Lokales

Die Tür zum Herzen

Vor 50 Jahren wurde in Lindorf die Matthäuskirche eingeweiht

Die kleine Glocke der Matthä­uskirche wollte nicht mehr aufhören zu läuten und ließ sich partout nicht abstellen. Als sei sie wegen der Feier zum 50-jährigen Bestehen der Kirche mit Prälat Ulrich Mack ziemlich aufgeregt. Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker feierte am Wahltag ebenfalls mit.

Mit einem Festgottesdienst wurde gestern der 50. Geburtstag der Lindorfer Matthäuskirche gefeiert. Foto: Markus Brändli
Mit einem Festgottesdienst wurde gestern der 50. Geburtstag der Lindorfer Matthäuskirche gefeiert. Foto: Markus Brändli

Kirchheim. Man möge im Lindorfer Schulhaus Bibelstunden abhalten, beantragte ein Kirchheimer Gemeinderat im Jahr 1928. Das wurde abgelehnt, aus Protest verließ er sogar den Sitzungssaal. Er blieb hartnäckig, neun Monate später stimmte der Gemeinderat zu. In den 1950er-Jahren – die Einwohnerzahlen waren nach dem Krieg stark gestiegen – wuchs der Wunsch nach einer eigenen Kirche. Pfarrer Brandes, der 1954 seinen Dienst antrat, sah den Wunsch positiv. „Viele Finanzen hatten sie nicht, aber einen festen Willen“, blickte Prälat Mack in seiner Predigt zurück. 120 000 Mark kostete der Bau der Matthäuskirche damals, der Baubeschluss wurde 1957 gefällt. „Vor dem Bau der Kirche musste der Bunker entfernt werden“, sagte Heinz Stegmaier, der Vorsitzende des Kirchengemeinderats. 1959 habe der Oberkirchenrat grünes Licht gegeben, im Januar 1960 folgte die Grundsteinlegung, im April das Richtfest, am zweiten Advent 1961 die Einweihung. Zehn Jahre später wurde die Kirche um den Gemeindesaal erweitert.

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50 Jahre Matthäuskirche, sagte Mack, bedeuteten mindestens 3 000 Gottesdienste. Hinter der äußeren Geschichte stehe „eine innere Geschichte des stillen Segens“. „Hier haben Bibelverse ins Leben gesprochen, Gesangbuchverse weitergewirkt, wurden Trauernde mitgetragen.“ Es gehe nicht nur darum, dass Menschen die offene Kirchentür finden, sondern dass Menschen die Tür ihres Herzens öffnen. „Gott, der Herr, klopft an und will reinkommen. Er will uns im Leben zurechtbringen, will vergeben und trösten.“ Doch oft stehe er vor verschlossenen Türen. „Wir sind gefangen in Ärger und Hektik, im Kreisen um uns selbst, in Sorgen und Selbstanklage.“

Die Künstlerinnen Eva Rath, Monika Lindner und Iris Alvarenga hatten die Kirche mit Tonarbeiten, Wandteppichen und Bildern ausgestattet. An der Orgel spielte Kirchenmusikdirektor i. R. Ernst Leuze. Sechs Männer vom Chor des Liederkranzes „Chorios“ intonierten mit „Siyahamba“ gekonnt ein afrikanisches Kirchenlied. Obwohl deutlich in der Minderzahl, waren die Herren auch im Gesamtklang mit den Frauen gut zu hören. Alle Lieder präsentierte Chorios sehr harmonisch und mit viel Begeisterung. Der Liederkranz ist mit der Matthäuskirche seit deren Bau eng verbunden. Zur Freude des Vorsitzenden Hanns Bayer ist es auch die Kirchengemeinde mit dem Chor, unterstützt dessen Veranstaltungen.

Die Lindorfer müssen ihre Pfarrer gut behandelt haben. Haben sie doch, wie Stegmaier ausführte, in 50  Jahren nur fünf verschiedene gehabt. Angelika Matt-Heidecker lobte das gute Miteinander von Kirchengemeinde und bürgerlicher Gemeinde, das sie bei den Adventsnachmittagen in Lindorf erlebte. „Dafür stehe ich auch in der Gesamtstadt. Wir brauchen einander.“ Werner Dohrn, Vorsitzender des Kirchheimer Gesamtkirchengemeinderats und des Kirchengemeinderats der Johanneskirchengemeinde Ötlingen, beschrieb Lindorf als „kleinere, aber agile und selbstbewusste Schwestergemeinde“. Die Münze, die er mitgebracht habe, sei „kein Übernahmeangebot“. Der katholische Pastoralreferent Reinhold Jochim lobte die gute ökumenische Zusammenarbeit, mit dem evangelischen Pfarrer Wolf Peter Bonnet verbinde ihn weit mehr als die Begeisterung für den VfB Stuttgart.

Bonnet beschrieb, wie er die Mat­thäuskirchengemeinde als Porträt malen würde: mit wachen Augen, sensibler Nase, offenem Mund, gro­ßen Ohren und unbändiger Haarpracht von der jugendlichen Locke bis zum seriösen Silbergrau. Das Opfer war für die Innenrenovierung der Kirche und die defekte Heizung bestimmt. Das Geläut muss ebenfalls zum geregelten Läuten und Schweigen gebracht werden.