Kirchheim

Forellen – fangfrisch aufgetischt

Ehemaliger Festungsgraben in Kirchheim als neues Domizil für Angler, Schwimmer und Eisläufer

Gewässer erlebbar machen – dieser Generationenaufgabe hat sich die Stadt Kirchheim schon seit vielen Jahren verschrieben. Im Mittelpunkt standen bislang die „natürlichen“ Gewässer, vor allem Lauter und Lindach. Jetzt soll aber ein einstiges künstliches Gewässer stärker in den Fokus rücken und „wiederbenetzt“ werden: der Schlossgraben.

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Angeln direkt in der Stadt: Das ermöglicht der wassergefüllte Schlossgraben künftig in Kirchheim. Mitglieder des Angelvereins fangen ihre Forellen von der Straßenseite aus. Es gibt aber auch spezielle Schlossführungen mit Angelerlebnis und Verkostung von „Franziskas Forellen“.Foto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. Der Wikipedia-Eintrag zu „Schloss Kirchheim“ muss demnächst umgeschrieben werden. Zur Geschichte der bedeutenden Eckbastion – die aus den Zeiten stammt, als Kirchheim eine von sieben württembergischen Landesfestungen war – heißt es im Internet-Lexikon: „Die rautenförmige unregelmäßige Vierflügelanlage ist von einem tiefen Graben umgeben, der heute allerdings trockengelegt ist.“

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Für einen Teil des Grabens soll sich das schon am heutigen Freitag ändern, wenn ab 15 Uhr die erste Probeflutung beginnt. Vom achteckigen „Rundsaal“ des Schlosses wird sich der zehn Meter breite Graben dann entlang der Stadtmauer mit Wasser füllen – bis hin zum Wachthaus. Als Wassertiefe sind zwei bis drei Meter vorgesehen. Die Gesamtlänge des gefüllten Wassergrabens erstreckt sich über gut hundert Meter.

In erster Linie dient dieser Wasserspeicher der Verbesserung des Mikroklimas in der Stadt. Ein weiterer Nutzen liegt im gewaltigen Vorrat an Löschwasser. Sollte in der historischen Fachwerkstadt also wieder eine verheerende Feuersbrunst ausbrechen, wäre die Stadt besser dagegen gewappnet als seinerzeit, beim großen Stadtbrand im August 1690.

Ansonsten aber sollen sich die Kirchheimer und ihre Gäste aus nah und fern an dem neuen Gewässer ganz einfach erfreuen können. Vorgesehen sind die unterschiedlichsten Nutzungen. Die nordwestliche Hälfte des Grabens wird dem Angelverein Kirchheim übertragen, der seine berühmte Forellenzucht ausbauen will. In Kooperation mit den Staatlichen Schlössern und Gärten ist für die Sommermonate an Spezialführungen gedacht: Unter dem Motto „Franziskas Forellen“ können die Teilnehmer der Schlossführungen von den zwei Zimmern, die während der Zeit Franziskas von Hohenheim an das Schloss angebaut worden waren, ihre Angeln auslegen.

Die fangfrischen Forellen werden dann vom Angelverein geräuchert. Verzehrt werden sie bei der authentischen Kostümführung direkt auf der Stadtmauer – mit Originalbesteck aus Museumsbeständen. Das Stadtarchiv steuert dazu ein Rezeptbuch aus dem Jahr 1805 bei. Zu den Forellen gibt es also echt schwäbischen Kartoffelsalat, wie ihn auch die Herzogswitwe Franziska schon genossen hat. Sogar die Kartoffelsorten sind historisch: Sie stammen von den Versuchsfeldern des Instituts für Kulturpflanzenwissenschaften der Universität Hohenheim und haben damit noch einen zusätzlichen Bezug zu Franziska, der berühmten Bewohnerin des Kirchheimer Schlosses.

Das ist aber noch längst nicht alles. Der südöstliche Teil des Schlossgrabens soll nämlich dem Wassersport vorbehalten sein. Von Anfang März bis Ende Oktober steht er besonders hartgesottenen Schwimmern zur Verfügung, die – dank der vorgesehenen Überdachung – selbst bei Regenwetter ihre Bahnen ziehen können. Die Stadtverwaltung sieht hinter diesem Konzept einen adäquaten Teilersatz für das fehlende Kirchheimer Hallenbad.

Eine komplette Einhausung allerdings verbietet sich aus Gründen des Denkmalschutzes. Folglich ist von November bis Februar kein Schwimmen im Schlossgraben möglich. Dafür macht die Stadt Kirchheim aber auch in diesem Fall aus der Not eine Tugend: Das Wasser im Graben wird künstlich gekühlt, sodass vier Monate lang eine überdachte Eislaufbahn im Schlossgraben zur Verfügung steht. Das dürfte die Stadt auch im Winter für den Tagestourismus attraktiv machen.

Die Stadt hofft auf zusätzliche Einnahmen durch Eintrittsgelder, und zwar das ganze Jahr über. Auf diese Art und Weise könnte sich das Projekt, das immerhin mit 580 000 Euro zu Buche schlägt, langfristig sogar selbst tragen. 60 Prozent der Kosten werden ohnehin – wegen des Modellcharakters – durch Mittel aus dem Europäischen Sozialfonds finanziert. Kirchheim kann also mehr als zufrieden sein: Es gibt eine neue Attraktion, und der städtische Haushalt wird damit nicht einmal belastet. Der Schlossgraben als ehemaliges „Annäherungshindernis“ kann also getrost gefüllt und somit überwunden werden – Wasser marsch!

Zum Auftakt der „Graben-Bewässerung“ verkauft der Angelverein am heutigen Freitag ab 15 Uhr vor dem Haupteingang zum Schloss – direkt an der Stele zur Erinnerung an Franziska von Hohenheim – seine begehrten geräucherten Forellen, als Vorgeschmack auf kommende Sommer-Forellen-Führungen im Schloss.