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Im Paradies ist es schon fünf nach Zwölf

Neuer Verein soll die Streuobstwiesen retten – Kritik an Satzung

Über das „Schwäbische Streuobstparadies“ wird zurzeit in vielen Gremien diskutiert. Mit diesem Konstrukt soll in sieben Landkreisen eine der größten zusammenhängenden Streuobstlandschaften in Europa vor dem Niedergang gerettet werden. Ob dies gelingt, darüber gibt es geteilte Meinungen.

So sieht die ideale Zukunft für die Streuobstwiesen aus: Nicht nur alte Männer pflegen alte Bäume, sondern auch junge Familien h
So sieht die ideale Zukunft für die Streuobstwiesen aus: Nicht nur alte Männer pflegen alte Bäume, sondern auch junge Familien halten die Tradition und damit die Artenvielfalt aufrecht. Foto: Dieter Ruoff

Kreis Esslingen. Schützen durch nützen lautet eines der Schlagworte des „Schwäbischen Streuobstparadies‘“. Mit neuen Ideen und Projekten – insbesondere im Hochpreissegment – soll die Vermarktung der Streuobstwiesenprodukte angekurbelt werden, damit sich die mühselige Arbeit auf den Wiesen für die Gütlesbesitzer lohnt. „Ein Allheilmittel ist es nicht und auch kein Selbstläufer, aber wir müssen etwas tun, und im Moment ist so etwas wie eine Aufbruchstimmung zu spüren“, warb Lenningens Bürgermeister Michael Schlecht in der jüngsten Sitzung des Gemeinderats für einen Beitritt der Gemeinde in den Verein.

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„Das Mostviertel ist unser Vorbild. Dabei stehen wir heute schon so da, wo die österreichische Region nach all den Anstrengungen steht“, sagt Matthias Berg, stellvertretender Landrat im Landratsamt Esslingen, selbstbewusst. In den Streuobstwiesen zwischen Alb, Neckar und Rems stehen auf etwa 34 000 Hektar über zwei Millionen Obstbäume, weshalb an diesem Projekt sieben Landkreise beteiligt sind: Esslingen, Göppingen, Reutlingen, Tübingen, Böblingen, der Zollernalbkreis und der Rems-Murr-Kreis. „Wir wollen auch den sanften Tourismus fördern“, erklärt Matthias Berg. Deshalb können dem Verein nicht nur Landkreise und Kommunen beitreten, sondern auch Naturschutzverbände, Land- und Forstwirte, Jäger, Winzer sowie Keltereien und Brennereien. In Zukunft soll es mehr Kooperation geben und vor allem die Qualität der Produkte verbessert werden. „Nur Apfelsaft zu produzieren, wird die Streuobstwiesen nicht retten“, ist der Erste Landesbeamte überzeugt.

Mit Kritik an der geplanten Satzung des Vereins hält dagegen Bernd Lang nicht hinterm Berg. Ihn stört vor allem, dass nur ein Landrat dem Gremium vorstehen kann. Gemeinsam mit seinem Bruder Markus bewirtschaftet er in der Jesinger Halde in Kirchheim eine Streuobstwiese. Um die Produkte wie Jakob-Fischer-Brand, Apfel-Quitten-Saft oder Apfelessig dieser Steilhanglage besser vermarkten zu können haben die beiden die Firma „Feines vom Apfel“ gegründet. „Die Satzung für das Schwäbische Streuobstparadies ist ein undemokratisches Konstrukt, denn die öffentliche Hand bestimmt, wo es langgeht. Die, die es angeht, nämlich die Wiesenbesitzer, können laut Satzung immer überstimmt werden“, ärgert sich Bernd Lang. Privatpersonen seien unerwünscht, höchstens als Fördermitglied gelitten. „Ich müsste 20 Zentner Äpfel auflesen, um die 50 Euro Mitgliedsbeitrag zahlen zu können – dürfte dann aber nicht mitreden“, ärgert sich der Selbstvermarkter. Er befürchtet, dass vor allem Lobbyarbeit betrieben wird, tatsächlich beim Produzent aber kein zusätzlicher Euro mehr in der Tasche landet. „Einen Streuobstradweg kann man schon heute in die Tat umsetzen, dazu ist kein Verein nötig. Wichtig für Wiesenbetreiber wäre beispielsweise eine Art Maschinenring, wo man Hoch-Entaster, Kettensäge oder Apfelaufleser ausleihen kann“, so Bernd Lang. Für ihn und seinen Bruder kommt deshalb eine Mitgliedschaft im Streuobstparadies nicht infrage. „Wir mischen uns nicht in Verwaltungsangelegenheiten ein, und da­rum soll die Verwaltung uns auf unseren Streuobstwiesen machen lassen“, so seine klare Aussage.

