Lokales

Autobahn soll Lenningen entlasten

Michael Schlecht überraschte den Gemeinderat mit einem Vorschlag und klaren Worten

Mit einem völlig neuen Ansatz belebt Lenningens Bürgermeister Michael Schlecht die Diskussion um die angedachte Umgehungsstraße zwischen Owen und Oberlenningen: Er bringt den in den Schubladen verschwundenen mautpflichtigen Albaufstieg der Autobahn wieder ins Gespräch.

Vor allem der Schwerlastverkehr auf der B¿465 wie hier am Unterlenninger Rathaus belastet die Anwohner. Foto: Jörg Bächle
Vor allem der Schwerlastverkehr auf der B¿465 wie hier am Unterlenninger Rathaus belastet die Anwohner. Foto: Jörg Bächle

Lenningen. Die Sache ins Rollen gebracht hat der aktuelle Bundesverkehrswegeplan. „Weil die Umsetzung all der geplanten Straßen 100 Jahre dauern würde, wurde der Plan entrümpelt“, stimmte Bürgermeister Michael Schlecht auf das Thema ein. In diesem Werk nicht mehr enthalten ist die Umgehungsstraße auf Lenninger Markung. „Die geplante Straße ist auf eine Ortsumfahrung Owen geschrumpft“, teilte der Schultes dem Gemeinderat mit. Für Irritation sorgt jedoch die Diskrepanz zwischen Plan und Textteil: Im Plan ist nur eine Teilumfahrung Owens in Richtung Beurener Straße eingezeichnet, im Textteil sind dagegen Kilometerzahl und Kosten der Ursprungsstrecke angegeben. „Ein Telefonat mit dem Regierungspräsidenten brachte keine Klarheit“, berichtete Michael Schlecht.

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Beim Regierungspräsidium erfuhr die Verwaltung, dass das Land mit keinem Entlastungspotenzial im Bereich Lenningen rechnet, da die vom Land festgelegte Verkehrsbelastung von täglich mindestens 13 500 Fahrzeugen und einem Lkw-Anteil von mehr als 1 000 Fahrzeugen nicht erreicht wird. „Nun stehen folgende Fragen im Raum: Bekommen wir die Umgehungsstraße am Sankt Nimmerleinstag und wie realistisch ist es, die Ortsumfahrung im Flächennutzungsplan zu erhalten und uns damit gleichzeitig zu blockieren. Seit Jahrzehnten sprechen wir über dieses Thema, ohne dass sich das Geringste bewegt“, gab der Schultes zu bedenken und erinnerte in diesem Zusammenhang auch an das „hohe ökologische Risiko“.

Zudem ist Michael Schlecht vom Nutzen einer Umgehungsstraße nicht überzeugt. Die Ortskerne dreier Ortsteile – Brucken, Unter- und Oberlenningen – würden zwar entlastet, andere Bewohner dagegen belastet, denn die Trasse würde nahe der Bebauung verlaufen. „Gutenberg hat gar nix davon und wir bekämen ein Nadelöhr“, zählt der Schultes die Nachteile auf und äußerte noch weitere Bedenken: „Die Erfahrung zeigt, dass mehr Straßen mehr Verkehr produzieren.“

Aus diesem Grund machte er ein völlig neues Fass auf und holte die in den Schubladen verschwundene Planung des Albaufstieg-Neubaus der A 8 im Bereich Drackensteiner Hang aus der Versenkung. Zwei Brücken und zwei Tunnel hätten demnach zwischen Mühlhausen und Hohenstadt gebaut und die immensen Kosten über eine Maut finanziert werden sollen. Die derzeitige Aufstiegsstrecke bliebe als Landstraße erhalten. „Wenn Hohenstadt eine Ausfahrt bekommt, würde möglicherweise ein Teil des Ausflugsverkehrs aus Richtung Stuttgart auf die Alb über die Autobahn fahren und so Lenningen an den Wochenenden entlasten“, so die Hoffnung von Michael Schlecht. Doch wegen dieser neuen Ausfahrt befürchtet er auch einen doppelten und dreifachen Lkw-Schleichverkehr, weshalb er in diesem Zusammenhang in einem Atemzug von einem Lkw-Durchfahrtsverbot für Lenningen spricht. „Unser großes Problem sind nicht die Autos, sondern der Schwerlastverkehr“, verdeutlichte er. Von dieser Variante verspricht er sich eine Gesamtentlastung für das Lenninger Tal. „Wir müssen realistisch an die Dinge herangehen und vor allem an die Entlastung unserer Bürger denken. Das Land hat uns rausgenommen aus dem Bundesverkehrswegeplan. Damit müssen wir rechnen und deshalb auch damit umgehen – und den Bürgern reinen Wein einschenken“, sagte Michael Schlecht und erinnerte nochmals an die „hochproblematische ökologische Seite“ der Umgehungsstraße, die durch Landschaftsschutz-, Wasserschutz- und Europäisches Vogelschutzgebiet – Stichwort Halsbandschnäpper – führen würde.

Die Reaktionen der Gemeinderäte auf diesen Paukenschlag waren unterschiedlich. „Ich sehe grundsätzlich viele Vor- und Nachteile, würde aber nicht auf die Chance einer Umgehungsstraße verzichten“, erklärte Armin Diez. Die B 465 zerschneide mehrere Ortskerne, die mit einem Straßenneubau attraktiver würden. Dieter Epple sieht im Vorschlag von Michael Schlecht dagegen die Chance, jetzt was anpacken zu können, anstatt immer darauf zu warten, dass sich was tut. „Das hat uns bisher gehemmt“, ist er überzeugt. Er sieht keine Notwendigkeit für eine neue Straße: „Das Nadelöhr ist nicht Lenningen. Der Stau fängt in Owen an.“

Für Karl Boßler ist die Idee keine Lösung, denn das Problem würde von A nach B verlagert. Jürgen Braun hat eine klare Meinung: „Die Straße muss aus der Planung raus, das sind riesige, ökologische Probleme. Ein Neubau würde nur noch mehr Verkehr anziehen.“ Von der Anerkennung der Wirklichkeit sprach Georg Zwingmann. „Es macht wenig Sinn, auf eine Straße zu setzen, die nicht kommt“, erklärte er. Wie Armin Diez sieht auch Jürgen Rau das Damoklesschwert Tempo 30 über Lenningen hängen, sollte es zu keiner Umgehungsstraße kommen. „Damit würde Lenningen als Wohnort unattraktiv, denn dann dauert es noch länger, bis man in Kirchheim oder an der Autobahn ist“, befürchtet er.

„Es ist schlechter, auf etwas zu warten, als aktiv nach Alternativen zu suchen“, sagte Falk Kazmaier. Deshalb sollte untersucht werden, wie möglicherweise die Verkehrsströme über andere Strecken gelenkt werden können. Diesen Ball nahm Michael Schlecht auf. „Wir dürfen einen Lärmaktionsplan aufstellen und so die Dinge angehen – und zwar in guter, traditioneller Freundschaft mit Owen“, erklärte er. Einigkeit herrschte im Gremium, auf jeden Fall nach Möglichkeiten zu suchen, um den Lärm für alle Lenninger einzudämmen. Ist die Stellungnahme des Regierungspräsidiums in Lenningen eingetroffen, will sich der Gemeinderat erneut mit der Sache befassen. Dann dürfte auch klar sein, ob nur Owen im Planwerk enthalten ist oder wider Erwarten auch Lenningen.