Lokale Kultur

Babylonische Sprachverwirrung

Katrin Ströbel stellt im Kornhaus in Kirchheim aus – Ausstellungsraum wirkt wie ein Labyrinth

Katrin Ströbel stellt derzeit im Kornhaus aus. Die Besucher begeben sich auf eine Reise durch ein dichtes, vielfältig und exotis
Katrin Ströbel stellt derzeit im Kornhaus aus. Die Besucher begeben sich auf eine Reise durch ein dichtes, vielfältig und exotisch wirkendes Angebot an Videos, Wandarbeiten, Karten und vielem mehr.Foto: Jörg Bächle

Kirchheim. In der Videoinstallation „World Vision Song Contest“ von Katrin Ströbel im Kirchheimer Kornhaus ist die Künstlerin selbst auf zwanzig Bildschirmen zu sehen. Sie

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singt zu einem Lied Playback, das sie über Kopfhörer hört. Ihre vielfach aufgenommene Stimme wird jedoch gleichzeitig abgespielt und vermischt sich dabei zu einem kaum zu differenzierenden Singsang. Erst beim genauen Hinhören glaubt man den konfusen Chor aus unterschiedlichen Nationalhymnen entschlüsseln zu können.

Die babylonische Sprachverwirrung als Folge der Mondialisierung ist ein Hauptthema in Katrin Ströbels Ausstellung im Kornhaus. Die Stadt Babylon, von Hammurabi etwa 2000 vor Christus entworfen, ist zum Symbol des Unheils, der Maßlosigkeit und der Verwirrung der Menschen geworden. Wie schon aus antiken Keilschriften hervorgeht, hatte die Stadt die Form eines 1,5 Mal 2,5 Kilometer großen Rechtecks. Jedoch gab es keine Orte für Versammlungen freier Bürger oder für öffentliche Veranstaltungen. Die Stadt war nur Funktion des uneingeschränkten Herrscherwillens. Babylon ist damit ein kulturgeschichtliches Mahnmal, wie eine Stadt nicht aussehen sollte und kann damit als Modell für manche Diskussion über Globalisierung dienen.

Wie ein Labyrinth wirkt auch der Ausstellungsraum, der durch Stellwände so aufgeteilt wurde, dass der Besucher auf einem verschlungenen Weg an den einzelnen Stationen vorbei geleitet wird. Damit begibt man sich auch im übertragenen Sinn auf eine Reise durch ein dichtes, vielfältig und exotisch wirkendes Angebot an Videos, unterschiedlichen Wandarbeiten, ausgelegten Karten, arabischen Schriftzeichen auf den Schaufensterscheiben und einer poetischen Wandarbeit aus Digitalprints, die vom Luftzug eines Ventilators bewegt werden. Bei der Entwicklung dieses parcourartigen Ausstellungsdisplays wurde Katrin Ströbel von Berthold Zagst unterstützt, der die Künstlerin als Mitglied des Kunstbeirates nach Kirchheim eingeladen hat.

Senegal, Marokko, Nigeria und Südafrika sind die Länder, in denen die Künstlerin in den vergangenen fünf Jahren gelebt hat. Das Wort „Toubab“, appliziert auf einem der großen bunten Tücher, die an der Wand hängen, bedeutet in Westafrika so viel wie „Weiße“ oder „Weißer“. Dass die europäische Weltsicht im Kontrast zur Sicht der arabischen und afrikanischen Kulturen auf Europa auch Vorurteile, Ängste und verletzende Klischees auf allen Seiten bewirken können, spiegelt sich in der Arbeit „Der unbekannte Feind“. Der Print zeigt einen ganzseitigen Artikel mit der gleich lautenden Überschrift aus der Süddeutschen Zeitung. Darin wurde die Reproduktion einer historischen Koransure versehentlich verkehrt herum abgedruckt. Wenn stereotypische Vorstellungen nebeneinander gesetzt werden, wirken sie zunächst unvereinbar. Gleichzeitig ergeben sich daraus überraschende Parallelen und manchmal sogar eine sehr menschliche Komik. So sind große, arabische Schriftzeichen in den Weiß getünchten Schaufensterscheiben der Kornhausgalerie ausgespart. Sie bedeuten die Begriffe „Einigkeit“, „Recht“ und „Freiheit“, die als Teil der Nationalhymne zur offiziellen Identität in Deutschland gehören. Der Satz des deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff „Der Islam gehört ebenfalls zu Deutschland“ ist bisher vielleicht noch wenig vertraut, hat jedoch einen starken Realitätsbezug zum multikulturellen Alltag.

„Der Blick auf das Fremde, Phänomene der Migration und das koloniale Erbe bestimmen auch ungewollt unsere Vorstellungen von anderen Kulturen. Sie werden damit jedoch zum Vexierbild, in dem auch unsere Vorstellungen von uns selbst aufscheinen, sie machen den Blick geschmeidig, bringen ihn in Bewegung“, sagte Winfried Stürzl in seiner Einführung. Sie sei „viel unterwegs“, fügte die Künstlerin hinzu. Ihre Arbeiten sind auf Reisen, Ausstellungen und Workshops entstanden. „Damit wird die Frage nach einer globalisierten Kunst ebenso zum Thema, wie die absurden Vorstellungen, die die Leute hier haben“, so die Künstlerin weiter. „Denn ich leiste in afrikanischen und arabischen Ländern keine Entwicklungshilfe, sondern mich interessieren die Fragen: Welche Vorstellung hat man hier von der dortigen Kunst, mit welchem Konzept gehen Menschen dort an Kunst heran, und was bringt mir das für meine Arbeit“.

Zu sehen ist die Ausstellung dienstags von 14 bis 17 Uhr, mittwochs bis freitags von 10 bis 12 und von 14 bis 17 Uhr sowie samstags, sonntags und an Feiertagen von 11 bis 17 Uhr. Am 24., 25. und 31. Dezember sowie am 1. Januar ist die Ausstellung jedoch nicht zu sehen.