Kirchheim

Argentinierin sucht Spuren ihrer Familie

Begegnung Nadia Vollweiler macht eine Stippvisite in der Heimatstadt ihres Großvaters Fritz, der Ende der 1930er-Jahre dem Holocaust entkam. Von Andreas Volz

Das Bild oben zeigt Nadia Vollweiler (rechts) und Brigitte Kneher in der Max-Eyth-Straße. Unten rechts betrachten die beiden alt
Das Bild oben zeigt Nadia Vollweiler (rechts) und Brigitte Kneher in der Max-Eyth-Straße. Unten rechts betrachten die beiden alte Bilder. Unten links fotografiert Nadia Vollweiler Stolpersteine.Fotos: Carsten Riedl

In Kirchheim hat sich eine Art „Sternstunde“ im Sinne Stefan Zweigs ereignet. Ein eher unscheinbares Treffen, die Weltgeschichte wird davon kaum Kenntnis nehmen. Und doch war sie Anlass dafür. Genauer gesagt handelt es sich um eines der düstersten Kapitel der Weltgeschichte: den Holocaust. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden alle jüdischen Familien Kirchheims in Konzentrationslagern ermordet, wenn ihnen nicht rechtzeitig die Auswanderung gelungen ist.

Zu den Überlebenden gehört Familie Vollweiler. Vater Moritz, Viehhändler von Beruf, kommt 1909 nach Kirchheim. Gemeinsam mit seiner Frau Johanna gründet er eine Familie. Kurt, einer der drei Söhne, bringt es sogar zur lokalen Berühmtheit: Als Torwart ist er Anfang der 1930er-Jahre aus der Mannschaft des VfB Kirchheim nicht wegzudenken. 1933 ändert sich das schlagartig. Zunächst darf er nicht mehr mit der Mannschaft einlaufen, kurz darauf überhaupt nicht mehr mitspielen.

Von ihm berichtete Brigitte Kneher zum Holocaust-Gedenktag Ende Januar im Kirchheimer Schlossgymnasium. Vor 35 Jahren hatte sie begonnen, die Geschichte der Juden in Kirchheim zu erforschen. Sie hat damals auch Kontakt zu den Überlebenden aufgenommen. 1986 kam es zum ersten denkwürdigen Treffen mit ehemaligen Kirchheimern in Kirchheim. Mit dabei waren Ruth, Fritz und Renée Vollweiler: Schwester, Bruder und Schwägerin des einstigen VfB-Torwarts. Dieser kam ein Jahr später auf Besuch nach Kirchheim.

Brigitte Kneher hat sie alle getroffen - fast 50 Jahre, nachdem sie Kirchheim hatten verlassen müssen. Bei den Familien Bernstein und Salomon hat sich der Kontakt bis hin zu den Kindern und Enkeln gehalten. Nun ist ein weiterer Kontakt entstanden: zu Nadia Vollweiler aus Buenos Aires, Enkeltochter von Fritz Vollweiler und Großnichte von Kurt Vollweiler.

Zwei besondere Zufälle haben den Kontakt ermöglicht: Nadia Vollweiler arbeitet für ein argentinisches Tourismus-Unternehmen, das sie Mitte März für zwei Wochen nach Europa schickte. Weil sie dabei auch nach München kam, hat ihr Vater sie ermutigt, einen Abstecher nach Kirchheim zu machen. Vater Mario war es auch, der im Internet den Teckboten-Artikel über den Holocaust-Gedenktag fand, in dem der Name seines Onkels Kurt auftauchte. Wegen dieses Artikels schrieb Nadia Vollweiler den Teckboten an und fragte, ob man sich treffen könne - auch und vor allem mit Brigitte Kneher. Für alle Beteiligten war es selbstverständlich, Nadia Vollweiler in Kirchheim willkommen zu heißen und die Enkelin durch die Heimatstadt des Großvaters zu führen.

„Traurig und glücklich zugleich“

„Ich bin hier als Repräsentantin meiner gesamten Familie“, sagt Nadia Vollweiler auf Englisch. Und das ist nicht nur so dahergesagt, denn die Familie begleitet sie: Von München aus hat sie mit ihrem Vater ein intensives Gespräch über den deutschen Teil der Familiengeschichte geführt. Eine der beiden Schwestern schreibt ihr, sie sei „traurig und glücklich zugleich“ - weil Nadia gerade in der Heimatstadt des Großvaters ist.

Nadia ist die erste aus ihrer Familie, die Kirchheim einen Besuch abstattet, nach Großeltern, Großtante und Großonkel. Gerne würde sie mit dem Großvater über Kirchheim reden. Aber Fritz Vollweiler starb bereits 1995: „Damals war ich gerade mal ein Jahr alt.“ Jetzt freut sie sich aber, dass sie gemeinsam mit Brigitte Kneher auf einem Foto mit dem Kirchheimer Rathaus im Hintergrund zu sehen sein wird - aus derselben Perspektive wie ihre Großeltern 1986.

„Traurig und glücklich zugleich“ ist Nadia auch selbst: „Es ist schwer zu sagen, wie man sich jetzt fühlen soll. Kirchheim ist ein Teil meiner Familiengeschichte. Aber die Zurückweisung meiner Familie bleibt immer präsent. Deutschland ist eben auch das Land, das meine Vorfahren vertrieben hat.“ In Kirchheim erinnert heute nichts mehr an ihre Vorfahren: Die drei Häuser, in denen sie zwischen 1909 und 1940 lebten, sind längst abgerissen. Dass kein Stolperstein an die Vollweilers erinnert, ist indessen ein großes Glück: Die Eltern und die vier Kinder haben den Holocaust überlebt. Leicht war die Ausreise aber keineswegs, weil der Staat seinen eigenen Bürgern kaum mehr etwas an Hab und Gut lassen wollte. Brigitte Kneher fasst das eindrücklich zusammen: „Kurt Vollweiler hatte zehn Mark in der Tasche, als er in die USA ausgewandert ist.“

Umso erstaunlicher ist es, dass er 1987 noch einmal zurückkehrte - und dass seine Großnichte jetzt aus Buenos Aires kam. Das sind Sternstunden, auch abseits der ganz großen Weltgeschichte.

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