Lokales

Als Christ im Dialog mit Muslimen

Pfarrer Heinrich Georg Rothe ist Islambeauftragter der Evangelischen Landeskirche in Württemberg

Den Namen Rothe bringt jeder im Lenninger Tal mit dem Pfarrhaus in Schopfloch in Verbindung. Frida Rothe ist dort Pfarrerin und auch für Gutenberg zuständig. Was viele jedoch nicht wissen: Ihr Mann Heinrich Georg Rothe ist ebenfalls Pfarrer und dazu Islambeauftragter der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.

Landesbischof Frank Otfried July (Mitte) bei der Pressekonferenz im Religionsministerium im Oman, rechts Pfarrer Heinrich Georg
Landesbischof Frank Otfried July (Mitte) bei der Pressekonferenz im Religionsministerium im Oman, rechts Pfarrer Heinrich Georg Rothe, links der Übersetzer. Foto: Silke Stürmer

Lenningen. Heinrich Georg Rothe ist ein offener Mensch, der keine Berührungsängste kennt – die Idealbesetzung also für das sensible Amt des Islambeauftragten in der Evangelischen Landeskirche. Schon während seines Theologiestudiums in Tübingen hatte er muslimische Freunde. „Das war damals extrem selten“, sagt er im Rückblick.

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Während seiner Studienzeit sei der Islam „für die meisten etwas sehr Fremdes“ gewesen, der die Neugier des 1955 geborenen Hochschülers weckte. Er studierte den Koran und das klassische Arabisch. „Das ist die Sprache der Dichter und Historiker, ähnlich wie das antike Griechisch, das in Griechenland nicht mehr gesprochen wird“, erklärt Heinrich Georg Rothe. Auch das moderne Arabisch hat er gelernt, doch zu seinem Bedauern mangels Praxis viel vergessen.

Für Heinrich Georg Rothe ist das Interesse an einem fremden Glauben kein Widerspruch. „Gerade der Dialog mit anderen Religionen stärkt unseren Glauben“, ist er überzeugt. Deshalb hat er auch keinerlei Berührungsängste – weder mit anderen Kulturen noch anderen Glaubensrichtungen. Gleichwohl ist er sich bewusst, dass es sich bei seiner derzeitigen Arbeit schon immer um eine „umstrittene Tätigkeit“ gehandelt hat und er sich deshalb mit voller Kraft in diese Aufgaben „reingeben“ muss. Bereits von 1992 bis 1998 war er Leiter der Beratungsstelle für Islamfragen der Evangelischen Kirche im Rheinland und der Evangelischen Kirche in Westfalen. „Im Ruhrgebiet wurden zu dieser Zeit vielerorts Moscheen gebaut, doch die Gesellschaft betrachtete Muslime und den Islam nicht als Teil Deutschlands. Die Evangelische Kirche war damals mutiger als die Politik“, erklärt der Pfarrer.

Nach dieser Zeit war der Esslinger Stadtteil Sulzgries die neue Heimat. Gemeinsam mit seiner Frau teilte er sich die Stelle des Gemeindepfarrers und war zudem Ansprechpartner für sämtliche Belange des christlich-islamischen Dialogs im Kirchenbezirk. Heinrich Georg Rothe gehörte von Anfang an dem Vorstand des Koordinierungsrats des Christlich-Islamischen Dialogs in Deutschland an, der 2003 gegründet wurde. Außerdem ist er Mitglied der Christlich-Islamischen Gesellschaft Stuttgart und war damals im Arbeitskreis für Islamfragen der Landeskirche. „Die Jahre in Sulzgries habe ich als spannungsreich erlebt. Das Ehrenamt hat mich stark gefordert, denn in diese Zeit fiel die Debatte um den Moschee-Bau in Esslingen“, erzählt Heinrich Georg Rothe, der heute noch froh darüber ist, dass die gesamte Familie solidarisch hinter seinem Engagement stand.

Auf all diese Erfahrungen kann Heinrich Georg Rothe als Islambeauftragter zurückgreifen. Als solcher bietet er Beratungen an und versucht, Missverständnisse auszuräumen. „Manchmal sind die Menschen vor Ort einfach überfordert, wenn es um den Dialog und das Zusammenleben von Christen und Muslimen geht“, so seine Erfahrung. Dann ist er als Moderator gefragt, denn Austausch ist aus seiner Sicht immer gut. „Wenn es um die Annäherung geht und sich beide Seiten ,beschnuppern‘, haben viele dabei gerne einen Beistand. Mein islamischer Kollege und ich begleiten dann jeweils unsere Schäflein“, beschreibt er den Prozess. Hilfreich kann in solch einem Fall ein Programm sein. Bei der ersten vorsichtigen Annäherung einer evangelischen Kirchengemeinde und einer islamischen Gemeinde stand ein Moschee-Besuch an. „Da haben beide Seiten tief Luft geholt und dann stand die Frage im Raum, was gekocht wird. Am Ende haben beide Seiten für das Buffet gesorgt, das übergequollen ist“, erzählt er. Heinrich Georg Rothe hatte noch einen Vortrag gehalten in einem – zu seiner Freude – voll gefüllten Saal. „Anschließend kamen alle gut miteinander ins Gespräch“, erinnert er sich.