Das sieht Matthias Berg naturgemäß anders: „Ohne einen Wiesenbesitzer diskreditieren zu wollen, aber ein Landrat ist in der Politik im Gegensatz zu einem Streuobstbewirtschafter gut vernetzt, kann in einem Ministerium viel leichter die Türklinke drücken.“ So sind für das Projekt bereits 120 000 Euro Anschubfinanzierung bewilligt. Als zweiten Grund nannte er, dass Kommunen und Landratsämter vier Fünftel der finanziellen Last tragen. „Es geht zwar keiner davon aus, aber wir brauchen für den Konfliktfall ein Regulativ und da ist es legitim, dass diejenigen, die die Hauptlast der Kosten tragen, auch entscheiden“, so der Erste Landesbeamte. Fachlicher Input sei jedoch unerlässlich und zwar von Interessenvertretern wie etwa Vorsitzende von Obst- und Gartenbauvereinen oder von Naturschutzverbänden, nicht aber Einzelpersonen. In zwei Beiräten sind jeweils über 20 Teilnehmern aktiv. „Dort werden die Ziele definiert und die Vorschläge erarbeitet, die dann der Mitgliederversammlung zur Abstimmung vorgeschlagen werden“, erläutert Matthias Berg die Vorgehensweise.

„Wir haben ein funktionierendes Team. Seit über einem Jahr beschäftige ich mich schon mit diesem Thema. Das kann ein Obst- und Gartenbauvorsitzender zusätzlich nicht leisten“, ergänzt Tanja Gems, Tourismusmanagerin im Esslinger Landratsamt. Ihr oberstes Ziel ist ebenfalls der Fortbestand der zusammenhängenden Streuobstwiesen. „Wir wissen, dass es eher schon fünf nach zwölf ist. Aber einen Versuch ist der Erhalt zumindest wert“, sagt sie. Immerhin gebe es schon Mut machende Einzelprojekte in Kommunen oder Schulen. Was erfolgreich war, könne der Verein bündeln, weitergeben und dann fördern – und zwar bei und mit Menschen mit entsprechenden Kenntnissen, egal ob Wiesenbesitzer, Kleinbrenner oder Großmosterei. „Wir müssen vor allen Dingen den Menschen bewusst machen, in welch einer außergewöhnlichen und besonderen Landschaft sie leben. Dann sind sie möglicherweise bereit, sich in ihrer Freizeit den Bäumen zu widmen“, hofft Tanja Gems.

Diese Hoffnung hegt auch der Lenninger Gemeinderat. Einstimmig sprachen sich die Räte deshalb für einen Beitritt zum Verein „Schwäbisches Streuobstparadies“ aus, was jährliche Kosten von 1 500 Euro mit sich bringt. Auf Antrag von Karl Boßler will das Gremium jedoch in drei Jahren kritisch hinterfragen, was bislang vom Verein geleistet wurde, um dann entscheiden zu können, ob Lenningen weiterhin Mitglied bleibt. Außerdem mahnte das Gremium Gleichbehandlung auf sämtlichen Ebenen an. „Im Ermstal ist es viel einfacher, eine Gerätehütte auf seiner Wiese genehmigt zu bekommen“, mahnte Jürgen Rau an.

Auch die Bissinger Bürgervertreter diskutierten das Thema kontrovers, obgleich sie dem Streuobstparadies beitreten werden. „Das Ziel ist der Erhalt unserer Streuobstwiesen durch eine bessere Vermarktung, in der Hoffnung, dass die Gütlesbesitzer vom Produktmehrwert profitieren. Ob es so kommt, muss die Zukunft weisen“, meinte Bissingens Bürgermeister Marcel Musolf, der den Gemeinderat über die Modalitäten des Vereins informierte. Gegen Ende des Jahres 2013 will Musolf wissen: „Wo sind wir überall Mitglied und was bringt‘s?“ Darauf zu achten, dass „unsere Streuobstbauern“ auch wirklich vom Verein Streuobstparadies profitieren, war das Anliegen von Uli Hoyler und Joachim Maszurim. Und Rolf-Rüdiger Most empfand den Begriff „Paradies“ schlichtweg übertrieben. „Ich bin skeptisch, ob der Verein den Weg ins Paradies schafft“, meinte er süffisant und wies schmunzelnd darauf hin, dass der Mensch schon einmal daraus vertrieben wurde. Der Bissinger Obst- und Gartenbauverein ist ebenfalls an der Frage interessiert „was kommt dabei heraus?“ wusste Bürgermeister Marcel Musolf. Selbst dort werde das Thema kontrovers diskutiert.