Lokales

„Soll mer se halassa“

Irgendwie können sie einem leid tun, die Nürtinger! Jetzt haben sie ihr Alt-Kennzeichen wieder, stehen aber trotzdem da wie Schuljungen, die man ausnahmsweise

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Antje Dörr

nicht als allerletzte in die Völkerball-Mannschaft gewählt hat. Damit sie sich auch mal freuen dürfen.

Zuerst der Landrat, der den NT-Anhängern in der jüngsten Kreistagssitzung ein zu kleines Ego attestierte. Dass Nürtingen das NT-Kennzeichen zur Identitätsstiftung brauche, zeuge nicht von viel Selbstbewusstsein, lästerte Heinz Eininger. Autsch! Das tat den Nürtingern hörbar weh, auch wenn sich außer Oberbürgermeister Otmar Heirich und den Nürtinger Kreisräten, die ja eh da sein mussten, gar nicht viele eingefunden hatten.

Dann Linken-Kreisrat Peter Rauscher, der eine Diskriminierung jener witterte, die sich kein Auto leisten können oder wollen. „Wenn das NT-Kennzeichen nötig ist, um eine Stärkung der regionalen Identität zu erreichen, ist das nur für 50 Prozent der Nürtinger möglich. Der Rest hat nämlich gar kein Auto“, sagte er. Vielleicht sei das noch so eine Perversion der heutigen Kultur, sich über das Autokennzeichen zu identifizieren, meinte Rauscher und fügte gönnerhaft hinzu: „Aber wenn‘s einigen so wichtig isch, soll mer se halt lassa.“ Im Landkreis Böblingen haben sich im Übrigen laut Rauscher erst vier Prozent der Autohalter für „LEO“ entschieden, das mittlerweile wieder gleichberechtigt neben „BB“ steht. „Aber damit lässt sich immerhin noch spielen. Zum Beispiel kann man daraus „LEO-NI“ machen, wenn man gerade in die verliebt ist“, sagte Rauscher zum vergnügten Gejohle seiner Kreistagskollegen. Bei NT würden solche Namenskombinationen schwierig.

Auch andere Fraktionsredner ließen durchblicken, dass es nun wirklich Wichtigeres auf der Welt gibt, als sich mit Kfz-Kennzeichen zu beschäftigen. Andreas Schwarz (Grüne) zum Beispiel wollte natürlich viel lieber über die „wirklichen Herausforderungen der Verkehrspolitik“ sprechen, zum Beispiel darüber, „wie wir die Verkehrsinfrastruktur in unserem Landkreis sanieren und ausbauen und das Ganze finanzieren können“. Letztendlich stimmte seine Fraktion trotz vieler Gegner von NT uneinheitlich ab, wie auch die CDU-Fraktion, die in der Frage ebenfalls gespalten war.

Als Befürworter outete sich die Fraktion der Freien Wähler, auch wenn Bernhard Richter ebenfalls betonte, dass es viele Menschen gebe, denen dieses eher emotionale Thema eigentlich ziemlich egal sei. Dennoch sei man zu dem Schluss gekommen, „dass wir den glühenden Verfechtern der Wiedereinführung nicht im Wege stehen wollen“. Daher stimmte die Fraktion mehrheitlich pro NT. Die SPD-Fraktion schloss sich dem an, mit dem Hinweis Michael Medlas, dass es bei der Wiedereinführung um Vielfalt und Identität gehe, nicht darum, dem Altkreis Nürtingen hinterherzutrauern.

Ulrich Deuschle (Republikaner) gefielen „Büttenreden“ wie die des Kollegen Peter Rauscher gar nicht, und deshalb machte er sich umgehend daran, der Debatte wieder den – in seinen Augen – notwendigen Ernst zu verleihen. Die Fraktionen wollten das Thema ohne große Debatte schnell „abräumen“, die Landkreisverwaltung führe einen „Abwehrkampf“, weil in der Sitzungsvorlage nur Kosten und keine Einnahmen genannt seien. „Was können wir denn dagegen haben, wenn sich durch die Altkennzeichen ein besonderes Heimatgefühl oder ein Lokalpatriotismus widerspiegelt?“, fragte Deuschle, der sich anschließend – und wenig überraschend – pro NT-Kennzeichen positionierte. Mutmaßlich auch, weil NT theoretisch auch für Notzingen stehen könnte, wie Ulrich Fehrlen (FDP) mit Blick auf Deuschles Wohnort bemerkte. Es bleibt abzuwarten, ob der Notzinger demnächst bei der Kfz-Zulassungsstelle gesichtet wird.