Lokales

 Großer Bahnhof im Jubiläumsjahr

Bekenntnis zu Sportvereinszentrum bei Dämmerschoppen der Stadt Kirchheim

Mit Volldampf ging es beim Neujahrsempfang in der Stadthalle ins neue Jahr – ein Jahr, in dem „150 Jahre Eisenbahn in Kirchheim“ gefeiert wird. Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker und „Männersache“, ein Kooperationsprojekt von Musikschule und Ludwig-Uhland-Gymnasium, rückten das Jubiläum in den Fokus.

Dämmerschoppen Stadthalle 2014
Dämmerschoppen Stadthalle 2014

Anke Kirsammer

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Kirchheim. Der traditionelle Dämmerschoppen der Stadt fand an historischer Stelle statt: Wo von 1864 bis 1975 die Züge in der Teckstadt halt machten, hieß Rathauschefin Angelika Matt-Heidecker Bürger, Vertreter aus Politik, Wirtschaft, von Vereinen, Schulen und anderen Institutionen per Handschlag willkommen – wie gewohnt ein Neujahrsempfang in der Stadthalle mit großem Bahnhof.

Zum Auftakt sorgten die rund 40 Jungs von „Männersache“ unter Leitung von Bertram Schattel mit einem Eisenbahnsong und einer Kirchheimer Fassung von „Auf dr Schwäb‘sche Eisebahne“ für Heiterkeit im Saal. Die Stimmung nahm an Fahrt auf, als Angelika Matt-Heidecker mit Anspielung an Stuttgart 21 daran erinnerte, dass in Kirchheim aus dem einstigen Kopfbahnhof ein Durchgangsbahnhof wurde. Initiator der am 21. September 1864 eingeweihten, gut sechs Kilometer langen Strecke von Kirchheim nach Unterboihingen war die erste private Eisenbahngesellschaft Württembergs. „Im ersten Betriebsjahr wurden 107 000 Menschen und über 13 000 Tonnen Güter transportiert“, sagte die „OBin“. Im Vergleich dazu würden heute jährlich weit über eine Million Menschen mit der S-Bahn in die Teckstadt kommen beziehungsweise in Kirchheim einsteigen.

2014 sei jedoch nicht nur ein Gedenkjahr in Kirchheim, die Oberbürgermeisterin stellte einen regelrechten Gedenkmarathon in Aussicht. Sie spannte einen Bogen von Karl dem Großen, dessen Tod sich zum 1 200. Mal jährt, über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 und den Beginn des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren zum Mauerfall 1989 bis zur Übernahme der Präsidentschaft in Südafrika durch Nelson Mandela vor 20 Jahren. „Angesichts der Bedeutung der historischen Personen und der diese Welt prägenden Ereignisse wage ich kaum fortzufahren: Ihre Oberbürgermeisterin ist in diesem Jahr zehn Jahre im Amt“, erklärte Angelika Matt-Heidecker unter Beifall. Ein Amt, das einerseits viel Kraft und Einsatz erfordere, andererseits stets eine Herausforderung darstelle und großen Gestaltungsspielraum eröffne.

Nachdem sie ausführlich die Bühne des Weltgeschehens beleuchtet hatte, unternahm sie eine Tour d‘Horizon durch die Lokalpolitik. Rat und Verwaltung könnten auf ein erfolgreiches Jahr 2013 zurückblicken. So stünden für 41 Prozent der unter dreijährigen Kinder Betreuungsplätze zur Verfügung. Das Erarbeiten eines Klimaschutzprogramms, die Standortentscheidung zur Schulentwicklung sowie die Gründung der Netzeigentumsgesellschaft „EnKi“ nahm sie ebenfalls in den Blick und erinnerte an die Reihe „Zukunftsdialog“, die die Stadt mit dem City Ring, dem Bund der Selbstständigen sowie dem Verein „Frauen unternehmen“ organisiert hatte.

