22.07.2013 - 02:02 Uhr

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Schwäbische Seelen zum Spenden animiert

„Starke Schwaben“ sorgten am Freitagabend im Bohnauhaus für kurzweilige Unterhaltung. Mit Angeboten aus unterschiedlichsten Bereichen der Kunst sammelten sie Geld für die Kampagne „Starkes Kirchheim – Allen Kindern eine Chance“.

Andreas Volz
Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker leitete persönlich die Versteigerung von Werken Konrad Raums. Der Erlös kam der Kampagne „Starkes Kirchheim - Allen Kindern eine Chance“ zugute. Das gilt auch für die übrigen Einnahmen des literarisch-musikalischen Abends im Bohnauhaus.Foto: Deniz Calagan
Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker leitete persönlich die Versteigerung von Werken Konrad Raums. Der Erlös kam der Kampagne „Starkes Kirchheim - Allen Kindern eine Chance“ zugute. Das gilt auch für die übrigen Einnahmen des literarisch-musikalischen Abends im Bohnauhaus.Foto: Deniz Calagan

Kirchheim. Am Anfang waren die Pfadfinder. So zumindest erklärte Christine Marin für „Starkes Kirchheim“, wie es zur Dichterlesung mit Hans Paulin kommen konnte. Als alter Pfadfinderfreund habe er ihrem Vater vorgeschlagen, einmal für den guten Zweck Ausgewähltes aus seiner umfangreichen Sammlung schwäbischer Gedichte vorzutragen. Kongeniale Unterstützung fand Hans Paulin in Wolfgang Müller alias „Wollie Malone“, der mit Gitarre und Gesang – natürlich Schwäbisch – für beste Stimmung sorgte. Ein weiterer alter Pfadfinder war Matthias Raum, der sich bereiterklärte, 22 Aquarelle und Zeichnungen seines Vaters Konrad Raum versteigern zu lassen.

So fanden also Poesie, Musik und Bildende Kunst zusammen, um Geld für die Unterstützung benachteiligter Kinder und Jugendlicher „einzuspielen“. Bereits ganz zu Beginn versicherte Christine Marin den Gästen: „Jeder Cent kommt bei den Kindern an. Wir sind alle ehrenamtlich tätig.“

Ehrenamtlich war auch Hans Paulin zu seinem „Heimspiel“ ins Bohnauhaus gekommen. Ob er ein Dichter sei, das wolle er „oifach mal offa lassa“, denn Dichter zu sein, das sei eine Berufung und „a ernschte Sach“. Er selbst betreibe das Dichten aber nicht übermäßig ernst, sondern aus einem ganz anderen, ganz einfachen Grund: „Mir macht‘s halt a Freud‘.“

Das erste Gedicht, das er vor über 40 Jahren geschrieben hat und mit dem er nun seine Lesung begann, war ein typisches Gelegenheitsgedicht. Es hatte aber einen direkten Bezug zum anderen Teil des Benefizabends. Schließlich klebe dieses Gedicht seit seiner Entstehung auf der Rückseite eines Konrad-Raum-Bilds. Sein Posaunenchor hatte es einem Mitbläser zur Hochzeit geschenkt. Das Gedicht endet mit einer Empfehlung an das Brautpaar, wie es mit dem Bild umzugehen habe: „Hängat‘s an d‘Wand ond guckat‘s a!“

Gut abgestimmt war indessen nicht nur diese Verbindung zwischen Lyrik und späterer Kunstauktion. Perfekt aufeinander eingestellt waren auch Dichter und Sänger: Einem Vortrag des schwäbischen Klassikers 
„I, wenn i Geld gnuag hätt‘“ durch „Wollie Malone“ ließ Hans Paulin eine eigene Text-Version folgen, die genau umgekehrt vorgeht: Da geht es nicht um einen jungen Menschen, der sich sein Glück erträumt und dabei an der harten Realität scheitert, sondern um einen alten Menschen mit seinen Zipperlein, der trotz der harten Realität das Leben genießen und noch träumen kann: „Doch ebbes gibt mr Troscht, / Des isch a Gläsle Moscht. [...]  I hock‘ em Winkele, / Heb‘ mi am Henkele / Und träum‘ vom Enkele. /  Oh, des ischt schee.“

Die schwäbische Seele kam in vielen weitern Facetten zu Wort, sowohl beim Dichter als auch bei seinem Sänger. Da ging es um den Fimmel, nichts wegschmeißen zu können. „Gruschtla wird zum Hochgenuss, / 
Weil mr na nix kaufa muss“, hieß es etwa, oder auch: „Wega mir braucht‘s koin Container ond koi Altpapier.“ Es ging außerdem um die Unmöglichkeit, so lange zu schlafen, wie man gerne möchte, „denn bei ons, in onserm Ländle, traut mr sich des net“.

