Lokales

In den Weinbergen fallen die Mauern

Schuld ist der Dauerregen der letzten Wochen – Verein Staffelsteiger ruft nach öffentlicher Hilfe

Die Folgen des Dauerregens: Otto Rapp (links) und Claus Hägele entdecken beim Rundgang durch die Weinberge eine eingestürzte Mau
Die Folgen des Dauerregens: Otto Rapp (links) und Claus Hägele entdecken beim Rundgang durch die Weinberge eine eingestürzte Mauer. Wie der Schaden behoben werden kann, ist auch für die beiden Wengerter unklar. Foto: Roberto Bulgrin

Esslingen. Noch lässt die Blüte in den Weinbergen auf sich warten. Während sie Mitte Juni oftmals schon vorüber ist, rechnen die Esslinger Wengerter in diesem Jahr erst in ein paar Tagen mit ihrem Beginn.

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„Für alle anderen Prognosen ist es zu früh“, sagt Otto Rapp. Der Weingärtner weiß, dass erst die nächsten Monate über den neuen Jahrgang entscheiden. Dafür gilt seine Sorge in diesen Tagen mehr als je zuvor dem Zustand der Weinbergmauern. Die jüngsten Regenfälle haben die ohnehin schwierige Lage zwischen Frauenkirche und Mettingen deutlich verschärft.

Als Otto Rapp und seine Mitstreiter vor einigen Monaten den Verein Staffelsteiger gegründet haben, um die historischen Weinbergmauern zu retten, betraf der akute Handlungsbedarf noch 20 Abschnitte. Jetzt sind es schon mehr als doppelt so viele. Schuld sind die anhaltenden Regenfälle der jüngeren Vergangenheit. „Die Böden sind so nass und schwer, dass die Mauern unter gewaltigen Druck geraten sind“, erklärt der Vereinsvorsitzende. Auch Mauern, die zuletzt noch einen guten Eindruck erweckt haben, sind eingestürzt.

Rapp und sein Stellvertreter Claus Hägele haben die Schäden jetzt gemeinsam in Augenschein genommen. Auf Höhe des früheren Hengstenberg-Areals stoßen sie auf eine Rebfläche, die stark betroffen ist. Schwere Steine und große Erdmassen türmen sich über dem Neckartal zu einem Hügel. Weiter oben wirkt der Hang noch stabil. Weil die Mauer fehlt, droht aber auch er in Bewegung zu geraten. Schon beim nächsten Unwetter könnte es so weit sein.

Rapp und Hägele, deren eigene Rebflächen nicht verschont geblieben sind, stehen ratlos vor den eingestürzten Mauern. „Die neuen Lücken sind so gravierend, dass wir und unsere Kollegen überfordert sind“, sagt Hägele. Bis zu 40 Kilo schwere Steine müssen bewegt werden. Dazu der schwere Boden, für den jede Lagerfläche fehlt – für diese Herausforderung reichen weder Kräfte noch Zeit. Hägele wirbt um Verständnis für seinen Berufsstand. „Der Ertrag aus den Reben, der von einer solchen Mauer abhängt, beträgt 120 Euro im Jahr“, rechnet er vor. Dem stehen Kosten von 20 000 Euro gegenüber, die entstehen würden, wenn eine Fachfirma die Steine aufschichtet. Selbst Idealisten wie die Staffelsteiger tun sich bei diesen Zahlen schwer, in den eigenen Reihen dafür zu werben, selber anzupacken und das historische Bild zu bewahren.

Der Blick richtet sich nach den neuen Schäden noch drängender auf die öffentliche Hand. „Die Stadt und das Land müssen endlich aufwachen und Mittel für diese Aufgaben reservieren“, sagt Rapp und warnt, die stadtbildprägenden Mauern könnten andernfalls in nicht allzu ferner Zukunft unwiederbringlich verloren sein. Auf dem Spiel stehe eine Tradition, die mehr als 1 000 Jahre alt ist, mahnt der Vorsitzende. „Was wäre Esslingen ohne das Kulturgut, das weithin sichtbar das Stadtbild prägt“, fragt er besorgt.

Wie groß die Gefahr für den Fortbestand dieses Erbes ist, zeigt auch das schwindende Interesse an den Rebflächen. Rapp berichtet, dass sich für die einst gefragten Lagen keine Käufer mehr finden, die einen akzeptablen Preis bezahlen. Auch die Suche nach Pächtern gestaltet sich schwierig. Weil technische Hilfsmittel nur sehr begrenzt infrage kommen, ist die Arbeit äußerst mühsam. Da überlegen sich vor allem jüngere Wengerter, wie lange sie den immensen Aufwand noch betreiben wollen.

Umso wichtiger ist für die Staffelsteiger ein Engagement der öffentlichen Hand. „Nur so lassen sich die Fachkräfte bezahlen, die wir dringend brauchen“, sagt Rapp und wirbt dafür, sich nicht auf das Ziel zu begrenzen, eingestürzte Mauern aufzubauen. Man müsse endlich dazu kommen, rechtzeitig erkennbare Risiken auszuschalten. Beim Gang durch die Weinberge findet er jede Menge Beispiele, die deutlich zeigen, wie wichtig Vorsorge ist. An zahlreichen Stellen bilden die Mauern bedenkliche Bäuche. „Wenn wir nichts tun, werden auch diese Mauern bald in die Knie gehen.“

So gravierend die Probleme in den Weinbergen auch sind – für die Mettinger Straße sehen Rapp und Hägele keine Risiken. Die Mauern stürzen lediglich ein, versichern sie. Und wenn einzelne Steine doch wegrollen sollten, werden sie von den ersten Rebstöcken gestoppt. Eine Gefahr für Autofahrer und Fußgänger glauben sie ausschließen zu können. Für die Staffelsteiger ist das allerdings nur ein schwacher Trost.