Lokale Kultur

Meister der wechselnden Rollen

Bernd Kohlhepp präsentiert im Lindorfer Bürgerhaus einen bunten Strauß an schwäbisch-knorrigen Charakteren

Kirchheim. „Karten für den Hämmerle“ hätten zahlreiche Fans am Vorverkaufstelefon gewünscht, erzählte Regina Rübbert, Vereinsvorsitzende von Kultur in Lindorf. Mit dem Programmtitel, unter dem

Anzeige

Mundart-Kabarettist Bernd Kohlhepp am Freitagabend im Lindorfer Bürgerhaus gastierte, hatte sie jedoch eine passende Replik bei der Hand: „Des isch ein anderer.“

Selbstverständlich bekam Kohlhepps Paraderolle als Kultschwabe dennoch auch in Lindorf genügend Bühnenzeit eingeräumt. Hämmerle, der ungekrönte „König von Bempflingen“, durfte erzählen, wie er sich aus Liebe zu seiner Frau von einem gemeinsamen Hobby namens Trennkost überzeugen lässt – er isst im Wohnzimmer, sie in der Küche. Zu hören bekommt das Publikum auch, wie er dem Nachbar singend die Versöhnung anbietet – nachts um drei versteht sich– und wie seine Küchengeräte altersschwach werden. Besonders ein inkontinenter Kühlschrank und der Toaster, „der’s Brot nemme halda kann“, rufen Mitleid hervor.

Gefestigt durch solcherlei Erfahrungen, mischt Hämmerle dann auch praktische Tipps für sein Publikum unter. Sei es der Rat, den Ergebnissen der Waage, die schon in ihrem Namen Unsicherheit über die eigene Präzision zum Ausdruck bringe, keine große Beachtung zu schenken, oder der väterliche Hinweis zum Thema Frauen: „Erschd guggsch bleed hinderhär, hinderhär guggsch bleed!“

Dass Bernd Kohlhepp ein Meister darin ist, ansatzlos zwischen seinen Rollen hin und her zu schalten, ist hinlänglich bekannt. Auch im bestens gefüllten Bürgerhaus präsentiert er einen buntgemischten Strauß an schwäbisch-knorrigen Charakteren. Da wundert sich zum Beispiel ein vergreister Kurpatient unter grausamen Hustenanfällen, über den Arzt, der ihm „Wein nur in kleinen Dosen“ erlaubt. Frau Schwerdtfeger, die „Königin des Kandlkehrens“, fragt sich, ob man ihr ansehe, dass sie im Herbst 80 Kilo verloren hat – „Seitdem leb i hald alloi“. Und ein einsamer Kreuzfahrturlauber, der bei der Äquatortaufe Pool und Ozean verwechselt hat, schwimmt stoisch drauflos – beunruhigt nur durch den Gedanken, seine Frau könnte ihm folgen, sobald sie feststellt, dass der Kabinenschlüssel noch in seiner Tasche steckt.

Zwischendrin gibt es immer wieder kurze Gedichte und schwäbischen Rock’n’Roll: Aus Buddy Hollys „Peggy Sue“ wird eine Hommage an die „Päcklessupp“, zu „Sexbomb“ lässt sich dem Ärger über die Produkte eines schwedischen Möbelhauses Luft machen und Frau Schwerdtfeger besingt ihr Allheilmittel Thymian-Tee auf die Melodie des AC/DC-Hit „T.N.T“.

Dazu stochert Kohlhepp von Beginn an mit Verve in den ersten Reihen. Taugliche „Opfer“ sind schnell gefunden und werden über den ganzen Abend zur Freude der übrigen Zuschauer in das Bühnengeschehen integriert. Auch mit seinem Steckenpferd, dem Reimen, verdient er sich bewundernden Sonderapplaus: Um ein Gerüst aus vom Publikum mehr oder weniger willkürlich gewählten Begriffen schustert Kohlhepp spontan ein Gedicht zusammen.

Nicht zuletzt dank seines herausragenden handwerklichen Könnens geht die Routine, mit der Bernd Kohlhepp pünktlich alle halbe Minute sarkasmustriefende Wortspiele und Pointen serviert, nur selten wirklich auf die Nerven. Trotz aller Akribie die er in sein Schauspiel, seine Sprache, den Gesang und die Interaktion mit den Zuhörern steckt, merkt man ihm die Freude an, wenn er schlagfertig auftrumpfen kann und das Publikum in eruptierendes Gelächter stürzt. Und wer am Ende die stürmische Einforderung einer Zugabe eigenhändig choreographieren kann, hat seine Zuhörerschaft offensichtlich hervorragend im Griff.