Lokale Kultur

Liebe, Tod und Lästerzunge

Lyrik-Performance mit Rudi Korbel und Gitarrist Georg Lawall

Kirchheim. Francois Villon war fraglos eine schillernde Figur: vor dem Hintergrund der Wirren des Hundertjährigen Kriegs führte er einen unsteten Lebenswandel zwischen gelehrtem Schöngeist und einem zum Tode verurteilten Verbrecher. Seine hinterlassenen Schriften spannen einen lebensprallen Bogen von feinsinnig-poetischer Liebeslyrik, spitzzüngiger Kritik an der herrschenden Klasse bis zur existenziellen Befassung mit Elend, Hunger und Tod. Der spätmittelalterliche Dichter beeinflusste nicht nur die „poètes maudits“ der französischen Romantik, auch im deutschen Sprachraum erfuhr er durch die Nachdichtungen des Expressionisten Paul Zech eine nachhaltige Rezeption.

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Diese Steilvorlage nutzten Rezitator Rudi Korbel und Gitarrist Georg Lawall für eine zündende Lyrik-Performance im Kirchheimer Kornhaus. Unter dem programmatischen Titel „Liebe, Tod und Lästerzunge“ zeichneten sie die Stationen von Francois Villons bewegtem Leben in dichterischen Selbstzeugnissen nach: die Herkunft aus bescheidenen Verhältnissen, das Abgleiten aus dem akademischen ins kriminelle Milieu, Verbannung, vogelfreie Wanderjahre und Kerkerhaft.

Die Verbindung von Text und Musik sorgte für künstlerisches Ebenmaß und atmosphärische Dichte. Georg Lawall, der in diesem Jahr auf seinen 60. Geburtstag sowie auf vierzig Bühnenjahre zurückblicken kann und dies mit einem umfangreichen Konzertjahr begeht, brachte Musik von Fernando Sor sowie eigene Kompositionen zu Gehör, stützte und erweiterte mit diesem veritablen Konzertprogramm die weitgespannte Empfindungswelt der Villonschen Texte.

Mit Rudi Korbel von der Filder­städter Rabenbühne hatte er einen hochkarätigen Künstler an seiner Seite, der als Alter Ego des Dichters eine beeindruckende gestalterische Bandbreite ausspielen konnte, die von starker Bühnenpräsenz getragen wurde. Lyrische Verinnerlichung und raffinierter, zarter Gestus wandelten sich zu geistreich-ätzendem Spott und kulminierten in der geifernden, als kunstvolle Tirade vorgetragenen „Ballade von den Lästerzungen“, für die beide Akteure spontanen Zwischenapplaus erhielten.

Wenn auch Villon nicht am Galgen enden sollte, so hatte er dieses Schicksal doch vor Augen, als er im Winter 1462 in Kerkerhaft die Zeilen schrieb: „Ich bin Francois, was mir Kummer macht, geboren in Paris bei Pontoise, und von dem Strick einer Elle Länge wird mein Hals erfahren, was mein Hintern wiegt“. Dieser schwarzhumorigen Schlusspointe ließen Rudi Korbel und Georg Lawall als Zugabe eine Räuberballade Villons folgen, die blueslastig, mit origineller, anachronistischer Kraft versehen zu einer packenden Moritat geriet.