Lokales

Überraschender Anschluss

Gemeinde Neidlingen erhält Zugang zum Erdgasnetz – Firma Festool als Vorreiter

Rund die Hälfte der 38 Millionen deutschen Haushalte ist ans Gasnetz angeschlossen, bei Neubauten wird ebenfalls etwa die Hälfte mit Gas beheizt. Neidlingen hing bisher nicht am Gasnetz, der Leitungsbau von Weilheim her war zu teuer. Dies ändert sich nun völlig überraschend, dank Festool.

In Neidlingen kann bald auch mit Gas gekocht werden.Foto: Jean-Luc Jacques
In Neidlingen kann bald auch mit Gas gekocht werden.Foto: Jean-Luc Jacques

Neidlingen. Fast eineinhalb Stunden lang beschäftigte sich der Neidlinger Gemeinderat eingehend mit der Gasversorgung, war die neue Entwicklung doch noch vor ein paar Wochen undenkbar gewesen. Immer wieder hatten Hauseigentümer im Rathaus wegen der Erdgasversorgung angefragt und jedes Mal von Bürgermeister Rolf Kammerlander eine Absage bekommen.

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Nun hat die Firma Festool beschlossen, ihre Heizungsanlage von Öl auf Gas umzustellen. Deshalb plant die EnBW den Anschluss, in den sie rund 600 000 Euro investiert. Dafür braucht sie die Zustimmung der Gemeinde. Dies war im Gemeinderat von Anfang an unstrittig, doch viel schwerer war die zweite Entscheidung: Soll die Zustimmung nur für einen Anschluss der Firma Festool gelten, oder soll ein Konzessionsvertrag auch anderen Neidlinger Bürgern und Firmen den Anschluss ermöglichen? Rolf Klass, Kommunalberater der EnBW, warb für Letzteres. Dann würde die Gemeinde nicht nur eine einmalige Entschädigung für die Grunddienstbarkeit, sondern eine fortlaufende jährliche Konzessionsabgabe erhalten. Es geht vorerst um jährlich rund 1 000 Euro.

Wie beim Strom sind auch beim Gas Netzbetreiber und Lieferant getrennt. Es könnte also sein, dass sich auf die Ausschreibung im Bundesanzeiger ein anderer Lieferant als der Netzbetreiber EnBW meldet. Dies gilt jedoch wegen des fehlenden Netzzugangs und der Durchleitungsgebühren als wenig wahrscheinlich. Das Geislinger Albwerk, mit dem Neid­lingen den Stromkonzessionsvertrag abgeschlossen hat, bietet kein Gas an.

„Liegt die Leitung vor der Tür, schließen sich etwa 30 bis 40 Prozent ans Gasnetz an“, nennt Klass einen Erfahrungswert. Für den Hausanschluss zahlt der Anlieger einen Betrag in der Größenordnung von 3 000 Euro, der Gemeinde entstehen keine Kosten. Wollen nur wenige oder keine Hauseigentümer einen Anschluss, geht die Gemeinde ebenfalls kein Risiko ein. Uli Hepperle (WUB) meldete allerdings Bedenken wegen der 20-jährigen Laufzeit des Konzessi­onsvertrags an. Niemand könne die Entwicklungen in dieser langen Zeit absehen. Bürgermeister Rolf Kammerlander brachte eine zehnjährige Laufzeit mit der Option auf Verlängerung ins Gespräch. „Dann müssten wir neu kalkulieren“, warnte Klass. Übernehme Neidlingen hingegen den Musterkonzessionsvertrag des Städte- und Gemeindetags, entfielen die Kosten für eine juristische Prüfung.

Ja, die Neidlinger sollten die Möglichkeit zum Gasanschluss haben, befanden die Gemeinderäte einstimmig. Seine Einstellung zu Gas habe sich gewandelt, sagte Kammerlander, der für diese Entscheidung geworben hatte. „Früher hatte ich das mit dem Bild, irgendwann lupfe es das Dach weg, verbunden.“ Eine Entscheidung war auch deshalb wichtig, weil die Gemeinde auf die seit Langem gewünschte Sanierung der Ortsdurchfahrt hofft. Dann müsste die Gasleitung verlegt werden, bevor die Straße einen neuen Belag bekommt. „Alles andere wäre ein Schildbürgerstreich“, sagte Kammerlander. Die Gasleitung von Weilheim nach Neidlingen soll in offener Bauweise in der zweiten Jahreshälfte verlegt werden. Sie verläuft unterirdisch an der Ostseite der Landstraße, zwischen Straße und Radweg.

Wie vielseitig die Gasnutzung in Zukunft sein könnte, stellte die EnBW ebenfalls dar. Unter dem Schlagwort „Power to Gas“ werde darin investiert, mit erneuerbaren Energien Wasserstoff zu erzeugen. Dieser werde bis zu zehn Prozent dem Erdgas beigemischt, direkt zum Betanken von Autos verwendet oder zu Methan aufbereitet. Für die Gaswärmepumpe, die wie ein umgekehrter Kühlschrank funktioniert, laufen Feldtests zur Markteinführung. Das Mikro-KWK-Heizgerät mit Kraft-Wärme-Kopplung gibt es schon zu kaufen, die Brennstoffzelle ist eher noch am Anfang. Wo diese Techniken in zehn oder 20 Jahren stehen, weiß zwar noch niemand. Aber mit dem An­schluss an das Gasnetz sichert sich Neidlingen alle Chancen.