Lokalsport

Kommentar: Flucht nach vorn

Wann der richtige Zeitpunkt für den entscheidenden Angriff ist, lernt man als Radsportler schon in jungen Jahren. Stefan Schumacher hat in seiner langen Karriere als Profi schon unzählige Attacken geritten, stets mit dem Ziel, den Gegner vor dem Ziel zu zermürben. Mit Schumachers Doping-Beichte an Ostern mögen nach Jahren hartnäckigen Leugnens viele nicht mehr gerechnet haben. Wirklich überraschend kam das Geständnis nicht. Angriff ist die beste Verteidigung, das gilt nicht nur im Rennen, sondern auch vor Gericht. Einem gewieften Strategen, als der Schumachers Anwalt Michael Lehner zweifellos gilt, dürfte so kurz vor Prozessbeginn nicht schwer gefallen sein, seinen Mandanten vom Nutzen eines umfassenden Geständnisses zu überzeugen.

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Das Spiegel-Interview zu Ostern ist eine offene Kriegserklärung des Nürtingers an seinen einstigen Teamchef Hans Holczer, der jahrelang als Galionsfigur im Kampf für einen sauberen Radsport daherkam. Vor allem aber ist es ein cleverer Schachzug vor Gericht. Wer im Bilde war, der kann am Ende kein Betrogener sein. Die Rechnung ist so simpel wie sie klingt. Ob Schumacher gedopt hat oder nicht, mit dieser Frage müssen sich die Richter nun nicht mehr befassen. Schumacher hat den Rücken frei, um sich auf die entscheidende Frage zu konzentrieren und letztlich darauf zu hoffen, dass das Gericht sie am Ende verneint: War es möglich, Holczer zu täuschen? Allein darum geht es seit gestern im Stuttgarter Prozess.

Der Arztsohn aus Nürtingen hat seinen Ruf als Sportler ruiniert und eine Menge Geld verloren. Schulden habe er keine, hat er gestern vor Gericht bekundet, er „komme so knapp über Null.“ Viel wichtiger als die Frage nach einer gerechten Strafe wird sein, ob es diesmal gelingt, die wahren Täter hinter den Sportlern zu enttarnen. Es ist kein Zufall, dass die grün-rote Landesregierung in Stuttgart pünktlich zum Prozessbeginn einen weiteren Versuch unternimmt, mit einem Gesetzesentwurf für ein bundesweites Anti-Doping-Gesetz die Hürde im Bundesrat zu nehmen. Fände das Versteckspiel auf diesem Weg ein Ende, dann wäre dieser Prozess ein echter Erfolg.Bernd Köble