Kirchheimer Umland

44-Jähriger bricht 112 Mal ein

Bei seinen Einbrüchen in Schulen und Büros richtet er Schaden von 180 000 Euro an

Zum zweiten Mal hat vor dem Stuttgarter Landgericht der Prozess gegen einen 44-Jährigen wegen 112-fachen schweren Einbruchdiebstahls begonnen, nachdem das erste Verfahren vor drei Wochen wegen möglicher Komplizenschaft seines Verteidigers geplatzt war. Der 44-Jährige soll in Kirchheim und im Enzkreis in Schulen und Büros eingebrochen sein.

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Bernd Winckler

Kirchheim/Stuttgart. Am 20. August war der Fall erstmals bei der 18. Großen Strafkammer des Stuttgarter Landgerichts aufgerufen worden. Nachdem der Staatsanwalt die 112 Fälle des schweren Einbruchdiebstahls eine gute Stunde lang vorgetragen hatte, gab es Unruhe unter den Richtern und ihren beiden Schöffen. Eine Kurzmitteilung war eingetroffen bezüglich der Rolle des Verteidigers des Angeklagten. Schließlich wurde eine zehnminütige Pause angeordnet. Danach gab die vorsitzende Richterin der überraschten Öffentlichkeit und den Prozessbeteiligten bekannt, dass die Verhandlung auf unbestimmte Zeit ausgesetzt werde. Als Grund nannte sie eine mögliche strafrechtliche Mitbeteiligung des Verteidigers.

Bei der Stuttgarter Staatsanwaltschaft würde diesbezüglich wegen strafbarer Verletzung des Urheberrechts ein Ermittlungsverfahren gegen den Anwalt laufen. Man könne sich nicht vorstellen, dass der Anwalt deshalb weiterhin das Vertrauen seines Mandanten genießt. Dies bestätigte der Angeklagte auch. Für die Stuttgarter Justiz, so die Richterin, sei es ein einmaliger Fall, dass ein Strafverteidiger wegen möglicher Straftaten aus einem Verfahren entfernt wird.

Nun hat der 44-Jährige einen neuen Verteidiger gefunden, mit dem der Prozess am gestrigen Donnerstag einen zweiten Anlauf nehmen konnte. Nach wie vor geht es darum, dass der Mann, der seit Jahren in Stuttgart lebt, von September 2013 bis Februar dieses Jahres als Alleintäter auf nächtlicher Einbruchstour war und dabei einen hohen Sachschaden angerichtet hat. In den ersten Monaten – zunächst in Stuttgart direkt, dann zur Jahresmitte 2014 im Kreis Esslingen

Im Internet hinterließ der Mann eine deutliche Spur

und dort hauptsächlich in Kirchheim – brach er in Schulen, Vereinsheime und Arztpraxen ein. Zwischen dem 3. und 22. Juni vergangenen Jahres summierten sich die angeklagten Einbruchsfälle in Büros, Praxen und Geschäfte in Kirchheim auf 13 Einzelfälle (wir berichteten).

Danach soll der Beschuldigte sein nächtliches Betätigungsfeld nach Ludwigsburg und in dessen Kreisgebiet verlegt haben: nach Vaihingen-Enz, Pforzheim, Mühlacker, Eppingen und Asperg. Hier waren es laut der dicken Anklageschrift Kindertagesstätten, Büros, Anwaltskanzleien und Schulen. Unter dem Strich rechnet der Staatsanwalt mit einem Gesamtschaden in Höhe von rund 180 000 Euro.

Gefasst werden konnte der 44-Jährige nach zweijähriger Fahndung durch seine Leidenschaft, sich nach jedem Einbruch im Internet mittels Google über seine dort dokumentierten Aktionen zu informieren. Dabei hinterließ er Spuren in den Internet-Seiten, die die Polizei, die wegen anderer Taten gegen ihn ermittelte, zufällig entdeckte. Zunächst waren ihm nur 50 Diebstähle vorgeworfen worden. Nach Auswertung der Spuren kamen dann noch weitere nächtliche Beutezüge ab Herbst 2013 hinzu. Die Gesamtzahl der Taten liegt nunmehr bei 112.

Zu den Vorwürfen will der Angeklagte im Laufe des auf sieben Tage terminierten Verfahrens Angaben machen und ein Teilgeständnis ablegen. Insgesamt sollen 55 Zeugen gehört werden.