Lokale Kultur

Leben ohne Spielraum und ohne Chance auf Wendung

„Hochzeitslose“: Berührendes Theaterstück über das Schicksal zweier unverheirateter Frauen

Theater "Hochzeitslose-nach dem Roman von Maria Berg", im Rahmen der Frauenkulturtage
Theater "Hochzeitslose-nach dem Roman von Maria Berg", im Rahmen der Frauenkulturtage

Kirchheim. „Babette, ein Schrei zwischen Jubel und Verzweiflung“, diese Textzeile aus der Theateraufführung „Hochzeitslose“ nach dem Roman der schwäbischen Autorin Maria Beig, beinhaltet bereits die ganze Tragik des Schicksals zweier Frauen bis in die 70er-Jahre. Das Theaterensemble Lindenhof aus Melchingen brachte die Inszenierung auf die Bühne der Kirchheimer Stadthalle und machte rund 300 Besucher betroffen. Es sind zwei Geschichten, die das Leben schrieb und die stellvertretend für viele Frauenschicksale seit 1900 bis in die Wirtschaftswunderzeit stehen können.

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Patriarchalische Familienstrukturen bestimmten lange Zeit die Erbfolge im Schwäbischen. Auf dem Land ging der elterliche Hof an den ältesten Sohn der Familie, die anderen Familienmitglieder konnten sehen, wo sie blieben. Vor allem die Frauen waren die Leidtragenden, sie mussten sich verdingen, um ihr Leben fristen zu können, immer in der Hoffnung, geheiratet zu werden und einen Ernährer zu finden, um eine Familie gründen zu können. Zwei Weltkriege seit 1914 verschärften die Situation der Frauen zusätzlich, denn viele Männer ließen ihr Leben auf den Schlachtfeldern des Krieges. Die überlebenden Heimkehrer waren heiß begehrt unter den Frauen.

In dieser Zeit spielt die Handlung des Stücks. Die Bauerntochter Babette zieht mit ihrem fünfjährigen Bruder Ludwig zu Verwandten auf deren Einödhof im Wald. Sie muss sich als Magd verdingen. Potenzielle Heiratskandidaten werden von der Herrschaft vom Hof geprügelt, man will die billige Arbeitskraft Babette nicht verlieren. Für ihren Briefträger will sich Babette aufsparen, aber ihr Bräutigam fällt im Krieg und sie bleibt hochzeitslos. „Heula macht wiascht“, sagt sie trotzig und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. Wenn sie die Verzweiflung übermannt, haut sie zornig mit der Faust auf den Tisch und brüllt: „Ich überleb se alle, ich zwing se alle.“ Ihr Überlebenswille ist groß, aber als Magd bleibt sie unverheiratet mit ihren Sehnsüchten nach Mann, Ehe und eigener Familie zurück. Sie ist fürs Schaffen bestimmt und bekommt ein Hüftleiden, ihr Bruder Ludwig aber erbt vom Vettermann später den Hof.

Auch der reichen Fabrikantentochter Marta ergeht es nicht viel besser, auch sie fristet unverheiratet ihr Leben, trotz zahlreicher intensiver Liebschaften. „Ich war kein leichtes Mädchen“, stellt sie richtig. „Ich liebte mit der ganzen Kraft meines Herzens. Ich liebte die ganzen deutschen Soldaten, aber dann mussten sie nach Norwegen und Afrika.“ Sie ertränkt ihre Einsamkeit im Alkohol und wünscht sich selbst den Tod. „Ich war kein Fuchs“, sagt Marta, „nur eine Marta, die einen Fuchspelz trug. Wäre ich ein Fuchs gewesen, wäre ich frei gewesen.“ Der Zuschauer schluckt trocken. Die Magd Babette streichelt die besinnungslos Betrunkene und versucht, die reiche Marta zu trösten: „Jetzt sind wir bald daheim“, aber Babette meint nicht ein Happy End, sondern das Ende des Lebens, ohne Hoffnung auf Erfüllung der Träume.

Mitgefühl mit den beiden Frauen zu entwickeln, dafür bleibt dem Zuschauer kaum Zeit; das Stück ist mit seinen Monologen zu dicht gestrickt. Jede Sequenz ist ein Schlag, erzählt eine Lebensepisode, etwas, das nicht wieder gut zu machen ist. Die Frauen hatten keinen Spielraum, ihrem Leben eine andere Wendung zu geben, das wird deutlich und macht betroffen. Unzähligen Babettes und Martas erging es ähnlich in den Jahren von 1900 bis 1970, von denen das Theaterstück erzählt. Die Frauen wurden durchs Leben gestoßen und der Zuschauer bleibt mit der Frage zurück: Was hat sich seitdem wirklich verändert? „Das war eine gute Inszenierung, eine gute schauspielerische Leistung, aber harte Kost“, resümierte einer der Besucher nach dem Ende des Stückes, als er den Saal verließ. Vielen Besuchern erging es ähnlich.