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Von der „Oberin“ zur „Huhu“

Liselotte von Scheibner, ehemalige Oberin des Henriettenstifts, wird morgen 100 Jahre alt

100. Geburtstag - Liselotte von Scheibner
100. Geburtstag - Liselotte von Scheibner

Dettingen. Liselotte von Scheibner kann morgen auf zehn sehr bewegte Jahrzehnte zurückblicken. „Ich bin

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sehr zufrieden mit dem Verlauf meines Lebens“, sagt die Hundertjährige.

„Was wollen Sie denn wissen?“, fragt Liselotte von Scheibner mit einem Lächeln, während sie am Fenster des Altenheimes „Haus an der Teck“ in Dettingen sitzt. An den Wänden hängen Fotos von ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln. Erzählen könnte die Jubilarin sehr viel, schließlich hat sie bald 100 Jahre Lebenserfahrung vorzuweisen. Trotz vieler Höhen und Tiefen hat Liselotte von Scheibner ihren Humor nicht verloren: Wie man es denn schafft, so alt zu werden? „Das passiert manchmal einfach, da kann man nichts dagegen tun“, scherzt sie.

Geboren wurde sie am 4. Januar 1914 in Putzig bei Danzig, im damaligen Westpreußen. Aufgewachsen in Pommern und Schlesien, war ihre Familie ab 1927 zunächst in Hirschberg im Riesengebirge zu Hause. Nach dem Abitur 1935 ließ sie sich in Breslau und Weimar zur „Technischen Lehrerin“ ausbilden. „Heute würde man Fürsorgerin oder Sozialpädagogin dazu sagen“, erklärt die Jubilarin.

1938 zog es sie „der Liebe wegen“ nach Mannheim, wo sie ein Jahr später Werner von Scheibner heiratete. Es war eine „Kriegstrauung“ nach dem Polen-Feldzug. „Nur als Ehefrau durfte man die Soldaten besuchen, und Werner war Soldat“, fügt sie hinzu. Weil Mannheim durch den Krieg bald „zu ungemütlich“ wurde und ihre Wohnung den Bomben zum Opfer fiel, ging sie 1942 zurück nach Hirschberg zu ihren Eltern. Dort kam dann auch ihre Tochter Hela zur Welt.

Noch waren die bewegten Jahre nicht vorbei: Von Hirschberg erfolgte zunächst die Umsiedlung in die Gegend von Dresden, dann nach Thüringen, ehe die junge Mutter auf einem Bauernhof Unterschlupf fand. Da ihr Mann in Russland verwundet wurde und seitdem als vermisst galt, war sie nach dem Krieg auf sich alleine gestellt. 1947 floh sie gemeinsam mit ihren beiden Schwestern Teddy und Ulla „nur mit einem Rucksack, Koffer, Kind und Kinderwagen“ in die westdeutsche Besatzungszone. Vom Tod ihres Mannes erfuhr sie erst 1976.

Nach dem Krieg kehrte allmählich Ruhe in ihrem Leben ein. 1952 kam sie als achte und letzte Oberin ans Grunbacher Olgastift, ehe sie 1956 die Leitung des Henriettenstifts in Kirchheim übernahm, das damals noch im Vogthaus untergebracht war. In ihre Amtszeit fielen der Neubau und Umzug in die Bismarckstraße. Nebenher engagierte sie sich 18 Jahre lang als Kirchengemeinderätin der Kreuzkirche und des Gesamtkirchengemeinderats. Für ihren Einsatz für Kirche und Diakonie wurde sie 1974 mit dem Goldenen Kronenkreuz des Diakonischen Werks ausgezeichnet. Gerne erinnert sich die Jubilarin an diese Zeit. „Viele ehemalige Mitarbeiter und Bewohner kennen mich auch heute noch als ‚Frau Oberin‘“, erzählt sie.

Nach ihrer Pensionierung zwei Jahre später sollte sie dann von der „Oberin“ zu „Huhu“ werden. „Huhu, das ist der Familien-Kosename, den mir meine Enkel gegeben haben“, erklärt Liselotte von Scheibner. Die wohnten damals noch in Korntal, und jedes Mal, wenn sie zu Besuch kam, standen sie schon am Fenster. „Ich winkte und rief ihnen zu: Huhu! Seitdem war klar, da kommt nicht die Großmutter, sondern Huhu.“ Später zog ihre Tochter mit ihrer Familie dann nach Kirchheim, wo sie viel Zeit mit ihnen verbringen konnte.

Neben regelmäßigen Besuchen im Stuttgarter Staatstheater nahm sie bis zu ihrem 90. Geburtstag jährlich am Heimatwettbewerb des ADAC teil. Mit dem Auto fuhr sie damals in ganz Baden-Württemberg herum, um Kirchen, Brunnen und Denkmäler aufzuspüren und dafür eine Plakette zu bekommen. Enkel Harald begleitete sie auf ihren Fahrten.

Zum 100. Geburtstag ist nichts Großes geplant. Ein Fest habe es schon zum 90. gegeben. „Es sind damals alle gekommen, auch meine acht Jahre jüngere Schwester, die mittlerweile in England lebt“, erinnert sie sich. „Dieses Mal wird es etwas ruhiger, aber das ist auch ganz gut so.“