Kirchheim

„Uraufführung“ von Mozart-Werken

Konzert Am Sonntag stellt Bezirkskantor Ralf Sach in der Martinskirche gemeinsam mit dem Kirchheimer Kammerchor und der „Capella Martini“ drei unbekannte Musikstücke Wolfgang Amadeus Mozarts vor. Von Andreas Volz

Was im Archiv des Kirchheimer Kantorats so alles schlummert: Ralf Sach hat drei unbekannte Chorwerke Mozarts „ausgegraben“.Fotos
Was im Archiv des Kirchheimer Kantorats so alles schlummert: Ralf Sach hat drei unbekannte Chorwerke Mozarts „ausgegraben“. Foto: Carsten Riedl

Unbekannter Mozart? Das gibt es am zweiten Advents-Sonntag in der Kirchheimer Martinskirche. In Kirchheim waren auch die Noten gelagert, vielleicht mehr als 200 Jahre lang. Wann und wie die Partituren der drei unbekannten Mozart-Chorwerke nach Kirchheim kamen, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Eingeklebt findet sich lediglich das Exlibris „C. F. Beck, Musikr. von Kirchheim u. T.“ - mehr weiß man nicht.

Bezirkskantor Ralf Sach, der die Noten im Archiv aufgestöbert hat, erhielt wichtige Auskünfte bei zwei Musikverlagen: Carus sowie Breitkopf & Härtel. Bei Breitkopf & Härtel - vor 300 Jahren gegründet, im Geburtsjahr Leopold Mozarts - erschienen ab 1798 alle Werke Wolfgang Amadeus Mozarts im Druck, darunter auch die drei Chorwerke aus dem Kirchheimer Kantorat. Ralf Sach hat bei Breitkopf & Härtel erfahren, dass seine drei Partituren wohl 1807 gedruckt worden sind. Außer von den Noten zeigt er sich auch von der ganzen Aufmachung begeistert. „Mir macht schon das Papier Spaß“, sagt er, und man kann es nachvollziehen: Mit heutigem handelsüblichen Papier hat das rein gar nichts zu tun. Man kann die Hadern regelrecht fühlen, aus denen dieses Druckpapier einst hergestellt worden ist.

Die Originalnoten von Wolfgang Amadeus Mozart. Foto Carsten Riedl
Die Originalnoten von Wolfgang Amadeus Mozart. Foto Carsten Riedl

Bei den Partituren handelt es sich also in jeder Hinsicht um kostbare Raritäten: „Fünf oder sechs Standorte sind bekannt, an denen es weitere Ausgaben dieser Noten gibt.“ Kirchheim gehörte bisher nicht zu den Standorten, die die Verlage auf dem Schirm hatten. „Beim Carus-Verlag hieß es, dass es sich da um frühe Bearbeitungen handelt, wie sie nach Mozarts Tod nicht unüblich waren.“

Gänzlich unbekannt sind die drei Werke also nicht. Auch Georg Nikolaus Nissen, späterer Ehemann von Mozarts Frau Constanze und ers­ter Mozart-Bio­graph, erwähnt die drei Chorstücke als Originalwerke, wie Ralf Sach herausgefunden hat. Außerdem finden sich die Noten - mit anderen Texten unterlegt - in anderen Werken Mozarts: in den „Litaniae de venerabili altaris sacramento“ sowie im Singspiel „Thamos, König in Ägypten“.

Für Ralf Sach stellt sich die Frage, „was zuerst war“ - die „Lita­niae“ und das Singspiel oder „seine“ drei geistlichen Werke: die Motette „Preis dir, Gottheit“, die Hymne „Gottheit, dir sei Preis und Ehre“ sowie die Kantate „Heiliger, sieh gnädig hernieder“. Alle drei Werke hält er für außergewöhnlich: „Mozart hatte eigentlich gar keine Zeit, um deutsche Kirchenmusik zu schreiben - und keine Notwendigkeit.“ Auch die „sehr lange, aber hochkomplexe Schlussfuge“ der Kantate sei eher ungewöhnlich für den frühen Mozart.

