Graupner auch weiterhin Vereine unterstützen, um die Jugend an das Hobby heranzuführen. „Mit technisch anspruchsvollen Geräten kann man die Jugend immer noch begeistern“, sagt Stefan Graupner. Aber die weltweite Entwicklung sorgt dafür, dass sich das Kirchheimer Unternehmen stärker auf hochwertige Produkte konzentrieren muss. „Diese anspruchvollen Produkte schätzt der Markt nach wie vor. Deshalb wollen wir sie in Kirchheim auch weiterhin selbst fertigen. Wir wollen das Know-how hier halten.“

Trotzdem gebe es jetzt Überkapazitäten, die abzubauen sind, wenn das Unternehmen weiterhin mit innovativen Markenartikeln am Markt bestehen will. Die 45 Kündigungen seien notwendig, um sich der aktuellen Umsatzsituation anzupassen und um wettbewerbsfähig bleiben zu können. „In 80 Jahren Unternehmensgeschichte hatten wir noch nie so ein Thema“, bedauert Stefan Graupner die derzeitige Lage, die er dennoch als unumgänglich ansieht: „Wir müssen jetzt die nötigen Schritte einleiten, um die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens zu garantieren.“

Als Geschäftsführer fällt es Stefan Graupner nicht leicht, diesen Schritt zu gehen: „Bei solchen Entwicklungen haben es die Familienunternehmen nicht einfach. Das ist für alle Beteiligten schwer. In einem Familienbetrieb sind es ja die persönlichen Bindungen, die vorherrschen.“ Deshalb betont der Geschäftsführer, dass er sich nicht nur mit der Agentur für Arbeit eng abgestimmt hat, sondern vor allem auch mit dem Betriebsrat: „Es ist wichtig, diesen Weg gemeinsam zu gehen, Seite an Seite.“

Die 45 betroffenen Mitarbeiter wechseln ab März für maximal zwölf Monate in die Transfergesellschaft „Refugio“, wo der Schwerpunkt auf Fortbildung liegt. Stefan Graupner geht davon aus, dass etwa 70 Prozent der Mitarbeiter über die Transfergesellschaft wieder zu einer anderen Tätigkeit kommen, zumal die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen momentan recht gut sind, verglichen etwa mit dem Zeitpunkt vor zwei Jahren. „Hinter jedem Einzelnen steckt natürlich ein persönliches Schicksal, und jeder hat seine persönlichen Schwierigkeiten mit dieser Situation. Aber wir hoffen, dass die Transfergesellschaft möglichst viel auffangen kann.“ Außer neuen Chancen durch die Weiterbildung biete die Gesellschaft immerhin auch ein Stück Sicherheit für die nächsten Monate.

Um Sicherheit geht es natürlich auch für die verbleibenden 120 Mitarbeiter in Kirchheim. Weitere Entlassungen schließt Stefan Graupner aus. Nach den jetzigen Kündigungen soll sich das Unternehmen - auch mit Unterstützung durch externe Berater - für die Zukunft aufstellen. Als erstes Beispiel dafür nennt der Geschäftsführer das neue 2,4-Frequenz-Hopping-Verfahren mit bidirektionalem Datenaustausch, mit dem sein Unternehmen bereits auf neue technologische Anforderungen und Herausforderungen reagiert hat.

Dieses Verfahren ermöglicht es, dass nicht nur Daten und Befehle der Fernsteuerung ans Flugmodell weitergegeben werden, sondern dass umgekehrt auch technische Daten vom Modell an das Steuerungssystem zurückfließen. Informationen zu Flughöhe, Geschwindigkeit, Temperatur oder Akkustand sind somit am Boden abrufbar. Die Fernsteuerung arbeitet sogar mit einer Sprachausgabe, sodass der Modellpilot nicht so abgelenkt wird, wie wenn er auf ein Display schauen müsste.

„Wir waren mit der neuen Technik zwar nicht als

Erste auf dem Markt“, gibt Stefan Graupner zu. „Aber wir sind jetzt mit einer Eigenentwicklung wieder an die Spitze des Markts zurückgekehrt. Auf der Messe in Nürnberg ist das sehr gut angekommen.“ Die Lebenszyklen neuer Produkte würden immer kürzer. Ein Ausruhen auf Lorbeeren sei deshalb weniger denn je möglich. Aber gerade deshalb bekennt sich Stefan Graupner nach der drastischen Verkleinerung der Belegschaft eindeutig zum Traditionsstandort in Kirchheim: „Die technische Entwicklung verläuft zwar immer rasanter, aber da müssen wir Schritt halten können. Die Innovationskraft soll hier bleiben.“

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