Lokale Kultur

Nicht immer siegt das Gute

Premierenwochenende im Naturtheater Grötzingen – „Besuch der alten Dame“ und „Schneewittchen“

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Aichtal. Tiefe Einblicke in das menschliche Wesen sind es, die das Naturtheater Grötzingen in diesem Jahr gibt: Mit dem „Besuch der alten Dame“ wählt die Bühne einen modernen Klassiker, der es in sich hat.

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Nicole Mohn

Da geht es um Intrigen und Verrat, Lügen und Enttäuschungen, Korruption und Käuflichkeit. Mit der tragischen Komödie will das Naturtheater am Galgenberg neue Schwerpunkte setzen. Am kommenden Samstag ist Premiere.

Im Spielerheim rattern die Nähmaschinen. Schon am Samstag feiert das Erwachsenenstück Premiere, doch noch immer wird beim Team der Kostümschneiderei mit Hochdruck an der Fertigstellung der letzten Teile gearbeitet. Auch draußen auf der Bühne herrscht rege Betriebsamkeit – soweit es zumindest das Wetter zulässt. „Das ist eine der Probenzeiten mit dem schlechtesten Wetter“, sagt Barbara Koch. Andreas Kleinknecht nickt. „Das ist in diesem Jahr ein ganz schöner Parforceritt“, merkt er an.

Doch Kulissenbauer und Kostümbildner sind nicht die Einzigen, die in diesen Tagen Sonderschichten fahren. Regisseurin Helga Kröplin hat die ganze Sonntagnacht durchgearbeitet, um die Ausleuchtung für das Erwachsenenstück zu perfektionieren. Zusammen mit der Amateurbühne bringt sie in diesem Jahr Friedrich Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ auf die Freilichtbühne am Grötzinger Galgenberg.

Die tragische Komödie des Berners hat sich seit ihrer Uraufführung im Jahre 1956 zu einem echten Klassiker der Moderne entwickelt. Für Helga Kröplin liegt das vor allem daran, dass Dürrenmatt in diesem Paradestück über Verrat und Lüge nicht mahnend den Zeigefinger erhebt, sondern mit feinem Verständnis die menschlichen Schwächen zeigt – und sich selbst dabei nicht ausnimmt. „In den Charakteren findet sich jeder mehr oder weniger wieder“, sagt sie. Dazu sei es in seiner Thematik hochaktuell, fällt es der Regisseurin leicht, über die Themen Korruption und Käuflichkeit, die Schere zwischen Armut und Reichtum aktuelle Bezüge für ihre Inszenierung zu finden.

Trotz aller Dramatik des Stückes, in dem die Multimilliardärin Claire Zachanassian den Kopf ihres ehemaligen Liebhabers, der sie als Dirne brandmarken und mit seinem Kind unter dem Herzen aus dem Dorf jagen ließ, als Vergeltung für seinen Verrat fordert, hat Dürrenmatt seinem Bestseller pointiert einen guten Schuss Komik mitgegeben. „Die Komik besteht in der tiefen Menschlichkeit der Figuren“, verspricht Helga Kröplin, die bereits zum zweiten Mal in Grötzingen arbeitet, ein vielschichtiges Theatererlebnis.

Mit der Auswahl des Dürrenmatt-Klassikers setzt das Naturtheater Grötzingen erstmals wieder bewusst stärkere Akzente auf das Erwachsenenstück und wagt eine Inszenierung, die sich vom Mainstream der Freilichtbühnen positiv abhebt. Ganz bewusst möchte das Theater mit der Stückauswahl auch ein jüngeres Publikum ansprechen. „Viele haben sich in ihrer Schulzeit mit dem Stück befasst, es aber nie auf der Bühne gesehen“, so die künstlerische Leiterin Barbara Koch. Das, so hofft auch Nil Boushila, rückt das Angebot für das erwachsene Publikum wieder stärker in den Fokus. „Viele nehmen das Naturtheater vor allem über das Kinderstück wahr“, erklärt der junge Mime, der aktuell bei der Grötzinger Bühne für den Bereich Marketing verantwortlich ist.

Für das junge Publikum steht in diesem Jahr ein Klassiker aus der reich gefüllten Schatztruhe der Gebrüder Grimm auf dem Spielplan. „Schneewittchen“ sorgt ab dem kommenden Sonntag hier samt Zwergen, Prinz und böser Stiefmama auf der Bühne für Unterhaltung. Und anders als bei Dürrenmatt darf hier das Gute siegen.

Zum zweiten Mal führt Kerstin Schürmann das Kommando über die große Spielerschar im Kinderstück. Sage und schreibe 39 Akteure werden in ihrer Inszenierung auf der Bühne stehen. Und die sollen nicht nur Staffage für das liebliche Schneewittchen sein: „Mir war wichtig, dass alle mitspielen können“, erklärt sie im Pressegespräch. Da die verschiedenen Textbücher der Verlage nicht ihren Vorstellungen entsprachen, griff die junge Regisseurin und Schauspielerin kurzerhand selbst zum Stift und adaptierte das Märchen für das Naturtheater. So gibt es unter anderem die Zofenschar, die als heimliche Macht im Schloss schon mal gegen die böse Königin aufmuckt. Und dem schmucken Prinzen stellte Kerstin Schürmann kurzerhand eine kleine, freche Schwester an die Seite: „Als Gegengewicht zum holden Schneewittchen.“

Manches entwickelte sich zudem aus der Improvisation: „Zum Beispiel die Zwerge: Jeder hat seinen eigenen Charakter, den die Spieler mitgeprägt haben“, gibt die junge Regisseurin ein Beispiel. Auch bei der Gestaltung ihres Kostüms und der Namensgebung durften die Zwerge – die übrigens nicht alle klein sind, so viel sei verraten – tatkräftig mitwirken. Kein Wunder also, dass die jungen Akteure mit Begeisterung dabei sind und mitziehen. „Ich bin mächtig stolz auf sie“, spricht Kerstin Schürmann ihrer Spielerschar ein dickes Lob aus.

Am Wochenende nun wird aus den rund sieben Monate dauernden Proben Ernst: Am Samstag, 8. Juni, 20.30 Uhr, steht das Ensemble des Erwachsenenstücks „Der Besuch der alten Dame“ zum ersten Mal vor großem Publikum. Und für die Spielerschar von „Schneewittchen“ ist am Sonntag, 9. Juni, ab 15 Uhr Premierenzeit. Bis zum 18. August wird ­im Rund am Galgenberg Theater gespielt. 15 Mal ist der „Besuch der alten Dame“ zu sehen, für „Schneewittchen“ sind sogar 17 Vorstellungen angesetzt. Am Samstag, 22. Juni, lädt die Bühne zur „Schwäbischen Nacht“ mit Theater, Kulinarik und mehr.

Info

Alle Infos unter www.naturtheater-groetzingen.de; E-Mail vorverkauf@naturtheater-groetzingen.de, Telefon 0 71 27/5 03 80, Fax 0 71 27/5 67 19; Karten gibt’s auch im Stadtbüro der Nürtinger Zeitung, Am Obertor 15 in Nürtingen, Telefon 0 70 22/94 64-150, und bei Foto-Kutterer, Telefon 0 71 27/5 64 27.