Lokalsport

„Im Basketball-Geschäft ist Loyalität ein seltenes Gut“INTERVIEW

Bryan Smithson will in Kirchheim beweisen, dass Vertrauen lohnt

Dass man ihn unterschätzt, sagt er, hat ihn ein Leben lang begleitet. Auch in Kirchheim waren vor Saisonbeginn Zweifel erlaubt. Was macht die Verletzung? Ist er die erhoffte Führungsfigur? Inzwischen stellt kaum mehr jemand diese Fragen. Im Gegenteil: Nicht wenige halten Bryan Smithson für einen der besten Spielmacher in der Pro A.

Bryan, Sie sind jetzt ein halbes Jahr hier. Wie gefällt Ihnen Kirchheim?

Anzeige

Smithson: Oh, Kirchheim ist großartig. Mit gefällt die Stadt und die ganze Umgebung sehr gut. Vor allem bin ich dankbar, dass mir die Knights diese Chance gegeben haben, die ich bei anderen Klubs nicht bekommen habe.

Was meinen Sie genau damit?

Smithson: Ich war ja ein paar Jahre völlig draußen wegen körperlicher Probleme. Die Knights haben mir die Chance gegeben, zu spielen, mich zu beweisen. Ich stand auch mit anderen Klubs in Kontakt, die dieses Vertrauen nicht hatten. Deshalb habe ich großen Respekt vor den Leuten hier.

Sie haben um diese Chance hart gekämpft. Man erzählt sich, Sie hätten Ihren Flug nach Deutschland, anders als sonst üblich, aus eigener Tasche bezahlt.

Smithson: Ja, das stimmt. Ich habe wirklich hart darum gekämpft. Damit meine ich nicht den Flug, sondern eine sehr sehr lange Zeit vorher, die schwierig für mich war. Das mit den Flugkosten habe ich gemacht, weil ich mir sicher war, wenn mich die Leute hier sehen, werden Sie verstehen und schätzen, was ich getan habe, um wieder erfolgreich sein zu können. Wie man sieht, hat es funktioniert.

Nach fünf Spielen sind Sie der Spieler mit den meisten Assists in der Liga. Was bedeuten Ihnen solche Statistiken?

Smithson: Das liest sich auf den ersten Blick natürlich gut. Aber erstens sind erst fünf Spiele gespielt, und zweitens sind Assists wichtig für die Mannschaft, nicht für mich.

Sie sind als Basketballer mit Ihrer Statur nicht gerade Furcht einflößend. Ein großer Nachteil auf dem Spielfeld?

Smithson: (lacht) Ich glaube ich kann sagen, dass dieses Thema nicht neu für mich ist. Ich höre Kommentare zu meiner Statur, seit ich elf war. Früher hat mich das gestört, heute kann ich darüber lachen. Auszusehen wie ein ganz normaler Mensch und spielen wie ein Basketballer, das hat schon auch Vorteile.

Weil Sie unterschätzt werden?

Smithson: Ich wurde mein ganzes Leben lang unterschätzt. Ich habe inzwischen gelernt, es zu genießen, dass ich in der Lage bin, Menschen zu überraschen.

Wie schwer war es, nach der langen Verletzungspause zurückzukommen?

Smithson: Unbeschreiblich schwer. Das lag daran, dass es sich um eine äußerst verwirrende Geschichte gehandelt hat. Die Ärzte haben sehr lange gebraucht, bis eine klare Diagnose möglich war. Danach hat man viele verschiedene Möglichkeiten getestet, die Sache in den Griff zu bekommen. Einige haben sich als Irrweg herausgestellt. Das war alles sehr mühsam und belastend für mich. Zum Glück haben wir den richtigen Weg gefunden. Von da an habe ich alles getan, um meinen Körper wieder dorthin zu bringen, wo er vorher war.

Worum ging es bei der Verletzung genau?

Smithson: Ich hatte vereinfacht gesagt eine schwere Entzündung der Sehne, die Oberschenkelmuskel und Knie verbindet. Vermutlich als Folge von Überlastung. 2010 habe ich mich dann zur Operation entschlossen, weil die Schmerzen immer stärker wurden.

Und jetzt ist alles gut?

Smithson: Ja, jetzt ist wirklich alles gut. Sieht man das nicht? Nein, wirklich, ich bin sehr glücklich, dass ich das alles hinter mir habe. Ich glaube, ich bin ein völlig anderer Mensch als noch vor zwei Jahren.

Sie spielen zum ersten Mal in Deutschland. Was würden Sie sagen, ist der größte Unterschied zur Spielweise in den USA?

Smithson: Hier wird viel mehr Wert auf das Mannschaftsspiel gelegt. In den Staaten geht es um individuelles Talent und darum, es auch zu zeigen. Das heißt natürlich auch sehr viel mehr Show.