Eine andere Frage ist die, ob Mozart für die drei Chorwerke, die jetzt in der Martinskirche zur Aufführung kommen, die Musik auf einen vorhandenen Text komponiert hat oder ob ein Dichter einen neuen Text für die vorhandenen Noten verfasst hat. „Bei der Probenarbeit haben wir oft gedacht, die Musik ist sehr nahe am Text“, berichtet Ralf Sach. Allerdings kann das sowohl für den Komponisten als auch für den Dichter sprechen.

Der Bezirkskantor hat die Noten aber nicht nur „ausgegraben“ und dann einfach einstudiert mit dem Kirchheimer Kammerchor. Dazwischen lag die wichtigste Aufgabe: „Ich musste aus den Partituren das Aufführungsmaterial herstellen. Das hat mich den ganzen Sommerurlaub hindurch beschäftigt.“ Diese Arbeit war auch der Grund, warum Ralf Sach die Noten nicht schon viel früher einmal einstudiert hat: „Die Partituren waren mir gleich aufgefallen, als ich vor 14 Jahren nach Kirchheim kam. Aber jetzt habe ich gedacht, wird es Zeit, dass ich mich an die Arbeit mache.“

Nach wie vor lassen sich bei den Proben noch Unstimmigkeiten erkennen, wenn zum Beispiel die Textverteilung nicht passt oder wenn bei parallel geführten Stimmen einmal ein Auflösungszeichen in der Originalpartitur steht und in der anderen Stimme nicht: „Dann muss man sich für eins von beidem entscheiden. Wir können ja niemanden mehr fragen, wie es gedacht war.“

Mit Pauken und Trompeten

Gedacht ist aber - zumindest von den einstigen Druckern - an das „volle Programm“, wie Ralf Sach feststellt: „Drei Posaunen, zwei Trompeten, Pauken - mehr bietet auch die Jupiter-Sinfonie nicht.“ Ein Problem bei den Blechbläsern stellen freilich noch die Hörner dar: „Da braucht es Hörner in Es, aber auch in F. Früher haben die einfach ihre Hörner getauscht. Heute müssen wir schauen, wie es sich transponieren lässt.“

Von anderen abschauen, geht in diesem Fall nicht. Ralf Sach betritt mit dem Kirchheimer Kammerchor und der „Capella Martini“ komplettes Neuland: Er konnte nicht herausfinden, ob die drei Werke irgendwo und irgendwann in den vergangenen ein- bis zweihundert Jahren aufgeführt wurden. So gesehen, gibt es am Sonntag in der Martinskirche also völlig zu Recht „unbekannten Mozart“.

Das Konzertprogramm und die Zukunft der „unbekannten“ Noten

Das Konzert mit den unbekannten Mozart-Werken beginnt am Sonntag, 8. Dezember, um 19.30 Uhr in der Kirchheimer Martinskirche. Karten gibt es bei der Buchhandlung Zimmermann und an der Abendkasse.

Außer den drei „unbekannten“ Chorwerken stehen auch Mozarts Orgelkonzert F-Dur sowie „Exsultate, jubilate“ auf dem Programm - als zweites Stück für die Solistin Christina Schmid neben der Sopran-Arie in der Kantate „Heiliger, sieh gnädig hernieder“.

Der Kirchheimer Kammerchor wird begleitet von der „Capella Martini“, von Musikern also, die schon öfters in der Martinskirche aufgetreten sind - auch gemeinsam mit dem Kammerchor.

Wie es mit den Noten, die Bezirkskantor Ralf Sach für die Aufführung bearbeitet hat, weitergehen wird, ist noch nicht geklärt: „Vielleicht meldet sich ja ein Verlag, der sie noch drucken möchte. Wenn nicht, verleihen wir sie möglicherweise selbst von Kirchheim aus an Chöre, die Interesse an den drei Werken haben.“

Auch die Forschung könnte sich für die drei Partituren interessieren, um mehr über sie herauszubekommen. Sicher ist nur, dass sie sich kaum zum Originalpreis weiterverkaufen lassen: Der schwankt zwischen einem Reichstaler und „1 Rthlr. 8 Gr.“vol

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