Kirchheim

Musik, die direkt ins Herz trifft

Konzert Lehrer der Kirchheimer Musikschule zeigen ihr Können in der Waldorfschule. Das Motto lautete „Lieblingsstücke“. Vielleicht berührten viele Stücke deshalb so sehr. Von Bertram Schattel

Rodrigues Soares beherrscht die Altflöte auf eine atemberaubende Art und Weise.Foto: Brigitte Stortz
Rodrigues Soares beherrscht die Altflöte auf eine atemberaubende Art und Weise.Foto: Brigitte Stortz

Lieblingsstücke - so lautete das Motto im Konzertsaal der Kirchheimer Waldorfschule, als Lehrer der Musikschule Kirchheim ein hochkarätiges Kammerkonzert gestalteten und mit ihrer von Herzen kommenden Musik die Kenner und Liebhaber berührten. Der Gitarrist Zeljko Jazvez machte den Anfang mit drei eigenen Kompositionen: Präludium, Lamento und Crianza. Sie eröffneten den Konzertabend vortrefflich, denn sie zeigten das Spannungsfeld, in dem sich alle weitere Musik entwickeln sollte.

Verzierungstechniken der frühen Lautenmusik verschmolzen mit improvisatorisch anmutenden, folkloristischen Elementen. Romantisch-impressionistische Gitarrenklänge traten in Gegensatz zu wehmütig polyfonen Passagen barocker Prägung. Crianza, der über mehrere Jahre in Eichenfässern gelagerte spanische Wein, war Wegweiser für die gut gereifte Musik, die folgte.

Ein eingespieltes Team

Mit dem ersten Satz des Duos für Violine und Viola in G-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart erwiesen sich Regina und Takashi Otsuka als eingespieltes Musiker-Team. Sie waren die Einzigen, die an diesem Abend ein wirklich „klassisches“ Werk zu ihrem Lieblingsstück erklärten. Und sie erwiesen sich auch als Kenner klassischer Musik, spielten in den Läufen brillant mit feiner Agogik und Phrasierung. Eine Art Dialog zwischen zwei gleichwertigen Partnern, Hausmusik vom Feinsten!

Sodann wurde es romantisch, hinsichtlich des Kompositionsdatums der „Cavatine pour Trombone et Piano“ von Camille Saint-Saens könnte man auch sagen „hyperromantisch“. Johannes Stortz (Posaune) und Angela Richter (Klavier) interpretierten dieses Spätwerk des Komponisten mit großem Einsatz. Vom zarten Pianissimo bis zum kräftigen Forte, von den tiefsten Tiefen bis zu sphärischen Höhen konnte der Posaunist sein musikalisches Spektrum zeigen.

Mit zwei Sätzen aus Bachs Suite Nr. II in d-Moll für Cello Solo eröffnete Edwina Ionesco geradezu den Gegenpol eben erlebter spätromantischer Zerfahrenheit. Die feinfühlige Cellistin begeisterte im Prélude durch klare Melodieführung und innige Klanggestaltung. Musizieren heißt zulassen, dass Musik einen bewegt und emotional erfasst. Das schaffte sie durch einen packenden, dynamischen Aufbau des ersten Satzes und der Entwicklung des tänzerischen Charakters in der folgenden Allemande und erwies sich als exquisite Interpretin Bach‘scher Musik.

Ein bisschen verrückt ging es zu in „La Folia“ von Arcangelo Corelli, schließlich ist „Wahnsinn“ eine der Bedeutungen des Wortes. Vladimir Rodrigues Soares (Altflöte), begleitet von Angela Richter (E-Cembalo) interpretierte dieses hochvirtuose Stück in atemberaubender Weise. Welch eine dynamische Bandbreite - Artikulation und Verzierungen vom Feinsten! Hier erlebte man technisch ausgereiftestes Blockflötenspiel, das vom Publikum regelrecht bejubelt wurde.

Mit dem Kopfsatz aus Eduard Griegs Cello-Sonate a-Moll eröffnete sich die hochdramatische Welt der Romantik. Maka Jetter am Klavier begleitete den Gast-Cellisten Giga Khelaia. Die beiden bildeten eine kongeniale Einheit in dem von düsterer Unruhe geprägten Werk des nordischen Komponisten. Der Cellist war in lebhafter Diskussion mit der Pianistin und trotz einer kurzen, hoffnungsvollen Aufhellung im Mittelteil des Werks trieben beide der zwangsläufig folgenden Stretta mit ihrem schier verzweifelten Schlusspunkt zu. Diese packende, hoch professionelle, eines großen Konzertsaals würdige Darbietung wurde mit Begeisterung vom Publikum aufgenommen.

Ein weiteres romantisches Werk sollte den Kammermusikabend krönen: das Trio pathétique für Klarinette, Cello und Klavier von Michael Glinka. Bei aller romantischen Düsternis brachten groß angelegte, fast schon an Belcanto-Arien erinnernde Cantilenen, Leichtigkeit in die gemeinsamen Gespräche der drei Instrumente. Sarah Kirner (Klarinette), Christiane Alber (Violoncello) und Ella Flemmer (Klavier) erwiesen sich als gleichwertige Partnerinnen, immer wissend, wann sich zurücknehmen und wann in den Vordergrund treten. Erster und letzter Satz des Werkes verschmolzen in dieser Interpretation zu einer Einheit.

In einer auf Effizienz und Kosten-Nutzen-Denken ausgerichteten Zeit ist es wohltuend, dass es immer noch Menschen gibt - in diesem Falle Musiker - die ihr Können und ihre Profession ohne Profitinteressen anderen Menschen schenken. Kirchheim darf sich glücklich schätzen, eine ansehnliche Schar solcher Menschen an der Musikschule zu haben.

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