Lokale Kultur

Mephisto tanzt

Fantastischer Konzertabend mit dem Pianisten Daniel Röhm

Kirchheim. Schon zu seiner Zeit sorgte Franz Liszt (1811–1886), Komponist und Popstar der Romantik, für kollektive Ohnmacht. So sprach

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Brigitte Gerstenberger

der Dichter Heinrich Heine von einer „Lisztomanie“ und zielte damit auf die Reaktion des weiblichen Pub­likums ab, das bei Liszts Auftritten aufgeregt kreischte und nahezu außer Kontrolle geriet. Liszt, Erfinder pianistischer Extreme, bleibt immer ein Wagnis. Ein Abend lang ausschließlich Liszt zu spielen, ist zweifellos mit einem gewissen Nervenkitzel verbunden. Nicht nur musikalisches Können und Leidenschaft auf hohem technischem Niveau galt es in der Kirchheimer Stadthalle zu bestaunen, sondern auch Daniel Röhms meisterhaften Interpretationen zu folgen, der virtuos und facettenreich dem tiefsinnigen Geheimnis von Franz Liszt nachspürte. Für Daniel Röhm, vielfach preisgekrönter Musiker mit internationalem Renommee, zählt Franz Liszt zu einem seiner Lieblingskomponisten.

Sein Programm eröffnet Röhm mit Liszts „Funérailles“. Und schon bei den ersten Anschlägen verrät der Pianist seine Auffassung über das Werk. Vordergründig spielt man dieses Stück gewiss nicht wie einen Trauermarsch. Was wagt ein Pianist, und wie viel Mut bringt er auf? Röhm, der virtuose Lisztversteher, reißt beherzt die Finger von den Tasten, um dort einen Ton abzubrechen, wo er beim Zuhörer im tiefen Inneren immer noch nachwirkt nach seiner abrupten Verweigerung. Dann flammt die heroische Marschmusik auf. Tonalisch kühn in Szene gesetzt, fliegen einem die Oktaven der linken Hand um die Ohren, rollende Bässe werden aus dem Flügel gehauen.

Luft holen, durchatmen, kein kurzes Innehalten zwischen den einzelnen Werken, nonstop geht es weiter, was teilweise Irritationen in der Zuhörerschaft hervorruft. Als nächstes aus dem Zyklus „Harmonies poétiques et réligieuses“ spielt Daniel Röhm „La Bénédiction de dieu dans la solitude“. Den Titel hat Liszt von dem französisch-romantischen Dichter Alphonse de Lamartine übernommen, dessen Dichtungen romantische Naturreligiosität verkörpern. Seine sozialpolitischen, ästhetischen und religiösen Ideen beeinflussten Liszt. Mit technischer Brillanz und einem hohen Maß an Einfühlsamkeit spürt Röhm der Melodie nach, die zu Beginn lang gezogen und frei ausschwingt, feinste Nuancen im Spiel von Röhm lassen die Unendlichkeit der freien Natur erahnen. Wie sagte doch der Kritikerpapst Joachim Kaiser so treffend: „Daniel Röhm ist mir vor allem durch seine fantasievolle Kraft beschwingter lyrischer Versenkung aufgefallen. In ihr besteht seine unverwechselbare Eigentümlichkeit“.

Liszt, der sich intensiv mit Goethes Werk auseinandersetzte, besonders das Faust-Thema fesselte ihn, nahm Nikolaus Lenaus umfassende Dichtung „Faust“ zur Vorlage für sein zweiteiliges Orchesterwerk „Episoden aus Lenaus Faust“. Den zweiten, zunächst für Klavier solo komponierten Teil überschrieb er mit „Mephistowalzer“. Dieses hochvirtuose Bravourstück von Liszt bewegt sich an der Randzone des Rausches. Und so lässt Röhm Mephisto tanzen mit fingerfertiger Raserei auf der Klaviatur und rhythmischen Wirbeln der Wollust. Für den Perfektionisten Röhm ist Poesie, Elegie und Leidenschaft wahrlich keine Hexerei.

Nach der Pause dann Liszts fili­granes Ungetüm, die „Sonate h-Moll“, ein wagemutiges, atemloses Harmonieabenteuer. Der exzellente Pianist Daniel Röhm, der wegen seiner Fähigkeit gerühmt wird, „seriöses Gefühl intelligent zu kontrollieren und zu vermitteln“, greift souverän, kraft- und effektvoll den Pulsschlag der Sonate auf. Der Wohlklang seines Anschlags begeistert, bewahrt er doch jedes Fortissimo vor Brutalität. Röhm lässt den Zuhörer spüren, dank seiner gestalterischen Übersicht, wohin sich Motive und Thema entwickeln. Ein famoser Klavierabend, ein begeistertes Publikum und zwei Zugaben, ein Abend mit maximaler Bekenntnistiefe, bravo.