Was, würden Sie sagen, ist Ihr größtes Plus als Spieler?

Smithson: Ich glaube, dass ich in der Lage bin, Verantwortung zu übernehmen, eine Führungsrolle zu spielen. Ich versuche dabei, auch Vorbild zu sein. Ich bin keiner, der auf dem Spielfeld groß rumschreit oder Mannschaftskollegen anbrüllt. Ich mache das auf meine Art, weil ich glaube, dass ich effektiver bin, indem ich auf dem Spielfeld hart arbeite und die richtigen Entscheidungen treffe. Ich würde auch nie von jemand etwas verlangen, was ich nicht selber tun würde.

Sie hatten eine schwierige Kindheit. Ihre Eltern haben sich früh getrennt. Sie sind erst beim Vater, dann bei der Mutter aufgewachsen, die hart gearbeitet hat. Trotzdem hat das Geld nicht gereicht. Wenn Sie spätabends vom Training heimkamen, war oft der Kühlschrank leer und der Strom abgedreht. Wie sehr haben Sie diese Erfahrungen geprägt?

Smithson: Sehr. Alles was ich damals erlebt habe, hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin. Wenn ich heute Probleme habe, dann weiß ich, ich komme da durch. Ich habe gelernt, jeder schwierigen Situation etwas Positives abzugewinnen, weil sie mich stärker macht. Wenn ich diese Zeit als Kind nicht durchgemacht hätte, wäre ich heute sportlich nicht erfolgreich. Da bin ich mir ganz sicher.

Es gibt die Geschichte, wie Sie nach Ihrer Operation morgens um sechs in Dunkelheit und Kälte vor der Halle ausharren, bis endlich die Tür aufgeht. Ist das typisch für Sie? Arbeiten Sie härter als andere?

Smithson: Das trifft es schon. Das bin ich. Ich habe nun mal nicht die körperlichen Voraussetzungen, die viele geschenkt bekommen. Deshalb muss ich ein bisschen härter arbeiten als andere. Ich kann mich erinnern, auch um fünf Uhr früh schon in der Halle gestanden zu haben, bevor die Schule losging. Da gab es gute und richtig schlechte Tage. Das Wichtige war immer, ich war da.

Sie hatten immer sehr enge Bindungen mit Menschen, die wichtig für Sie waren. Ihre Mutter, Ihre Trainer am College. Was bedeutet Loyalität für Sie?

Smithson: Alles. Darauf habe ich meine ganze sportliche Karriere aufgebaut. Ich glaube, das ist eines der wichtigsten Dinge überhaupt im Leben. Es ist die Grundlage für Vertrauen. Es lässt dich nachts ruhiger schlafen. Ich habe aber auch gelernt, dass es ein Nachteil sein kann, wenn man extrem loyal ist. Im Basketball-Geschäft ist Loyalität ein seltenes Gut.

Was, meinen Sie, können Sie an Ihrem Spiel noch verbessern?

Smithson: Ich denke, ich kann mich generell verbessern. Häufiger die richtigen Entscheidungen treffen. Ich werfe momentan auch nicht wirklich gut aus der Zwei-Punkte-Distanz. Auch in der Defensive ist noch Luft nach oben. Nach so einer langen Pause gilt es einfach, an allem zu arbeiten.

Bei wie viel Prozent sind Sie?

Smithson: Was meine Gesundheit anbelangt, bin ich bei hundert Prozent. Wo ich spielerisch stehe, ist schwer für mich zu beurteilen. Aber glauben Sie mir, Sie werden auch an meinem besten Tag nicht von mir hören, dass das nun hundert Prozent waren.

Sollten die Knights morgen auch gegen Heidelberg gewinnen, würden Sie sagen, Kirchheim gehört zu den Topteams in dieser Saison?

Smithson: Warum nicht? Ich denke, wir sind zumindest ein besonderes Team. Mit guten Charakteren, die alles für den Erfolg tun. Ich sehe keine Mannschaft in dieser Liga, die wir nicht schlagen könnten. Wenn wir weiter so hart arbeiten, können wir in diesem Jahr viel erreichen.

Sie wohnen mit Ihrer Freundin in Kirchheim. Sorgt Sie dafür, dass Sie abends in der Halle den Lichtschalter finden?

Smithson: Oh, ja. Alexandra ist mein Stabilisator. Sie gibt mir hier eine Ersatz-Heimat. Ohne Sie würde ich nur die Tage zählen, bis ich zum ersten Mal wieder nach Hause kann. Sie erlebt das alles hier mit mir, das ist uns beiden sehr wichtig. Sie ist wirklich das Wichtigste für mich.