„Ich gehe mit großer Zuversicht in das Jahr 2014“, hob Angelika Matt-Heidecker hervor. Ihr Optimismus gründe auf den sich abzeichnenden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. „Die Pro-Kopf-Verschuldung im Kernhaushalt sinkt zum Jahresende auf 144 Euro und liegt damit weit unter dem Landesdurchschnitt.“ Begonnen werde mit der Erschließung des Gewerbegebiets Hegelesberg. Die Schulentwicklung und die Diskussion um das Hallenbad beschäftigen gemäß der Stadtchefin Rat und Verwaltung weiter. Im Januar bekomme der Gemeinderat eine Wirtschaftlichkeitsanalyse zum Betrieb eines Hallenbades vorgelegt. Untersucht wurden ein reines Sport- und Vereinsbad sowie ein Hallenbad auch für die Öffentlichkeit. Der jährlich zu finanzierende Abmangel werde sich je nach Öffnungsumfang und -dauer zwischen einer und 1,4 Millionen Euro bewegen. Hinzu komme der Zuschussbedarf in Höhe von 700 000 Euro für den Freibadbetrieb. „Ein Bau bedeutet entweder den Einstieg in eine dauerhafte Neuverschuldung, Einsparungen, Kürzungen in anderen Bereichen oder aber die Stadt sucht nach neuen Einnahmequellen.“ So sei auch die Gründung der Netzeigentumsgesellschaft zu verstehen, mit deren Gewinnen Ausgaben im Bäderbereich finanziert werden könnten.

„Die Windkraft bewegt noch kein Rotorblatt, dafür manche Gemüter“, so schwenkte Angelika Matt-Heidecker auf das nächste vieldiskutierte Thema ein. „Dort, wo viel Energie verbraucht wird, soll sie im Grundsatz auch erzeugt werden. Dies ist im Mittleren Neckarraum der Fall. Es ist unsere Verpflichtung, im Rahmen der Energiewende unseren Beitrag zu leisten.“ Standorte würden dort ausgeschlossen, wo rechtliche Grundlagen entgegenstünden. Ob dies im Bettenhart möglich und wirtschaftlich sei, werde in einem etwaigen Antragsverfahren geklärt, nicht jetzt bei der Teiländerung des Regionalplans.

Eine klare Position bezog die Verwaltungschefin auch zum Sportvereinszentrum: „Die Signale zur Umsetzung stehen derzeit nicht besonders gut“, räumte sie ein, sagte aber zu: „Ich werde nicht nachlassen, nach Wegen zu suchen“. Das Zentrum sei für den Verein eine überlebensnotwendige Aufgabe und eine Antwort auf eine sich verändernde Gesellschaft. „Die Stadt ohne den VfL ist nicht vorstellbar, auch nicht in fünf oder zehn Jahren.“

Weiche Standortfaktoren würden für eine Stadt immer wichtiger, so die Oberbürgermeisterin. Notwendig seien ein Sozialraum und ein auf der Nachbarschaft beruhendes Hilfesystem. Sie redete überdies einer nachhaltigen Stadtentwicklung das Wort mit einem Dreiklang aus gesunder Umwelt, sozialem Ausgleich und wirtschaftlicher Entwicklung. Im Vorgriff auf die Kommunalwahlen am 25. Mai bat Angelika Matt-Heidecker die Besucher, sich in die Kommunalpolitik einzubringen. Den Appell verband sie mit dem Dank an die Mitglieder des Gemeinderats für die gegenseitige Wertschätzung. Dabei konnte sie sich einen Seitenhieb auf die Nachbarstadt Nürtingen mit ihren Querelen an der Rathausspitze nicht verkneifen: „In der unmittelbaren Nachbarschaft zeigt sich, wie negativ es sich für die Entwicklung einer Stadt auswirkt, wenn die Wertschätzung fehlt.“

Mit ihren Ausführungen hatte die Gastgeberin den Besuchern genügend Gesprächsstoff für den inoffiziellen Teil gegeben. Für die treffliche Bewirtung sorgte dabei die Kirchheimer Lebenshilfe.

Dämmerschoppen Stadthalle 2014 mit OB Angelika Matt-Heidecker
Dämmerschoppen Stadthalle 2014 mit OB Angelika Matt-Heidecker