Andererseits gab es aber doch die richtige Empfehlung für die aktuelle sommerliche Wetterlage: „I trenk mei kühls Tröpfle em Schatta, / Ond em Schatta isch‘s wunderbar.“ Nicht zu vergessen auch der Rat für den Umgang mit den „Schattenseiten vom Schatten“, den Schnakenstichen: „Kratz dir doch koin rota Fleck, / Lass doch deine Pfota weg.“

Kabarettistisch ging es schließlich zu, als Michael Attinger in seiner Eigenschaft als Bierbrauer und Stiftsscheuerwirt das Nachtwächterlied vortrug, das sein Nachbar Hans Paulin für ihn gedichtet hatte, als im Kirchheimer Gemeinderat erbittert um die sommerlichen Öffnungszeiten bei der Außenbewirtung gestritten worden war. „Trenkat aus ond werdat still, / Weil es unser Stadtrat will“, sang er seinerzeit seinen Gästen vor. Und auch eine gehörige Portion Sarkasmus war dabei, als es um Schlag elf hieß: „D‘ Nochber müssat jetzt ens Bett, / Ob se wellat oder net.“

Den Bogen zurück zur Pfadfinderei schlug Hans Paulin schließlich, als er sein Gedicht über das gemeinsame Glockenputzen der ergrauten Altpfadfinder im Martinskirchturm vortrug. Und auch hier sprühte er vor Ironie und Doppeldeutigkeit, als er feststellte: „Glocka putzt koi alter Ma. / Glocka putzt, wer saua ka.“

Erinnerungen an früher kamen auch im zweiten Teil des Abends auf, als Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker als Auktionatorin die Werke Konrad Raums anpries und an den Mann beziehungsweise unter den Hammer brachte. Immer wieder und unermüdlich stellte sie die einmalige Gelegenheit heraus, Erinnerungen an das Kirchheim der 60er-, 70er- und 80er-Jahre zu erwerben – und das auch noch zum Schnäppchenpreis.

Bei einer Zeichnung vom Stuttgarter Schlossplatz gab sie sogar einen besonders schwäbischen Kaufanreiz mit auf den Weg zum Einstiegsgebot von 100 Euro: „Das lohnt sich schon allein wegen dem Rahmen.“ Dennoch tat sie sich bei einer anderen Zeichnung, die Stuttgart zeigte, schwer mit dem Anpreisen: Die Ansicht vom Eugensplatz aus war eines von zwei Werken, die mangels Geboten zurückgestellt werden mussten.

Die Kirchheimer Motive dagegen gingen allesamt weg. Selbst die Zeichnung „Baustelle in Kirchheim“ fand im zweiten Durchgang noch einen Abnehmer. – „Denken Sie an Konrad Raum, und denken Sie an ,Starkes Kirchheim‘“, sagte die Oberbürgermeisterin, um die Gäste zum Bieten aufzufordern.

Am Ende waren bei der Versteigerung von 20 Werken 4 080 Euro zusammengekommen: Das ist eine stolze Summe für „Starkes Kirchheim“, war aber aus Sicht von Kunstexperten angesichts eines Durchschnittspreises von 204 Euro pro Zeichnung oder Aquarell tatsächlich oft ein wohlfeiles Schnäppchen.

Und ganz am Ende blieb es „Wollie Malone“ als Moderator vorbehalten, den Kreis zu schließen und – ganz ähnlich wie in Hans Paulins Anfangsgedicht – den neuen Besitzern der Kunstwerke zum Ausklang des Abends zu empfehlen: „Hockat Se no zwoi Stond vor Ihr Bild na.“

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