Lokalsport

Zu türkischer Musik gibt‘s Rote Wurst

Ürfet Zorlu aus Beuren trainiert eine multikulturelle Boxabteilung bei der TG Nürtingen

Wenn Integration dort anfängt, wo Menschen unterschiedlichster Herkunft selbstverständlich miteinander Sport treiben, dann ist die Boxabteilung der TG Nürtingen ein Paradebeispiel. Zumal der bunt gemischte Haufen Hobbyboxer ohne das ehrenamtliche Engagement eines türkischstämmigen Deutschen kaum so erfolgreich wäre: Ürfet Zorlu (39) ist Trainer und Abteilungsleiter in Personalunion.

Box-Trainer †rfet Zorlu (Steinenbergstr. 17, 72622 NŸrtingen; Max-Planck Gymnasium)Boxen
Box-Trainer †rfet Zorlu (Steinenbergstr. 17, 72622 NŸrtingen; Max-Planck Gymnasium)Boxen

Nürtingen. Wer die Turnhalle des Nürtinger Max-Planck-Gymnasi­ums betritt, würde im ersten Moment kaum vermuten, dass ausgerechnet im Mief der jahrzehntealten Sportstätte in der Steinenberg­straße ein frischer Wind in Sachen Integration weht. Zumal ein halbes Dutzend Jungen und Mädchen unablässig auf Sandsäcke eindrischt, die von der Decke baumeln, während andere im wahnwitzigen Tempo Seil springen und wieder andere Medizinbälle an die Wand schmeißen.

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Dass ausgerechnet inmitten dieses schweißgetränkten Klimas der Geist jener multikulturellen Gesellschaft beschworen wird, den Politiker aller Couleur predigen, ist Ürfet Zorlu zu verdanken. Der 39-jährige Türke mit deutschem Pass ist der Mann hinter der Erfolgsgeschichte des Boxens bei der TG Nürtingen. Seit er im September 2011 neben seiner jahrelangen Tätigkeit als Trainer auch noch den Posten des Abteilungsleiters übernommen hat, geht‘s mit den TGN-Boxern steil bergauf.

Zorlu, mit fünf Jahren als Sohn eines türkischen Gastarbeiters nach Deutschland gekommen und in Beuren aufgewachsen, hat Abläufe und Inhalte des Trainings innerhalb eines halben Jahres derart anziehend umgekrempelt, dass ihm Boxenthusiasten aus der gesamten Region die Bude einrennen. Wegen des regen Zulaufs ist die Abteilung, die im Prinzip nur aus Zorlu als Solo-Funktionär besteht, allerdings schon an die Kapazitätsgrenze gestoßen. „Inzwischen musste ich einen Aufnahmestopp verhängen“, sagt er, der bislang vergeblich nach weiteren qualifizierten Trainern sucht.

Das Geheimnis des Erfolgs, der die 112 Mitglieder in seinen Bann zieht und der TGN bei den baden-württembergischen Meisterschaften im März drei Titel einbrachte, liegt in der abwechslungsreichen Ausgestaltung des Trainings. Monotone Boxübungen sucht man bei Ürfet Zorlu, der die C-Lizenz besitzt und seine Pläne monatelang akribisch austüftelt, vergebens. „Das Training ist so vielfältig wie das Boxen selbst“, verweist er auf die Beanspruchung von Kondition, Kraft, Schnelligkeit, Beweglichkeit und Koordination.

Genau diese Mischung macht das Boxen für den gelernten Maler und Lackierer so reizvoll. „Das ist ein effektiver Ganzkörpersport, das gibt‘s sonst nirgends“, schwärmt Zorlu, der seit seinem 13. Lebensjahr in den Ring steigt und dessen größte Erfolge zwei Siege bei den Herbstmeisterschaften 1987 und 1988 sowie Platz eins bei den württembergischen Titelkämpfen 1989 waren.

Nachdem er die Boxhandschuhe mittlerweile an den Nagel gehängt hat und sich nur noch auf den Trainerjob fokussiert, sieht er „seinen“ Sport im Nachhinein als wichtigen Beitrag zur eigenen Integration. „Durch das Boxen hat sich alles damals besser angefühlt“, erinnert er sich an eine Zeit, in der er sich in der neuen schwäbischen Heimat nicht wirklich willkommen fühlte. Im Beuren der Achtzigerjahre waren Ausländer eine Seltenheit, was die Familie Zorlu mitunter deutlich zu spüren bekam. „Von vielen sind wir damals als Kanaken beschimpft worden“, sagt Zorlu, der im Schatten des Hohenneuffens bis heute mit Ressentiments einzelner Nachbarn leben muss. Verbittert ist er, der nach 34 Jahren im Ländle unüberhörbar einen schwäbischen Zungenschlag angenommen hat, deswegen aber noch lange nicht. „Des isch halt Dorf, da kosch nix macha“, zuckt er lachend mit den Schultern.

Die Tage in Beuren sollen für Zorlu, seine Frau und seine drei Töchter dennoch bald gezählt sein. Die Familie, die dem alevitischen Glauben angehört, zieht‘s an die sportliche Wirkungsstätte des Papas, nach Nürtingen, wo das interkulturelle Miteinander selbstverständlich(er) ist. „In den Städten ist das heutzutage normal, dass Deutsche und Ausländer zusammenleben“, hat Ürfet Zorlu erkannt. Als was er sich dabei fühlt, kann er nicht eindeutig beantworten. „Ich bin weder deutsch noch türkisch, ich bin mittendrin“, sagt er und findet nichts dabei, im Gegenteil: „Ich picke mir auf beiden Seiten die guten Sachen raus“, grinst er. Zu türkischer Musik eine Rote Wurst zu essen, ist für ihn die ganz persönliche geglückte Integration.

Gemessen am Grad seines ehrenamtlichen Engagements, ist Ürfet Zorlu ohnehin integrierter als so mancher Deutsche. Schließlich verbringt er jede freie Minute unentgeltlich in der Trainingshalle, ist aufgrund der Erfolge seiner Schützlinge und seines in Boxkreisen untadeligen Rufs inzwischen sogar in der Sportschule Ruit tätig, wo er die baden-württembergischen Kaderboxer auf Meisterschaften und Turniere vorbereitet – dermaßen aktiv ist keiner, der sich nicht als Teil einer Gesellschaft mit unterschiedlichen kulturellen Stützpfeilern begreift. „Ich bin zwischen Türken, Italienern und Griechen aufgewachsen und seit zehn Jahren nur noch mit Deutschen zusammen“, sagt Zorlu, „für mich ist das normal.“

Gleiches gilt für seine Schützlinge, die trotz oder wahrscheinlich ge­rade wegen ihrer unterschiedlichen Herkunft ganz selbstverständlich miteinander Sport treiben. Die zahlreichen Kinder und Jugendlichen aus Deutschland, Mazedonien, Italien, Russland, Kroatien und Bosnien bestätigen ihren Trainer in seinem Ansinnen. „Ich will der Jugend eine Chance bieten, etwas Sinnvolles zu tun und einen Sport zu trainieren, der ihnen auch im normalen Leben etwas bringt“, sagt Ürfet Zorlu. Gemeint sind Tugenden wie Disziplin, Geduld und Durchsetzungsvermögen, die auch Zorlu seinem ganz eigenen großen Ziel näherbringen sollen: Eines Tages will er, der sich noch dieses Jahr zum Master-Fitness-Trainer fortbilden lassen will, seine eigene Boxschule eröffnen.