Lokales

Äpfel essen ausdrücklich erwünscht

In Weilheim hat sich der Verein „Schwäbisches Streuobstparadies“ gegründet

„Schützen durch nützen“ lautet das Motto des Vereins „Schwäbisches Streuobstparadies“, der sich am Dienstagabend in der Limburghalle in Weilheim aus der Taufe gehoben hat. 160 Kommunen, Vereine, Unternehmen und Landwirte haben sich vorgenommen, was vielen schier unmöglich erscheint: Die Rettung der Streuobstwiesen.

Blütenmeer am Albtrauf: Für Erholungssuchende sind die Streuobstwiesen gerade im Frühling das reinste Paradies. Doch hinter der
Blütenmeer am Albtrauf: Für Erholungssuchende sind die Streuobstwiesen gerade im Frühling das reinste Paradies. Doch hinter der traumhaften Fassade steckt viel Arbeit.Foto: Deniz Calagan

Weilheim. „Das Positive am Schwäbischen Streuobstparadies ist: Das Apfelessen ist nicht verboten, es ist sogar ausdrücklich erwünscht.“ Dieser Satz von Landwirtschaftsminister Alexander Bonde, der eigens zur Gründung des Vereins „Schwäbisches Streuobstparadies“ an die Limburg gekommen war, trifft das Problem im Kern. Die Streuobstwiesen, einst Einnahmequelle der hiesigen Landbevölkerung, verwildern, weil immer weniger Menschen bereit sind, für ein paar Äpfel ihre Freizeit zu opfern. Das Paradies ist in Gefahr.

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Das ist nicht neu, aber der vereinte Kraftakt, mit der die Rettung der Streuobstwiesen nun angegangen werden soll, ist es. 160 Kommunen, Obst- und Gartenbauvereine, Verbände, Unternehmen, Landwirte und Bildungseinrichtungen aus den Landkreisen Esslingen, Reutlingen, Tübingen, Göppingen, Böblingen und Zollern Alb, ausgestattet mit 120 000 Euro Anschubfinanzierung vom Land Baden-Württemberg, haben sich seit Dienstagabend dem Ziel verschrieben, die 26 000 Hektar Streuobstwiesen zwischen Alb und Neckar mit ihren rund 1,5 Millionen Bäumen besser zu vermarkten und sie dadurch möglicherweise zu erhalten.

„Wenn wir zusammenarbeiten, haben wir eine Chance“, sagte Landrat Heinz Eininger, der die Gründungsversammlung leitete und später einstimmig zum Vorsitzenden gewählt wurde. Der Verein „Schwäbisches Streuobstparadies“ erhält eine Geschäftsstelle in Bad Urach, von der aus ab Herbst die vielfältigen Projekte, die es in den sechs Landkreisen im Streuobstbereich gibt, koordiniert und teilweise zusammengeführt werden sollen. Auch der finanzielle Aspekt spielt eine Rolle. „Wir hoffen, dass wir gemeinsam unsere Chancen auf Fördermittel erhöhen können“, sagte Heinz Eininger.

Der Landrat ging auch auf die Kritiker ein, die sich während des zweijährigen Gründungsprozesses unter anderem in Leserbriefen zu Wort gemeldet hatten. „Das ist typisch für uns Schwaben – wir räsonieren und bruddeln“, sagte er. Wer im Bedenken äußern verharre, greife jedoch zu kurz. „Ich setze auf die Runde, die hierhergekommen ist“, sagte Heinz Eininger. Allerdings sind nicht alle Akteure mit von der Partie. Der Rems-Murr-Kreis hat eine Mitgliedschaft vorerst abgelehnt, und auch einige Kommunen aus dem Landkreis Göppingen wollten lieber draußen bleiben.

Bevor Minister Bonde das Wort ergriff, legte Weilheims Bürgermeister Johannes Züfle ob nahender Gemeinderatssitzung den Turbo ein und hieß die Besucher in einer 180 Sekunden kurzen Rede in der Zähringerstadt willkommen. „Heute schließt sich ein Kreis“, sagte Züfle in Anspielung auf einen Workshop, den der Landkreis im Februar 2010 im Weilheimer Ratssaal mit den zehn Albtraufgemeinden veranstaltet hatte, um sich Gedanken zum Thema Streuobst zu machen. „Der Verein soll unserer Hoffnung den Weg weisen, etwas für den Erhalt der Streuobstwiesen zu tun.“

„Die Streuobstlandschaft auf der Schwäbischen Alb ist einzigartig. Ich freue mich, dass sich heute mehr als 160 Beteiligte aus sechs Landkreisen vernetzen, mit dem Ziel, zukünftig Ideen für die Förderung der Streuobstwiesen zu bündeln und gemeinsam umzusetzen“, sagte Alexander Bonde. Das Land unterstütze dieses vorbildliche Engagement daher mit einer Anschubfinanzierung für die Geschäftsstelle. „Ich bin mir sicher, dass es mit vereinten Kräften leichter ist, das Potenzial der Streuobstwiesen auszuschöpfen“, so der Minister für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz. Neben der landwirtschaftlichen Nutzung sehe er vor allem den Tourismus als Möglichkeit zu weiterem Wachstum, weil die artenreiche Kulturlandschaft der Streuobstwiesen ein attraktives Ziel für Erholungssuchende sei.

Aus der Satzung des Vereins „Schwäbisches Streuobstparadies“

Der Verein „Schwäbisches Streuobstparadies“ hat stimmberechtigte Mitglieder und nicht stimmberechtigte Fördermitglieder. Stimmberechtigte Mitglieder sind zum Beispiel die Städte und Gemeinden, die Landkreise, das Land, Vereine und Verbände, Betriebe und Initiativen, die den Vereinszweck verfolgen sowie Hochschulen und Bildungseinrichtungen mit Bezug zum Thema Streuobst, Natur- und Umweltschutz oder Tourismus im Vereinsgebiet. Privatpersonen und sonstige Betriebe können nach entsprechender schriftlicher Erklärung dem Verein beitreten. Sie zahlen zwar einen Beitrag, haben aber kein Stimmrecht. Zur Deckung seiner Aufgaben erhebt der Verein Mitgliedsbeiträge. Landkreise zahlen beispielsweise 7 000 Euro, Städte und Gemeinden je nach Einwohnerzahl zwischen 500 und 2 500 Euro, Familienbetriebe 100 Euro. Vereine, Verbände und Initiativen werden mit mindestens 100 Euro zur Kasse gebeten, Bildungspartner ebenfalls mit 100 Euro. Fördermitglied kann man ab einem Beitrag von 50 Euro werden. Gemeinnützige Vereine sind anders als ursprünglich geplant beitragsfrei. Müssten sie einen Beitrag zahlen, würden sie Gefahr laufen, ihre Gemeinnützigkeit zu verlieren.adö