26.01.2016 - 02:02 Uhr

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Die Teck als Fürstensitz in keltischer Zeit

Andreas Volz

Kirchheim. Reich an Höhepunkten war das archäologische Jahr 2015 in Kirchheim, über das Rainer Laskowski im Spitalkeller der Volkshochschule berichtet hat: Mit Kompetenz


und Begeisterung sprach der frühere Museumsleiter über drei Grabungsstätten. Bei den übrigen Fundstellen reichte die Zeit nicht mehr, um detaillierter auf sie einzugehen.

Der erste Höhepunkt war zugleich der spektakulärste: die Goldfunde aus der Keltenzeit, die das Landesamt für Denkmalpflege am Hegelesberg geborgen hat. Gefunden wurden Goldkugeln und -ringe sowie weiterer Schmuck aus Bronze und Agaten. Dass es sich dabei um Grabbeigaben für eine Frau handeln muss, erklärt sich aus der Art des Schmucks sowie aus der Lage der Fundstücke im Boden.

Rainer Laskowski bezweifelt, dass diese Frau gleich eine „Fürstin“ gewesen sein muss. Gleichwohl habe sie einen Bezug zu einem Fürstensitz gehabt, und diesen keltischen Fürstensitz sieht er auf der Teck. Dort habe es Wasser und Weideland gegeben, sodass man bis zu 40 Stück Vieh halten konnte. Wer auf der Teck sitze, beherrsche die Region, nicht zuletzt wegen des Albaufstiegs. So stellte er denn auch die These auf: „Wichtig in der frühkeltischen Zeit war die Teck, und nicht der Heidengraben.“

Der Fund des Keltengolds aus dem fünften vorchristlichen Jahrhundert kam Rainer Laskowski zufolge überraschend, weil im Vorfeld nicht viel darauf hingedeutet hatte. Bei den Funden aus dem Neolithikum, die das Denkmalamt am Hegelesberg präsentiert hatte, sei das ganz anders gewesen: Nach Grabungen im Nägelestal, die Rainer Laskowski und seine Archäologie-AG bereits 1992 machen konnten, habe sich durchaus auf eine größere jungsteinzeitliche Siedlung in dieser Gegend schließen lassen.

Anhand eines rekonstruierten Langhauses vom Hegelesberg kommt Rainer Laskowski auf den Alltag in der Jungsteinzeit zu sprechen: „Man hat damals mit dem Vieh im Haus gelebt, und das hatte Vorteile, besonders im Winter: Vieh gibt warm.“ Zu rekonstruieren waren die Häuser durch Pfostenlöcher. Darin hatten einst die Pfähle gesteckt, die sozusagen das „Skelett“ der Langhäuser bildeten.

Was an Funden zutage kam, war Keramik aus der Zeit um 5300 vor Christi Geburt. Bei organischen Funden dagegen erweise sich der Lössboden als Problem: „Er hat eine aggressive Wirkung auf die Funde, weil er schnell entkalkt. Die Pflanzen bauen den letzten Rest an Kalk ab, indem sie jedes Krümelchen aufnehmen.“ Das sei besonders problematisch für den Erhalt von menschlichen Knochen. Weder aus dem Neolithikum noch vom Keltinnengrab sei deshalb ein Skelett erhalten geblieben.

Besonders viel hat sich übrigens rund um das abgebrochene Haus Jesinger Straße 8 – 10 in Kirchheim erhalten, und das auch noch aus sehr unterschiedlichen Zeiten. Zum einen kam dort im Boden eine „Steinkiste“ zum Vorschein, die Rainer Laskowski der Urnenfelderzeit zuordnet, der Zeit um 1000 bis 800 vor Christus. Das schließt er aus Urnengräbern, die seine Archäologie-AG in der Umgebung gefunden hat, teilweise auch früher schon auf dem Nachbargrundstück. In der Steinkiste selbst habe sich nichts Urnenfelderzeitliches erhalten. Vermutlich liege das daran, dass mittelalterliche Töpfer um 1400 die „Kiste“ als Lehmgrube verwendeten.

Darstellungen adeliger Frauen mit Krüselerhauben auf den Keramikscherben lassen Laskowski darauf schließen, dass Kirchheim im Mittelalter ein bedeutender Töpfereiort gewesen sein muss, auch wenn das „aus Urkunden so nicht bekannt“ sei. Was dagegen urkundlich bekannt ist, ist der „Stuckerin-Graben“, der sich bisher nicht lokalisieren ließ. Spuren eines tiefen, breiten Grabens an der Ecke Jesinger Straße / Villastraße sieht Laskowski nun als archäologischen Nachweis für den Stuckerin-Graben an.

An gleicher Stelle sind Glasplatten des Fotografen Otto Hofmann erhalten geblieben, wie erst kürzlich im Teckboten berichtet. Rainer Laskow­s­ki erhält seither regelmäßig Anfragen von Leuten, die sich für die hundert Jahre alten „Negative“ interessieren.

Noch ein weiteres Gebäude stellte der Leiter der Archäologie-AG näher vor: das alte Jesinger Rathaus. Nach dem Abriss, den er sehr bedauert, konnte er im Boden erkennen, dass das Rathaus in der Lindach-Aue erbaut worden war, wo große Hochwassergefahr bestanden haben muss. Nun sei das Haus aber nicht den Fluten zum Opfer gefallen, sondern dem Wunsch, es durch einen modernen Zweckbau zu ersetzen. Rainer Laskowski warnt grundsätzlich davor, dass ähnliche Entwicklungen auch in Kirchheims Innenstadt weiter um sich greifen könnten: „Neu und Alt passt nicht immer gut zusammen. Und wenn man schon eine Altstadt hat, sollte man sie auch bewahren.“

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