Lokales

Als Möbelpacker statt als Bittsteller im Einsatz

„Kirchheimer Marktplatz für gute Geschäfte“ trägt Früchte und bringt Firmen und Einrichtungen unter einen Hut

Gemeinsam geht‘s besser: Der Umzug ist schon fast geschafft.Foto: Daniela Haußmann
Gemeinsam geht‘s besser: Der Umzug ist schon fast geschafft.Foto: Daniela Haußmann

Kirchheim. Samstag, 9 Uhr. Vor dem Haus der Werbeagentur Priss in Ötlingen herrscht reger Betrieb. Das Unternehmen zieht um. Tische, Schränke, Stühle und Kisten mit Büromaterial werden nach draußen geschafft. Mit vereinten Kräften hieven Volkhard Priss und die Helfer vom Aktionskreis für Menschen mit und ohne Behinderung (AKB) das Mobiliar in einen Kleinbus. Der Werbefachmann erinnert sich, wie er im Oktober letzten Jahres den ersten „Kirchheimer Marktplatz für gute Geschäfte“ kennenlernte. „Das Projekt hat mich begeistert“, sagt Priss. „Die Frage nach Geldspenden wurde ausgeklammert, stattdessen sollten Sachleistungen, Arbeitskraft und Kompetenz ausgetauscht werden.“ Damals lernte er AKB-­Teamsprecher Thomas Mailänder kennen.

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Volkhard Priss und Thomas Mailänder steckten die Köpfe zusammen. „Wir brauchten ein professionelles Layout für unser Barackenblättle“, berichtet Thomas Mailänder. „Als mir Herr Priss von seinem Umzug erzählte, war gleich klar, dass wir als Gegenleistung helfen.“ Oliver Schmidt und Alber Tezel, die beide eine Behinderung haben, greifen sich eine Holzplatte und tragen sie ins Freie. Die beiden Männer freuen sich, dass sie beim Umzug helfen können. Alber Tezel ist es gewohnt, tatkräftig mit anzupacken. Der 27-Jährige arbeitet auf einem Bauernhof in Neuhausen. Dort verpackt er Eier. „Viele können sich nicht vorstellen, wie schwer Kartons mit Eiern sind“, lacht er. „Mir macht die Arbeit Spaß und ich habe auch schon oft bei Umzügen geholfen.“

Zusammen mit Oliver Schmidt schiebt er die Platte in den weißen Kleinbus, der auf dem Firmenparkplatz steht. Kurz darauf verschwinden die beiden Männer wieder in den Büroräumen, wo sie einige Kartons zur Seite schieben, um ein Regal abzubauen. Johannes Glanz, der die Agentur Werbeglanz führt und mit Volkhard Priss eine Bürogemeinschaft bildet, ist vom Engagement und der Motivation der AKB-Helfer begeistert. Die Aktion schafft persönliche Begegnungen, stellt Beziehungen her. „Das ist besser, als wenn gemeinnützige Einrichtungen anrufen, um Geldspenden bitten und in der Position von Bittstellern sind“, findet er. „Der ‚Kirchheimer Marktplatz der guten Geschäfte‘ macht Begegnung auf Augenhöhe möglich und erzeugt Wertschätzung.“ Die Aktion mit dem AKB ist für ihn gelebte Inklusion.

Es ist 10.45 Uhr. Kevin Haible steigt in den Kleinbus und startet den Motor. Zusammen mit Robin Jahke fährt er die zweite Ladung zum neuen Firmensitz in die Sudetenstraße, wo Volkhard Priss und Johannes Glanz in wenigen Tagen wieder Logos, Imagebroschüren, Illustrationen und andere Werbemittel für Kunden gestalten werden – auch das Layout für das „Barackenblättle“ des AKB. Thomas Mailänder freut sich schon auf den Entwurf. „Die Teilnahme am Marktplatz war für uns ein voller Erfolg“, erzählt er. Beim Austausch von Sachleistungen, Arbeitskraft und Kompetenzen entsteht laut Mailänder eine Win-win-Situation, die Unternehmen und gemeinnützigen Organisationen einen Mehrwert bietet.

Wieder und wieder wurde Martin Haible in der Vergangenheit von gemeinnützigen Organisationen angerufen. „Viele fragten, ob sie ein Zelt oder Bierbänke kostenlos ausleihen könnten“, erinnert sich der Mann, der zusammen mit zwei Mitstreitern den „Kirchheimer Marktplatz für gute Geschäfte“ ins Leben rief. Haible hätte den Anrufern gerne weitergeholfen, aber sein Arbeitgeber hatte weder Zelte noch Bierbänke. „Deshalb entstand die Idee mit dem Marktplatz“, fährt er fort. „Viele gemeinnützige Einrichtungen haben ein ganz konkretes Anliegen, das durch diese Art der Tauschgeschäfte gezielt und ohne große Hürden angegangen werden kann.“

Im Oktober konnten laut Haible rund 90 gute Geschäfte angebahnt werden. Etwa 20 davon wurden bereits realisiert. „Sicherlich werden die Unternehmen und Einrichtungen, die miteinander in Kontakt gekommen sind, auch über den Marktplatz hinaus Sachleistungen, Arbeitskraft und Kompetenzen austauschen“, sagt Haible.

Es ist 13 Uhr, als Kevin Haible und Robin Jahke die letzten Möbel in der Sudetenstraße abliefern. Die übrigen Helfer stehen auf dem Parkplatz vor den alten Räumen zusammen. Sie unterhalten sich über das VfB-Spiel vom Freitag. Thomas Mailänder war im Stadion. Er hat eine Jahreskarte. „Ich bereue es fast, dass ich die gekauft habe“, lacht er. Volkhard Priss nickt. Dem Unternehmer hat der Umzug Spaß gemacht: „Mit dem AKB bleiben wir auf jeden Fall in Kontakt, und beim nächsten Marktplatz sind wir auf alle Fälle wieder dabei.“