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Wie im Geschichtsunterricht

Pflege-Serie: Jennifer Schmidt und Timo Katolla lernen den Beruf der Altenpflege

In einer immer älter werdenden Gesellschaft werden händeringend Pflegekräfte gesucht. Doch die große körperliche und psychische Belastung schreckt viele ab. Nicht aber Jennifer Schmidt und Timo Katolla: Sie absolvieren eine Altenpflege-Ausbildung – und sind überaus zufrieden mit ihrer Entscheidung.

Jennifer Schmidt und Timo Katolla würden sich jederzeit wieder für die Altenpflege-Ausbildung entscheiden.Foto: Jean-Luc Jacques
Jennifer Schmidt und Timo Katolla würden sich jederzeit wieder für die Altenpflege-Ausbildung entscheiden.Foto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim/Dettingen. Die 19-jährige Jennifer Schmidt aus Kirchheim und der 20-jährige Timo Katolla aus Dettingen sind derzeit im zweiten von drei Ausbildungsjahren. Während die Kirchheimerin im Wächterheim in der Teckstadt den Beruf der Altenpflegerin lernt, erhält der 20-Jährige in Dettingen im Haus an der Teck das Rüstzeug für seine Zukunft. Das notwendige theoretische Wissen wird den beiden jungen Leuten an der Fritz-Ruoff-Schule in Nürtingen vermittelt. Im sechswöchigen Rhythmus haben Jennifer Schmidt und Timo Katolla Praxis- und Theorie-Phasen; hinzu kommen unterschiedliche Praktika, zum Beispiel im Krankenhaus oder im ambulanten Dienst bei der Diakonie Kirchheim.

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Für Jennifer Schmidt war es schon relativ früh klar, dass sie im Pflegebereich tätig sein möchte. „Meine Schwester ist auch Altenpflegerin. Ich habe sie oft bei ihrer Arbeit begleitet“, erzählt die 19-Jährige und ergänzt: „Ich komme gut mit älteren Menschen zurecht.“ Und so begann sie nach dem Realschulabschluss und einem einjährigen Praktikum im Wächterheim die Ausbildung zur Altenpflegerin.

Timo Katolla hingegen hatte nach dem Realschulabschluss zunächst hin und her überlegt, in welche Richtung er beruflich gehen will. „Ich habe dann eine Bewerbung als Automobilkaufmann abgeschickt“, erinnert er sich. Dass dieser Beruf aber nichts für ihn ist, war ihm schon beim Absenden der Unterlagen bewusst. Deshalb beschloss er, in den WEK-Werkstätten für Menschen mit Behinderung in Esslingen ein Freiwilliges Soziales Jahr zu absolvieren und anschließend noch ein halbjähriges Praktikum in der Einrichtung anzuhängen. Dann wechselte er in den Altenpflegebereich: Nach einem „Schnuppertag“ im Haus an der Teck unterschrieb er schließlich seinen Ausbildungsvertrag. „Dieser Tag hat mir sehr gut gefallen. Es war für mich wie Geschichtsunterricht“, schwärmt der junge Mann von den Gesprächen mit den Heimbewohnern.

Auch Jennifer Schmidt gefällt es, die „Lebensgeschichten“ der älteren Menschen zu erfahren und dabei ganz unterschiedliche Charaktere kennenzulernen. Auch die Teamarbeit mit ihren Kollegen hat es der 19-Jährigen angetan.

Doch freilich hat die Tätigkeit der beiden jungen Leute nicht nur positive Seiten. „Am Anfang war es für mich schwer, wenn ein Heimbewohner gestorben ist. Damit hatte ich zu kämpfen“, erzählt Jennifer Schmidt. Mittlerweile hat sie gelernt, mit solchen Situationen umzugehen und sich auch ihren Kollegen anzuvertrauen. „Gespräche helfen. Man darf nicht alles mit nach Hause nehmen“, weiß die Kirchheimerin und betont, dass der Tod für manche sehr kranke und schwache Heimbewohner auch eine Erlösung darstelle.

Das bestätigt Timo Katolla: „Für manche Menschen freut man sich, wenn sie nicht länger leiden müssen.“ Der Dettinger erinnert sich noch genau an ein Gespräch mit einer älteren Dame, die zu ihm gesagt habe: „Ich warte, bis ich abgeholt werde“. Wichtig ist für Timo Katolla, der verstorbenen Person „die letzte Ehre zu erweisen“. Dazu gehöre das Waschen und Anziehen des Verstorbenen zusammen mit einer Fachkraft.

Zu den alltäglichen Tätigkeiten von Jennifer Schmidt und Timo Katolla zählen zum Beispiel das morgendliche Waschen und Ankleiden der Heimbewohner, die dies nicht mehr alleine schaffen. Außerdem messen sie Blutzucker, Blutdruck und Puls, verabreichen Medikamente und spritzen Insulin. Den beiden Auszubildenden steht immer ein „Praxis-Anleiter“ zur Verfügung. Dabei handelt es sich um eine Art Mentor, der die jungen Leuten unterstützt und ihnen zeigt, wie die einzelnen Tätigkeiten zu erledigen sind.

Jennifer Schmidt und Timo Katolla arbeiten im Schichtdienst: frühmorgens bis nachmittags oder nachmittags bis spätabends. Auch an Wochenenden und Feiertagen sind die beiden Azubis des Öfteren im Einsatz. Ihre Wochenarbeitszeit liegt bei 39,5 Stunden.

Die körperliche und psychische Belastung in ihrem Ausbildungsberuf ist hoch – das wissen Jennifer Schmid und Timo Katolla. Dennoch würden sie sich jederzeit wieder für diese Ausbildung entscheiden. „Man bekommt so viel Dankbarkeit von den älteren Menschen zurück“, sagt Jennifer Schmidt. „Für manche sind wir das ein und alles. Sie haben sonst niemanden mehr“, ergänzt Timo Katolla, für den es nie denkbar gewesen wäre, an Maschinen oder im Büro zu arbeiten. Es sei einfach schön, die Heimbewohner in ihrer Tagesgestaltung zu unterstützen, betont er.

Nach der Ausbildung will der 20-Jährige auf jeden Fall weiterhin in der Altenpflege arbeiten. Auch Jennifer Schmidt hofft, dass sie eine entsprechende Anstellung findet. Zuvor aber möchte sie noch die halbjährige „generalistische Ausbildung“ im Krankenhaus absolvieren. Dann kann sie sich Altenpflegerin sowie Gesundheits- und Krankenpflegerin nennen.

Allen jungen Leuten, die mit dem Gedanken einer Ausbildung im Pflegebereich spielen, legen Jennifer Schmidt und Timo Katollla ans Herz, zuvor zum Beispiel im Rahmen eines Praktikums in den Pflegeberuf hi­neinzuschnuppern. „Nur so kann man feststellen, ob der Beruf wirklich etwas für einen ist“, sagt der Dettinger. Für den Beruf im Pflegebereich sei es wichtig, gut mit Menschen umgehen zu können, betonen beide. „Manches darf man außerdem nicht zu ernst oder persönlich nehmen“, fügt Jennifer Schmidt hinzu und nennt ein Beispiel: Menschen, die an Demenz erkrankt sind, würden die Pflegekräfte manchmal auch mit unschönen Worten konfrontieren.

„Viele haben von der Altenpflege ein falsches Bild“, weiß Timo Katolla vom negativen Image der Pflegeberufe. Seine Ausbildung aber mache ihm Spaß. „Jeder Beruf kann stressig sein – es kommt aber auch immer darauf an, ob man sich den Stress selbst macht.“