Vonseiten der Muslime besteht eine große Bereitschaft zum Dialog, so die Erfahrung des Pfarrers – und das nicht nur bei Muslimen in Deutschland sondern auch auf der arabischen Halbinsel. Davon gibt die Reise von Landesbischof Frank Otfried July aus Württemberg in den Oman im Februar ein beredtes Zeugnis ab, an der auch Heinrich Georg Rothe teilnahm. Insgesamt bestand die Delegation aus fünf Personen. Eingeladen hatte der Religionsminister Scheich Abdullah al-Salmi, der vor zwei Jahren Teilnehmer einer Konferenz an der Universität Tübingen war. Ihm liegt viel am interreligiösen Austausch, und damit es nicht nur bei Lippenbekenntnissen bleibt, sollte Bischof July in der großen Moschee der Hauptstadt zum Thema Toleranz sprechen.

Vor seiner Abreise räumte Heinrich Georg Rothe noch Schnee in Schopfloch, im Oman empfing ihn milde Nachtluft. Der Kontrast zur beschaulichen Alb war nicht nur bei den Temperaturen augenfällig, sondern vor allem in der zuvorkommenden Art und Weise der Gastgeber. „Der Bischof wurde als hoher Staatsgast behandelt. Es wurden alle Register gezogen und unser Besuch gestaltet wie in Tausendundeine Nacht. Doch das war nicht nur die sprichwörtliche orientalische Gastfreundschaft – den Omanis ging es um Inhalte, die eigene Verpflichtung“, ist Heinrich Georg Rothe noch heute von dem Besuch beeindruckt. Ihn freut, dass die Omanis auf ihre Art zum Ausdruck gebracht haben, dass sie Toleranz in einer globalisierten Welt für notwendig halten und den Dialog suchen. Private Einladungen beim Minister sind dabei ein wichtiges Signal, bei dem die Delegation zu einem fürstlichen Mahl geladen war. Ebenso die Tatsache, dass Frank Otfried July in Bischofskleidung eine christliche Rede in der großen Moschee in Maskat auf Englisch hielt, die sorgfältig übersetzt wurde. „Über den Besuch wurde in der Presse ausführlich berichtet und die Rede sogar im Wortlaut in einer Zeitung abgedruckt. Das zeigt schon Courage, denn auf der großen arabischen Halbinsel gibt es nicht nur diese Haltung. Das mächtige Saudi-Arabien macht eine andere Politik“, zollt Heinrich Georg Rothe seinen Gastgebern großen Respekt.

„Der Oman betreibt eine Politik des Ausgleichs – auch des religiösen – und sucht Frieden mit seinen Nachbarn“, beschreibt der Pfarrer das Land. Als direkter Anrainer an der Straße von Hormuz, durch die der gesamte Schiffsverkehr von und zu den Ölhäfen der Golfstaaten läuft, wolle sich der Wüstenstaat nicht in einen Konflikt mit dem Iran hineinziehen lassen. Die Gesellschaft ist konservativ und Familienbeziehungen sind wichtig. „Bildung spielt eine Riesenrolle und dabei gibt es sogar etwas Kurioses: eine Männerquote an der Uni, weil eigentlich der Notendurchschnitt entscheidet und die Frauen besser sind“, erzählt Heinrich Georg Rothe schmunzelnd. Vor rund 40 Jahren öffnete sich der Staat aufgrund eines Generationenwechsels im Sultanat und schaffte beispielsweise die Sklaverei ab. Davor war der Oman hermetisch abgeschottet. „Das Öl erlaubt dem Land viel, aber der Oman ist nicht so ölreich wie andere Golfstaaten“, erklärt der Schopflocher. Schon jetzt würden die Weichen für die Zeit nach dem Öl gestellt und die Omanis auf ihre alte Rolle vorbereitet: Einst war es eine Handelsnation, die Dienstleistungen anbot, Drehscheibe und berühmt für seinen Weihrauch war.

In Deutschland hörte Heinrich Georg Rothe nur positive Reaktionen über die Omanreise des Bischofs, auch in der Landessynode. Im Blick auf das Reformationsjubiläum 2017 gibt es seit 2008 Themenjahre – da passt es perfekt, dass 2013 „Reformation und Toleranz“ überschrieben ist, vergisst der Pfarrer nicht, auf den Kirchenschwerpunkt hinzuweisen. „Die Perspektive ist ganz bewusst nicht (nur) historisch gewählt. Denn wie viele andere Religionen und Weltanschauungen war und ist auch der christliche Glaube im Grunde weder tolerant noch intolerant, sondern wird gelebt und geformt. Die Lerngeschichte der Reformation dauert in einer pluralistischen Gesellschaft bis heute an – und entwickelt sich auch in Zukunft fort“, heißt es dazu vonseiten der Kirche.

Wer mehr über die Reise von Landesbischof Frank Otfried July aus Württemberg in den Oman wissen will, findet dazu im Internet unter www. julyimoman.wordpress.com einen Reisebericht.